Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Zum Muttertag: Wie wichtig sind Väter für ihre Kinder?

Selbst die Corona-Krise ist manchmal zu etwas gut. Väter zum Beispiel bekommen dieser Tage mit Nachdruck ins Stammbuch geschrieben, wie wichtig sie für ihre Kinder sind. Und zwar in einem Bereich, in dem man es noch vor 50 Jahren kaum für möglich gehalten hätte: bei der Geburt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Geburt, das war bis in die späten Sechzigerjahre hinein etwas, worüber Frauen verschämt mit ihren Freundinnen redeten, wenn überhaupt. Mit ihren Ehemännern, die nach getaner Arbeit in der Klinik vorbeischauten, um das Neugeborene getrennt von der Mutter durch eine Glasscheibe zu bestaunen, jedenfalls nicht. Erst seit den Siebzigerjahren sind Väter im Kreißsaal erlaubt.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Spotify Ltd., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Momentan dürfen Väter oft bei der Geburt ihrer Kinder nicht dabei sein

Jetzt, in der Corona-Krise, kämpfen Eltern, Geburtskliniker und Hebammen dafür, dass Vätern das Recht auf die Anwesenheit bei der Geburt nicht wieder genommen wird. Väter sind heute bei der Geburt eine Selbstverständlichkeit. Neun von zehn begleiten Schätzungen zufolge ihre Partnerin in die Klinik. Aber wegen der Infektionsgefahr dürfen sie sie zurzeit in den meisten bundesdeutschen Kliniken nur im Kreißsaal unterstützen, in manchen Kliniken ist selbst das nicht erlaubt. Der Deutsche Hebammenverband kritisiert das scharf. “Eine Geburt ist für die ganze Familie ein existenzielles Ereignis”, sagt Präsidentin Ulrike Geppert-Orthofer – und meint damit explizit auch die Väter. Die Familie sei “eine Einheit, deren Trennung während und nach der Geburt weitreichende Folgen für die Familienbindung und Familiengesundheit hat”.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wie ist es also heute um die Bedeutung von Vätern bestellt? Gibt es die “neuen Väter” überhaupt, oder überwiegt noch immer ihre Lust an Vollzeitjob und Karriere, die lediglich von ein paar Vätermonaten kaschiert wird? Sind sie für das Aufwachsen ihrer Kinder tatsächlich so wichtig wie Geppert-Orthofer vorgibt? Nehmen die “neuen Väter” ihre Elternpflichten so ernst wie moderne Mütter – oder verdrücken sie sich, wenn es unangenehm wird? Und: Wie können Mütter dazu beitragen, dass Väter keine Randnotiz bleiben? Brauchen neue Väter auch neue Mütter im Land?

Sogar bei Grünen-Chef Robert Habeck passen Kinder nicht ins Bild

Dass Kinder auch heute noch am besten unsichtbar bleiben sollen, wenn Männer ihren Job machen, davon kann man sich in Corona-Homeoffice-Zeiten ein gutes Bild machen. Sogar bei Grünen-Chef Robert Habeck, 2008 immerhin Autor des Buches “Verwirrte Väter – oder: Wann ist der Mann ein Mann”, passen die Kinder nicht wirklich ins (Fernseh-)Bild. Als einer der vier Söhne des 50-Jährigen während eines Fernsehinterviews verschämt die Tür öffnet, um dann mit nacktem Oberkörper durch den Raum zu schleichen, reagiert Habeck im Gegensatz zur Twitter-Gemeinde, die das Bild vielfach teilt, wenig amüsiert. “Du bist voll im Fernsehen”, kommentiert er den Lapsus des Sohnes genervt.

Habecks Homeoffice-Fauxpas ist die kleine Schwester eines millionenfach geklickten Interviews des Südkorea-Experten Robert E. Kelly aus dem Jahr 2017. Während der Politikprofessor via Skype mit der BBC spricht, kommt seine kleine Tochter ins Bild getänzelt. Dann schippert auch noch ein zweites Kind im Laufstuhl hinterher, ehe die gestresste Mama beide einsammelt. Immerhin: Auch bei Frauen im Job sind Kinder heute noch oft tabu. Im Thüringer Plenarsaal kommt es Mitte 2018 zum “Babygate”, als die Grünen-Abgeordnete Madeleine Henfling ihren Sohn vor Beginn der Sitzung im Plenarsaal stillt – und daraufhin aus dem Landtag fliegt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Die Abgeordnete Madeleine Henfling (Grüne) durfte mit ihrem neugeborenen Baby nicht im Plenarsaal bleiben.

Die Abgeordnete Madeleine Henfling (Grüne) durfte mit ihrem neugeborenen Baby nicht im Plenarsaal bleiben.

Dennoch: Sind solche Bilder vor allem symptomatisch für die Väter von heute, für Männer, die wissen, dass die öffentlich gelebte Vaterschaft ihrer Karriere am Ende doch schadet? Es passt jedenfalls ins Bild, dass kinderreiche Politiker wie Markus Söder (vier Kinder) oder Armin Laschet (drei Kinder) in Zeiten von Corona immer noch Politikerinnen wie Franziska Giffey (ein Kind) den Kampf um die Öffnung der Kitas überlassen. Wahr ist auch, dass Väter sich auch 19 Jahre nach der Einführung der Elternzeit nicht um die sogenannten Vätermonate reißen. Weniger als vier von zehn Vätern (37 Prozent) gehen einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge in Elternzeit. Die überwältigende Mehrheit nimmt überdies nur zwei “Partnermonate”, die restlichen zwölf bleibt die Mutter zu Hause.

Dabei würde es der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vermutlich einen Schub verleihen, wenn Männer im Berufsleben endlich mehr als Väter dächten. Der Philosoph Björn Vedder verspricht sich in seinem Essay “Väter der Zukunft” (Büchner-Verlag, 170 Seiten, 18 Euro) von einer neu definierten Väterrolle sogar ein emanzipierteres Leben, eines, in dem Männer frei von Leistungsdruck leben können, in ihrer Empfindsamkeit geschätzt und als Väter nicht immer von der Mutter-Kind-Keimzelle der Familie getrennt gedacht werden.

Frauenrechtlerinnen befürchten eine Rückfall in alte Geschlechterrollen

Das ist umso bedenkenswerter, weil Frauenrechtlerinnen wegen Corona einen Rückfall in veraltete Geschlechterrollen fürchten. Die vielen Mütter in Teilzeit würden die monatelangen Schließungen der Kitas und Schulen kompensieren, während die Väter Vollzeit arbeiteten, vermutet der Deutsche Frauenrat: Das sei eine Rolle rückwärts in die Fünfzigerjahre.

Dabei sind Väter viel wichtiger für ihre Kinder als bislang bekannt. Anna Machin, zweifache Mutter und evolutionäre Anthropologin an der Universität Oxford, forscht seit zehn Jahren zum Thema Vaterschaft. Der Antje-Kunstmann-Verlag hat ihre Erkenntnisse jetzt auf Deutsch in dem Buch mit dem schlichten Titel “Papa werden” (270 Seiten, 25 Euro) herausgebracht. Eines von Machins bemerkenswertesten Ergebnissen ist, dass auch Männer sich durch die Geburt biologisch stark verändern.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ihr Testosteronspiegel senkt sich dauerhaft und sorgt so dafür, dass Väter sensibler, familienorientierter werden, statt nach weiteren Partnern Ausschau zu halten. Zugleich steigt bei Vätern der Spiegel des Bindungshormons Oxytocin an. Machin zufolge hat das evolutionäre Gründe. Weil menschliche Säuglinge anders als die meisten Tiere lange von ihren Eltern abhängig blieben, brauche es einen anwesenden Vater, der draußen ihr Überleben sichere, während die stillende Mutter drinnen die frühkindliche Bindung knüpft.

Väter werden für ihre Kinder im Teenageralter wichtiger

Die Stunde der Väter schlägt in der Teenagerzeit. Väter forderten ihre Kinder stärker heraus, ermutigten sie, Risiken einzugehen, Niederlagen einzustecken, unabhängig zu werden, bereiteten sie in der Pubertät auf die Welt außerhalb der Familie vor, schreibt Machin. Mütter dagegen seien eher auf die Versorgung und Sicherheit des Kindes aus. Väter hätten überdies großen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen. Unter anderem eine Studie von 2017 zeige, dass Kinder mit einer stabilen Beziehung zum Vater sich zu jungen Erwachsenen mit mehr Selbstbewusstsein und Resilienz entwickelten. “Wir sollten Väter stärken”, ist Anna Machins Credo. Wenn sie sich mehr in die Erziehung einmischten, sei das gut für die gesamte Gesellschaft.

Wenn Mutter Vater denn lässt. Denn es gibt auch Frauen, die die Familie so stark als ihre Domäne erleben, dass sie Männern kaum Handlungsspielräume lassen. “Gatekeeperinnen”, “Türsteherinnen” nennt die renommierte Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Mar­grit Stamm mit Blick auf Forschungen in den USA Mütter, die den familiären Einsatz des Partners regelrecht blockieren. Solche Mütter – sie sind Stamm zufolge gar nicht so selten – schreiben dem Vater vor, wie er das Kind wickeln, in den Schlaf wiegen, wie er das Bad putzen muss.

Mütter schreiben Vätern nicht selten zu viel vor

Gatekeeperinnen schreiben lange To-do-Listen, wenn er auf die Kinder aufpasst, und rufen mehrmals täglich an, damit er nur ja nichts vergisst. Der Grund für ein solches Verhalten ist Stamm zufolge ein neues, perfektionistisches Mutterideal, demzufolge für moderne Mütter gerade einmal das Beste für das Kind gut genug ist. Auch in Teil- oder Vollzeit arbeitende Mütter sind von dieser Kindoptimierung nicht frei, für sie muss es eben nicht nur Pränatalyoga, Babyschwimmen oder pädagogisch wertvolles Spielzeug, sondern auch die beste Kita, die beste Tagesmutter, die beste Schule sein. Die Reaktion der Väter, so Stamm, sei häufig Rückzug auf ganzer Linie.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Was führt aus der Krise? Neue Väter brauchen neue Mütter, sagt Stamm, solche, die loslassen, ihren Partnern Autonomie schenken, sodass sie eine eigenständige Beziehung zu den Kindern aufbauen können. Wie wäre es also, wenn frau sich an diesem Muttertag einmal nicht auf das Wohlergehen der lieben Kleinen konzentrierte, sondern einen langen Spaziergang allein oder mit einer Freundin unternähme? Auch dann, wenn der Preis dafür stundenlanges Daddeln der Kinder und aufgewärmte Fertigpizzen zum Abendbrot sind.

Mehr aus Familie

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.