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  • Wie funktioniert die moderne Tierbestattung? Urne, Sarg, Einäscherung - Möglichkeiten im Tierkrematorium

Tierbestatter: “Ich habe die stärksten Männer weinen sehen!”

  • Das Geschäft mit den tierischen Todesfällen floriert: Das zeigt die Zahl der Tierbestattungen, die von Jahr zu Jahr ansteigt.
  • Entsprechende Anbieter machen es Haustierbesitzern leicht und bieten eine Vielzahl von Möglichkeiten, um die Erinnerungen lebendig zu halten.
  • Das sind die Gründe für die Entwicklung.
Helene Kilb
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Genau genommen haben die alten Ägypter damit angefangen: Schon vor Tausenden von Jahren balsamierten sie heilige Tiere wie Katzen, Falken oder Krokodile in aufwendigen Zeremonien ein, mumifizierten sie und setzten sie in Sarkophagen bei. Auf ihrem Weg ins Jenseits begleitete sie Anubis, Gott der Totenriten und Beschützer der Toten und Gott der Verstorbenen. Auch heute hilft Anubis weiter, allerdings in moderner Form: Der gleichnamige Tierbestattungsanbieter zählt zu den größten in diesem Bereich und bietet neben der Einäscherung auch eine Sterbevorsorge, eine Trauerbegleitung für die menschlichen Hinterbliebenen, einen virtuellen Tierfriedhof sowie zahlreiche Produkte rund um die Beisetzung. Wer Glück hat, ergattert bei den Restposten eine der handbemalten “Künstlerurnen” für nur 110 Euro aufwärts oder einen silbernen Gedenkanhänger zum Preis von 135 Euro. Ansonsten gibt es im Shop Grabplatten, 3-D-Gedenkkristalle und Rahmen mit individuellen Pfotenabdrücken sowie hölzerne Tiersärge in fünf verschiedenen Größen, wobei die größte Ausführung mit 180 Euro in etwa so viel kostet wie ein einfacher Sperrholzsarg für einen Menschen. Die Asche des geliebten Vierbeiners lässt sich sogar zum Diamanten pressen, Preis auf Anfrage.

Dass das umfangreiche Produkt- und Serviceangebot auch auf genügend Nachfrage stößt, zeigt der jährliche Umsatz damit: Der Bundesverband der Tierbestatter schätzt ihn auf 16 bis 20 Millionen Euro. Zudem steigt die Zahl der Bestattungsunternehmen, wenn auch nur langsam, kontinuierlich an. Etwa 160 Tierbestatter gibt es aktuell in Deutschland, größtenteils kleine Familienbetriebe. Im Mai 2020 hat das erste Tierkrematorium in Sachsen-Anhalt seine Pforten geöffnet und so die bundesweite Anzahl an Tierkrematorien auf fast 30 erhöht. “Es gibt von Jahr zu Jahr mehr Tierbestattungen”, sagt auch Martin Struck, der dem Bundesverband der Tierbestatter vorsitzt und selbst jahrzehntelang als Tierbestatter gearbeitet hat.

Der Abschiedsraum in der Anubis-Tierkrematorium-Niederlassung in Calbe. Der Fernseher zeigt die Ofenklappe. © Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentra
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Das Haustier als Familienmitglied

Als Hauptgrund für die zunehmende Nachfrage sieht er die veränderte Beziehung der Halter zu ihren nicht menschlichen Mitbewohnern: “Früher war ein Haustier ein lockerer Begleiter”, sagt Struck. Im Fokus stand seine Funktion. So diente ein Hund früher zum Beispiel ausschließlich als Wachhund, eine Katze als Mäusejägerin und Pelzlieferantin. “Heute wird das Haustier als weiteres Familienmitglied angesehen”, erklärt Struck. Wachsen diese außerdem mit Kindern zusammen auf, entsteht eine noch engere Bindung. Die Tiere nach ihrem Tod – wie früher üblich – einfach beim Tierarzt zurückzulassen, der sie dann einem Verwerter übergibt, ist nun für die wenigsten Besitzer noch eine Option. Stattdessen erzählt Martin Struck von Grundschulkindern, die in Tränen ausbrechen, sobald sie verstehen, dass der über alles geliebte Hund nicht mehr mit nach Hause kommen wird, von 80-Jährigen, in deren Wohnung ohne das Haustier nur noch Stille und Reglosigkeit herrscht, von einem Zwillingspaar, das mit einem Hund aufgewachsen ist und bei dem nach dessen Tod jeder Zwilling eine Hälfte der Asche mit ins Studium nimmt. “Ich habe die stärksten Männer weinen gesehen”, sagt Struck.

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Edle Variante: Diese Tier-Urnen sind mit Pfoten aus Swarovski-Steinen verziert. © Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentra

Zudem treibt die steigende Haustieranzahl in Deutschland diese Entwicklung voran: Beheimateten die deutschen Haushalte im Jahr 2016 noch 31,6 Millionen Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Ziervögel, waren es 2019 laut dem Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) bereits 34 Millionen. Statistisch gesehen lebt also fast in jedem zweiten Haushalt ein Tier – in einem Großteil der Fälle im Kreis einer Familie, wie die vom IVH und dem Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands beauftragte Erhebung herausfand.

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Zahlreiche Möglichkeiten für die letzte Ruhe

Doch was genau passiert nun, nachdem der Liebling das Zeitliche gesegnet hat? “Der Tierbestatter holt das Tier von daheim oder dem Tierarzt ab”, erklärt Martin Struck vom Bundesverband der Tierbestatter. Alternativ dazu könne man es auch selbst zum Bestatter bringen. In den meisten Fällen verfügt dieser über einen sogenannten “Raum der Stille”, wo sich der Besitzer in aller Ruhe von seinem Haustier verabschieden kann. “Anschließend muss er sich entscheiden, ob er es auf einem speziellen Friedhof beisetzen oder kremieren lassen möchte”, sagt Struck. Mittlerweile gibt es in Deutschland etwa 120 solcher Tierfriedhöfe, auf denen Heimtiere wie Hunde, Katzen, Hasen, Kaninchen, oder Vögel und Amphibien ihre letzte Ruhe finden, entweder in einem Sarg oder einer Urne. Wer mag, kann die Urne auch mit nach Hause nehmen und im eigenen Garten vergraben oder verstreuen. Zudem ist es möglich, die Asche in ein Stück Kristallglas einarbeiten, zum Diamanten pressen oder in ein Amulett fassen zu lassen. Schwierig wird es mit etwas spezielleren Wegbegleitern wie Minischweinen, Ziegen oder Füchsen: Diese zählen nicht zu den Heimtieren und dürfen daher nicht auf diese Weise bestattet werden. Eine Sonderregelung gilt für Pferde: Während es in anderen Ländern schon länger erlaubt ist, dürfen Pferde in Deutschland erst seit 2017 legal bestattet werden, und zwar in Form einer Einäscherung.

Um sich ohne Zeitdruck mit allen Möglichkeiten auseinandersetzen zu können, rät Martin Struck: “Die Besitzer sollten sich schon zu Lebzeiten des Tiers einen Bestatter suchen und sich beraten lassen” – auch wenn es schwerfalle.

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