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Zwischen Hexen und Räubern: Das macht Deutschlands beste Grundschule so besonders

  • In der Otfried-Preußler-Grundschule werden Inklusion und Teilhabe gelebt.
  • So lernen alle Kinder die Gebärdensprache, werden aktiv in den Schulalltag mit einbezogen, leiten AGs und betreiben den schuleigenen Kiosk.
  • Für dieses außergewöhnliche Schulkonzept gab es nun den Deutschen Schulpreis.
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Unterricht in Lernhäusern, individuelle Förderkonzepte, vollständige Teilhabe - all das vereint die Otfried-Preußler-Schule in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Für ihr Schulkonzept hat die Grundschule, die sich seit mehr als zehn Jahren der Inklusion verpflichtet hat, nun den mit 100.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis 2020 gewonnen.

In einer aufgrund der Corona-Pandemie auf dem Deutschen Schulportal virtuell übertragenen Preisverleihung aus Berlin gab Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch die Grundschule mit knapp 400 Schülerinnen und Schülern als Gewinnerin der bundesweit wichtigsten Auszeichnung dieser Art bekannt. Am diesjährigen Wettbewerb hatten sich nach Angaben der Organisatoren 81 Schulen beteiligt, 15 waren für das Finale nominiert.

Gelebte Inklusion: Alle Schüler lernen die Gebärdensprache

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Mit ihrer innovativen Schulgemeinschaft sei die Otfried-Preußler-Schule ein Vorbild für andere, sagte Merkel. Doch wie genau sieht innovativer Unterricht im Jahr 2020 aus? Der gerade mal vier Jahre alte Neubau in Hannovers Südstadt ist so konzipiert, dass auch Kinder mit Sinnes- oder Körperbeeinträchtigungen die Grundschule besuchen können. “Wir haben vom Fahrstuhl bis zum Pflegebad alles, was man aus medizinischer oder pflegerischer Sicht benötigt”, wird Schulleiterin Alexandra Vanin auf der Internetseite des Deutschen Schulpreises zitiert. Rund 16 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Die Gebärdensprachen lernen dennoch alle - damit Verständigung ohne Sprachbarrieren möglich ist.

In der Otfried-Preußler-Schule lernen die Kinder täglich 90 Minuten jahrgangsübergreifend in vier sogenannten Lernhäusern, die nach den Figuren des Kinderbuchautors Otfried-Preußler benannt sind: Räuber, Gespenster, Hexen und Wassermänner. Durch die Namensgebung hätten die Kinder eine hohe Identifikation mit ihrem Haus, sagt Vanin. In der Praxis drückt sich das so aus: Die Hexen treffen sich zum Hexenrat, die Räuber verkaufen Bücher auf dem Räuberflohmarkt, die Gespenster singen im Gespensterchor, und die Wassermänner haben ihren eigenen Wassermännerchor. “Das hat eine hohe Wirksamkeit und gibt den Kindern enorm viel Sicherheit”, so Vanin weiter.

Teilhabe wird großgeschrieben

Noten gibt es nicht. Stattdessen schreiben die Lehrer Lernentwicklungsberichte, die stetig verbessert werden. Schulleiterin Vanin verfolgt dabei ein hohes Ziel: “Ich möchte, dass die Kinder wissen, dass das, was sie tun, wichtig ist für die Welt von morgen.” Die Leistungs- und Interessenförderung wird an jedes Kind angepasst, Unterrichtsmaterialien werden deshalb überwiegend selbst entwickelt, gleiches gilt für die Arbeitspläne, die an dieser Schule “Lernräder” heißen. Die Kinder arbeiten in 60- und 90-minütigen Lernblöcken und an wöchentlichen Projekttagen überwiegend selbstständig. Darüber hinaus beginnt der Tag mit einem festen Ritual, dem Morgenkreis. Der ist an der Grundschule rhythmisiert, sprich Phasen von Ruhe und Bewegung wechseln sich ab.

Große Freude: Alexandra Vanin, Schulleiterin der Otfried-Preußler-Schule, bei der Preisverleihung des Deutschen Schulpreises. © Quelle: Moritz Frankenberg/dpa

Teilhabe wird an der Grundschule großgeschrieben: So dürfen die Kinder selbst Arbeitsgemeinschaften leiten. Und dann gibt es da noch Ottis Eck, den inklusiven Schulkiosk, der bei den Kindern besonders beliebt ist. Immerhin betreiben sie den kleinen Verkaufststand komplett in Eigenregie - von der Kassenbuchführung, übers Waffeln backen bis zur Werbung.

Die meisten Familien, deren Kinder die Otfried-Preußler-Schule besuchen, sind wirtschaftlich gut gestellt und haben einen bildungsnahen Hintergrund. Etwa zehn Prozent beziehen Transferleistungen, etwa ein Viertel hat einen Migrationshintergrund. In knapp 90 Prozent der Familien sind beide Elternteile berufstätig. Entsprechend nutzen drei Viertel der Schülerinnen und Schüler das Angebot des teilgebundenen Ganztagsschulbetriebs.

Schulpreis: 2021 liegt der Fokus auf Corona und Schule

Während der Preisverleihung wurden auch fünf jeweils mit 25.000 Euro dotierte zweite Preise vergeben. Erfolgreich war mit der Beruflichen Schule in Einbeck eine zweite Einrichtung aus Niedersachsen. Prämiert wurden außerdem die Hardtschule in Durmersheim und die Grundschule Schuttertal, beide in Baden-Württemberg, sowie in Nordrhein-Westfalen das Gymnasium Essen Nord-Ost und die Marie-Kahle-Gesamtschule in Bonn. Alle weiteren für die Schlussrunde nominierte Schulen erhielten Anerkennungspreise von je 5.000 Euro.

Mit dem Deutschen Schulpreis zeichnen die Robert-Bosch-Stiftung und die Heidehof-Stiftung in Kooperation mit der ARD und der „Zeit"-Verlagsgruppe seit 2006 gute Schulen aus. Im kommenden Jahr soll es besonders um Schulkonzepte und -ideen unter den Bedingungen der Corona-Pandemie gehen.

Dazu sagte Bundeskanzlerin Merkel, viele Schulen in Deutschland hätten aus der Not eine Tugend gemacht und dafür gesorgt, dass das Lernen zu Hause funktioniere. Die Bundesregierung wolle trotzdem alles daran setzen, künftig flächendeckende Schulschließungen zu vermeiden: “Kinder und Jugendliche dürfen nicht zu Verlierern der Pandemie werden.”

RND/epd/caro

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