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Zum 150. Geburtstag der Pädagogin: So funktioniert Montessori im Familienalltag

  • Das Kind wertschätzen und sich selbst zurücknehmen – das sind laut Diplom-Pädagogin Christa Kaminski die Eckpfeiler der Montessori-Pädagogik.
  • Im Interview gibt sie Anregungen für die Umsetzung im Alltag für Eltern von Säuglingen, Schulkindern und Jugendlichen.
  • Ihr Credo: Es kommt auf ein gesundes Miteinander von Kindern und Erwachsenen an.
Leonie Schulte
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Viele Menschen haben den Begriff Montessori-Pädagogik schon einmal gehört. Aber was genau steckt eigentlich dahinter?

Der Kernbegriff der Montessori-Pädagogik ist, dass das Kind, der Jugendliche im Mittelpunkt steht. Dass dieser Mensch respektiert und gewürdigt wird in seinen Wünschen, Bedürfnissen, Fähigkeiten und Anlagen und dass man als Erwachsener eine Umgebung schafft, in der das Kind die größtmögliche Förderung bekommt. Der Erwachsene bereitet die Umgebung vor, nimmt sich aber zurück und beobachtet, welche Entwicklung das Kind nimmt und was es braucht, um sich weiter selbst zu fördern.

Es geht also in erster Linie um die Haltung?

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Ja, genau. Das ist eine grundsätzliche Haltung und Einstellung, eine Form von menschlicher Beziehung. Das war Maria Montessori das Wichtigste. Das Kind und der Jugendliche stehen im Mittelpunkt und in diesem Mittelpunkt steht vor allem auch der Begriff der Wertschätzung des Kindes so, wie es ist. Daraus anfangend gilt es dann zu überlegen, wie man den bestmöglichen Weg zur Unterstützung geben kann.

Das Kind soll also immer im Mittelpunkt stehen? Manche denken da direkt an diese oft zitierten Tyrannenkinder.

Nein. Es geht nicht um missverstandene Freiheit und Großzügigkeit, sondern einen Rahmen, in dem das Kind sich altersangemessen entwickeln kann. Nicht alles, was sich einem Kind bietet, ist auch gut. Maria Montessori spricht im Bezug zur Freiheit auch von Grenzen. Sie spricht auch nicht von einer Disziplin, die von außen kommt, sondern von einer inneren Disziplin, die sich im Kind aufbauen soll.

Christa Kaminski ist Grund- und Hauptschullehrerin und Diplom Pädagogin. Sie war 18 Jahre Lehrerin an der Montessori-Schule der Aktion Sonnenschein von Prof. Dr. Theodor Hellbrügge, danach bis August 2006 Rektorin der Montessori-Schule Dietramszell. Kaminski ist Qi Gong Lehrerin, langjähriges Vorstandsmitglied im Montessori Landesverband und Lehrbeauftragte an der Universität Augsburg, Passau und LMU München. © Quelle: Christa Kaminski
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Wie kann ich Montessori im Familienalltag leben?

Maria Montessori spricht von dem Begriff der Liebe. Und das meint sie ganz ernst, die wertschätzende, empathische Beziehung, die das Kind als Menschen liebt und deswegen nicht verwöhnt, sondern die Chance gibt, selbstständig zu sein. Es gibt diesen Satz: Hilf mir, es selbst zu tun! Dafür brauchen Sie eine gute Beobachtung. Es gilt zum Beispiel: Ein Kind, das in etwas vertieft ist, niemals stören. Wenn das Kind mit etwas spielt, sollte man nicht hingehen und sagen “Hey, das machst du aber toll”, sondern es einfach spielen lassen.

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Warum ist das so wichtig?

Wir wollen später im Leben Menschen haben, die konzentriert arbeiten können, die sich auf etwas einlassen können. Maria Montessori spricht von der Polarisation der Aufmerksamkeit; Menschen, die sich so versenken können, dass sie in diesem Zusammenhang alles aufnehmen. Und wenn ich so etwas möchte, darf ich mein Kind nicht ständig stören. Das hat etwas mit Respekt und Achtsamkeit zu tun.

Oft wird von Montessori-Materialien gesprochen. Brauchen Familien besondere Dinge, um die Pädagogik im Familienalltag leben zu können?

Zu Hause können sie wunderbar mit Materialen des täglichen Lebens Anregungen herstellen. Man sollte schauen, dass man altersgemäße Höhen hat, bei Tischen und Stühlen, damit die Kinder alles selbst tun können. Wenn der Küchentisch zu hoch ist, wird das Kind dort nichts tun können, ohne in Gefahr zu geraten. Wenn ich aber einen kleinen Tisch habe, zum Beispiel mit einem Tablett und altersentsprechenden Schüttgefäßen, dann schaffe ich eine Umgebung, in der die Kinder viele Erfahrungen mit Wasser machen können. Kinder lieben Wasser. Oder man kann andere gefahrlose Dinge zur Verfügung stellen, mit denen Kinder das Greifen üben können. Das ist überhaupt nicht teuer oder aufwendig. Vieles hat man zu Hause.

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Und dann sollten Eltern aufpassen, dass es nicht eine Überfülle gibt. Manchmal empfiehlt sich eine Reduzierung, um kein Überangebot an Sinneseindrücken zu schaffen, sondern die Möglichkeit einer Zentrierung. Wenn ich merke, mein Kind ist in einer Phase und will viel riechen, nehme ich mal ein paar Spielsachen weg, nehme sie aus seinem Blickfeld und lasse es Erfahrungen dieser Art machen. Professionell vorbereitete Umgebung heißt in dem Fall, auch im Elternhaus zu schauen, wo ist etwas zu viel, und es dann wegzulegen, oder wenn etwas langweilig wird, mal wieder etwas hinzuzutun.

Was können Eltern ihren Kindern nach Montessori konkret anbieten?

Bei den ganz Kleinen muss man sehen, in welcher Phase das Kind ist und was es für ein Kind ist. Es gibt Bewegungskinder, dann muss ich einen sicheren Raum schaffen, wo es sich frei bewegen kann, ohne sich zu verletzen, aber doch auch seine Erfahrungen machen kann. Oder es gibt Kinder, die ganz viel greifen wollen. Ich muss beobachten, auf was mein Kind anspricht.

Krippenkinder können in der Regel laufen und wollen Gegenstände erobern. Da muss ich sehen, dass ich Möglichkeiten wie Schaumstoffkissen finde oder irgendetwas, womit sie sich Höhlen bauen können oder einen kleinen Parcours – selbstständig, ohne sich zu verletzen. Das gilt auch für die Schüttübungen zum Beispiel. Dafür bietet sich ein Tablett mit Rand an, damit nichts vom Tisch schwappen kann. Dazu kann man kleine Glaskrüge stellen. Bei diesen “Übungen des täglichen Lebens” sollten bitte die üblichen Alltagsgegenstände benutzt werden, keine Plastiksachen. Maria Montessori geht davon aus, dass wir das Kind nicht unterschätzen, dass wir ihm angemessene Herausforderungen stellen. Wenn das Kind die Ansprüche erhöht haben will, merkt man das.

Alternativ können wir Kindern auch bunte Glaskugeln hinlegen und dazu verschiedene Schalen stellen. Und dann können Eltern beobachten, ob das Kind drauf anspricht. Vielleicht denkt es ans Sortieren. Und auch hier gilt es, das Kind einfach machen zu lassen. Es merkt später vielleicht schon selbst, dass die blauen Kugeln nicht zu den roten passen, oder aber es passt in dem Moment auch einfach fürs Kind.

Und wie ist das bei älteren Kindern?

Für Grundschulkinder kann man auch, um das Buchstabenschreiben zu unterstützen, ein Tablett nehmen und es mit feinem Sand füllen. Dann kann das Kind mit seinem Finger oder einer Gerätschaft in den Sand Muster oder Buchstaben malen. Sand ist leicht und bietet wenig Widerstand. Später schreibt das Kind dann da auch Buchstaben richtig hinein. Kinder wollen lernen, und wir bieten ihnen die Möglichkeit weiterzugehen.

In der Teenagerzeit ist das Wichtigste, dass Eltern weiter eine gute Beziehung zu ihrem Kind haben, dass Vertrauen da ist, dass man miteinander wirklich noch redet. Es geht darum, den Jugendlichen das zu Gefühl zu geben: “Hier wirst du nicht fallen gelassen, hier ist dein Zuhause.” Dann lassen sich mit dem Jugendlichen Aufgaben entwickeln, die er im Rahmen der Familie einbringt, etwa Müll wegbringen oder spülen. Dabei geht es aber weiter um ein Miteinander, nicht von oben herab befehlen, sondern erklären: “Wir sind eine Familie, jeder geht seiner Aufgabe nach, und du hast auch eine, welche wählst du?” Das ist immer das Geheimnis überhaupt, das Wählendürfen. Von Klein auf bis Groß. Wenn ich eine Aufgabe habe und sie mir ausgewählt habe, dann kann ich auch die Verantwortung dafür übernehmen, immerhin habe ich das so entschieden. Nichts zu tun sollte dabei keine Option sein.

Was sollten Eltern nach dem Montessori-Prinzip auf keinen Fall machen?

Zum einen alles besser wissen. Damit transportiert man die Botschaft: “Ich weiß alles, und du weißt nichts.” Dann: alles bestimmen. Das Prinzip ist schließlich das Miteinander. Außerdem: Den Kindern alles abnehmen, Herausforderungen gehören zum Leben dazu, und da gilt es als Erwachsener sich zurückzunehmen, zu warten und zu schauen, was das Kind für eine Lösung sucht.

Macht die Montessori-Pädagogik das Leben für Eltern, die zwischen Job, Erziehung und Haushalt hin- und hergerissen sind, leichter? Oder komplizierter?

Nein, nicht komplizierter. Im Grunde ist es eine Frage des eigenen Bewusstseins, eine Frage der Lebensform und der Haltung. Das ist für den einen schwieriger, weil er sich erst umstellen muss, und für den anderen einfacher, weil er eh schon nach diesen Prinzipien lebt. Wer nach Montessori lebt, hat es in der Regel mit Jugendlichen zu tun, die es gewohnt sind, selbstständig mitzuentscheiden. Das macht das Leben mit ihnen einerseits herausfordernder, da sie mitdiskutieren wollen, andererseits aber unterm Strich doch auch einfacher, da sie Mitverantwortung gewohnt sind. Wichtig ist: Man bleibt immer in einer empathischen Beziehung miteinander.


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