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Zwischen Nervenkitzel und Albträumen: Was lösen brutale Horrorfilme bei Kindern aus?

  • Horrorfilme machen Kinder neugierig – und über das Internet gelangen sie schnell an blutige Szenen mit mörderischen Clowns und Puppen.
  • Kinder reagieren dabei ganz unterschiedlich auf solche Inhalte. Vielen Mädchen und Jungs bescheren sie vor allem schlaflose Nächte.
  • Bleibende Schäden sind Expertinnen und Experten zufolge in der Regel nicht zu erwarten – aber harmlos sind Horrorfilme für Kinder nicht.
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Eigentlich sind Puppen und Clowns freundliche und lustige Figuren, die Kindern ein Lächeln aufs Gesicht zaubern sollen. Doch wenn Halloween vor der Tür steht, jagen sie Zuschauerinnen und Zuschauern in Horrorfilmen höllische Angst ein. So sind Chucky, die Mörderpuppe, und Pennywise, der kinderfressende Zirkusclown aus dem Film „Es“, zwei der kultigsten Monster der Horrorfilmgeschichte.

Auch die neue Netflix-Hitserie „Squid Game“ verwandelt harmlosen Kinderspaß in ein Blutbad: Erwachsene müssen in bekannten Kinderspielen wie Seilziehen und „Ochs am Berg“ gegeneinander antreten – und wer verliert, stirbt einen grausamen Tod.

Horrorfilme: Warum uns der Nervenkitzel so viel Freude bereitet

Dass uns ausgerechnet die Umwandlung von Clowns, Puppen und Kinderspielen in mörderische Waffen so viel Angst einjagt, hat einen bestimmten Grund: „Die Kombination aus etwas, das eigentlich kindlich und harmlos sein soll, aber gruselig aussieht und gewalttätig ist, verstärkt die Angst“, sagt Angstforscher Borwin Bandelow. Doch warum sollte das ein Grund dafür sein, Horrorfilme zu sehen? Schließlich ist Angst ein eher unangenehmes Gefühl.

„Es mag zwar paradox klingen, aber Horrorfilme können auch positive Effekte haben. Bei der Angst und dem Nervenkitzel werden Endorphine ausgeschüttet“, betont Bandelow. Der Vorteil an Horrorfilmen sei, dass die Angst am Ende des Streifens verschwindet oder sich zumindest reduziert – die Wohlfühlhormone blieben aber im Blut, so der Experte.

Mörderische Clowns und Puppen erhöhen den Schreckeffekt bei Kindern

Das Prinzip trifft nicht nur auf Erwachsene, sondern auch auf Kinder und Jugendliche zu. „Der Nervenkitzel und Schreckeffekt ist bei Horrorfilmen mit mörderischen Clowns und Puppen größer, weil sich Kinder und Jugendliche mehr mit den Figuren und Inhalten identifizieren können“, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Renate Schepker von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

So ist auch die Serie „Squid Game“ mit ihren blutigen Szenen auf Schulhöfen zu einem beliebten Gesprächsthema geworden, weil Schülerinnen und Schüler viele der dargestellten Kinderspiele kennen. Zwar sind diese Inhalte nicht für Kinder und Jugendliche freigegeben, jedoch können sie über diverse Plattformen im Internet – darunter auch Social Media – relativ einfach an Ausschnitte herankommen. Auf Youtube haben selbst manche brutalen Videos nicht einmal eine Alterssperre.

Nervenkitzel und Gruppenzwang: Darum schauen Kinder Horrorfilme

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Der zu erwartende Nervenkitzel ist einer der Gründe, warum manche Kinder und Jugendliche Interesse daran haben, solche brutalen Inhalte zu sehen. Allerdings fühlen sich manche auch wegen des Gruppendrucks in der Schule dazu gezwungen, Szenen aus Filmen zu sehen, obwohl sie sich derart starken Ängsten gar nicht aussetzen möchten. „In Gruppen machen sich Kinder und Jugendliche oft auch einen Sport daraus – nach dem Motto ‚wer hält die Kettensäge am längsten aus‘“, betont Schepker.

Kinder und Jugendliche reagieren je nach Alter und Entwicklung dabei ganz unterschiedlich auf solche angsteinflößenden Inhalte: Während manche sie fast schon belustigend finden, liegen andere tagelang wach und haben Angst vor Monstern unter dem Bett. „Kinder müssen Inhalte, die Angst auslösen, erst mal verarbeiten – deshalb schlafen viele nach einem gruseligen Film schlecht und haben Albträume“, erklärt Schepker.

Horrorfilme: Inhalte können Kinder belasten, wenn sie sich mit ihnen identifizieren

Bleibende Schäden durch Horrorfilme seien laut der Psychiaterin in der Regel zwar nicht zu befürchten. Anders sei das jedoch, wenn sich Kinder und Jugendliche sehr stark mit belastenden Inhalten in Filmen identifizieren können. „Wer einen inneren Bezug zu Bildern oder auch Figuren im Film hat, die sie oder er sieht, kann durch filmische Darstellungen seelische Störungen wie Anpassungsstörungen entwickeln. Aber auch nur, wenn man die innere Distanz nicht einschalten kann“, sagt die Psychiaterin.

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In den USA sei beispielsweise nachgewiesen worden, dass Kinder Anpassungsstörungen – also die Vorstufe einer posttraumatischen Belastungsstörung – entwickelten, wenn sie etwa einen Film über ein Erdbeben in ihrer Heimat gesehen hatten und dort Orte identifizieren konnten.

Problematisch sei laut Schepker vor allem, wie realistisch Horrorfilme inzwischen geworden sind. „Auch in Videospielen zeigt sich: Je realistischer Spiele mit aggressiven Inhalten in der Darstellung sind, desto stärker steigt die Aggressionsbereitschaft. Mit verpixelten Inhalten und mehr Verfremdungseffekten funktioniert das weniger“, sagt sie.

Angstforscher: Keine Verrohung der Gesellschaft durch Horrorfilme

Der einfache Zugang zu blutigen und detailreichen Horrorfilmen führt Bandelow zufolge aber nicht zu einer Verrohung der Gesellschaft. Zudem gebe es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Horrorfilme Kindern grundsätzlich schaden. „Kinder, die später straffällig werden, haben in ihrer Jugend häufig Horrorfilme gesehen. Daraus kann man aber nicht umgekehrt schließen, dass Horrorfilme Kinder gewalttätig machen“, betont Bandelow. Jedoch könne es sein, dass Horrorfilme antisoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen verstärken, die ohnehin schon zu so einem Verhalten neigen.

Kind durch Horrorfilm verängstigt: Was Eltern tun können

Wenn Kinder verstört oder verängstigt sind, nachdem sie Inhalte aus Horrorfilmen gesehen haben, sollten Eltern das Gespräch mit ihnen suchen. „Eltern müssen klarstellen, welche Dinge es in der Realität geben kann und welche es nicht gibt – wie Zombies und Geister. Denn um zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu unterscheiden, brauchen Kinder Unterstützung“, sagt Schepker. Gerade jüngere Kinder wissen oft noch nicht, dass es Monster nur in Geschichten gibt. „Darüber zu reden und das unaussprechlich Horrormäßige in Worte zu fassen hilft bei der Verarbeitung“, betont Schepker.

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