Weltfrauentag: Wer ist noch kein Feminist?

  • Feministisch zu sein gehört heute bei vielen Frauen zum guten Ton.
  • Das liegt auch daran, dass die Gesellschaft beginnt, die Forderung nach Gleichberechtigung ernst zu nehmen.
  • Eine Bestandsaufnahme zum Weltfrauentag.
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Sanna Marin ist Regierungschefin eines kleinen europäischen Landes, und doch zeigt sie der Welt, was möglich ist. Es ist noch gar nicht lange her, da ging ein Foto durch die Medien, das die finnische Ministerpräsidentin im Kreise ihres Kabinetts zeigt: Am Tisch saßen ausschließlich Frauen. Viele Männer fordern solche Bilder noch immer zwangsläufig zu ewiggestrigen Witzen über das drohende Matriarchat heraus. Andere sehen in dem Bild, dass sich vielleicht doch etwas verändert.

Finnisches Kabinett (von links): Bildungsministerin Li Andersson, Innenministerin Maria Ohisalo, Ministerpräsidentin Sanna Marin and Finanzministerin Katri Kulmuni. © Quelle: picture alliance / Lehtikuva

Weltfrauentag am 8. März: Feminismus geht 2020 alle an

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Im Jahr 2020 ist eine Wirklichkeit eingetreten, die viele Frauen noch ein oder zwei Jahrzehnte zuvor nicht zu erhoffen gewagt hatten: Frauen sind in Führungsetagen, Talkshows und eben auch in der Spitze der Weltpolitik angekommen. Das Thema Geschlechtergerechtigkeit ist im Alltag verankert. Feminismus ist Mainstream. Manche finden ihn sogar cool.

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Der Frauentag im Wandel der Zeit
2:01 min
Seit 1911 feiern Frauen den “Internationalen Tag der Frauen”. Damit soll auf die Gleichstellung der Geschlechter aufmerksam gemacht werden.

Jahrzehntelang waren feministische Akteurinnen in einer Schublade gelandet: Frauenrechtlerinnen wie Alice Schwarzer oder Jutta Ditfurth galten als verhärmt, verbissen und kompromisslos. Feministinnen? Das waren Frauen mit langen Achselhaaren, Kratzpullis und stets verbissenem Gesichtsausdruck. Ein Großteil der Gesellschaft nahm den Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter schlichtweg nicht ernst. Nun gibt es sogar Männer, die sich als Feministen bezeichnen und für Gleichstellung eintreten.

Gleichberechtigung: Die Mitte der Gesellschaft gibt sich divers

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Vizekanzler Olaf Scholz erklärte in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, dass er die “SPD zu der ersten feministischen Partei Deutschlands” machen wolle, kurz darauf fiel dann auch die Luxussteuer auf Monatshygieneprodukte. Und wenn Horst Seehofer den ausschließlich männlichen Führungsstab des Bundesinnenministeriums präsentiert, geschieht das nicht ohne Spott. Das Gendersternchen zieht in die Behördensprache ein, die Mitte der Gesellschaft gibt sich divers.

Junge Frauen heute wachsen dagegen in dem Bewusstsein auf, sie könnten alles schaffen. Es ist diese Pippi-Langstrumpf-Attitüde, wenn es sein muss, auch ein Pferd stemmen zu können. Alles scheint möglich, alles wählbar, wenn man sich denn entscheiden kann. Eine Frau ist deutsche Verteidigungsministerin, eine weitere EU-Kommissionspräsidentin und eine Chefin der Europäischen Zentralbank. Dass auch ein Mann einmal Bundeskanzler war, ist für die Jüngeren von ihnen nicht mehr als Geschichte.

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Trumps toxische Männlichkeit befeuert den Feminismus

“Die öffentliche Wahrnehmung hat sich auf jeden Fall verändert”, sagt auch Ines Kappert, Leiterin des Gunda-Werner-Instituts für Feminismus und Geschlechterdemokratie, das zur Heinrich-Böll-Stiftung gehört. “Es ist hip geworden, sich als FeministIn zu bezeichnen und auch feministische Kritik zu äußern.” Als Grund dafür nennt die Geschlechterforscherin die Politik: “Die Gewissheit, dass man der toxischen Männlichkeit eines Donald Trump oder Horst Seehofers etwas entgegensetzen muss, ist auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen”, sagt Kappert.

Tatsächlich versetzte die Wahl des Wirtschaftsmoguls zum US-Präsidenten der Frauenbewegung einen neuen Schub: Vor drei Jahren gingen weltweit Hunderttausende Menschen – unter ihnen Frauen, Homosexuelle, Transgendermenschen und Einwanderer – auf die Straßen, um sich gegen die Beschneidung ihrer Rechte einzusetzen. Ihre Themen waren rund um den Globus so vielfältig wie gleich: Bei den Women’s Marches ging es um Gewalt gegen Frauen und Migranten, das Recht auf Abtreibung, gleiche Bezahlung und um soziale wie ethnische Benachteiligung.

Ähnlich politisierend wirkt laut Kappert auch der Vormarsch von rechts: Das in der AfD sowie in rechtsterroristischen Vereinigungen verbreitete völkische Denken ist eindeutig antifeministisch – weil es die Rolle der Frau als Mutter einordnet, die der Erhaltung des deutschen Volkes dient.

#MeToo – ein Hashtag gegen sexualisierte Gewalt entfaltet eine ungeahnte Wucht

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Der US-amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein erscheint im Juli 2019 in New York vor Gericht. Mittlerweile wurde er in der erste Anklage für schuldig befunden. © Quelle: imago images / UPI Photo
Der Hashtag #MeToo entfaltete eine ungeahnte Wucht: Zahlreiche Frauen protestieren im Januar 2020 während einer Anhörung des Filmproduzenten Harvey Weinstein vor dem Gericht in New York. © Quelle: imago images/UPI Photo

Welche Wucht soziale Netzwerke und das Internet im Kampf gegen männliche Gewalt gegenüber Frauen entfalten können, zeigt der Erfolg von #MeToo: Der von der Aktivistin Tarana Burke ins Leben gerufene und später von der US-Schauspielerin Alyssa Milano gegen sexualisierte Gewalt von Männern eingesetzte Hashtag führte mit dazu, dass Hollywoodfilmmogul Harvey Weinstein vor wenigen Tagen in einem ersten von zahlreichen Missbrauchsfällen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Nagellack und Lohngleichheit: Feminismus ist cool geworden

Spätestens seitdem Modeketten wie H&M T-Shirts mit der Aufschrift “The Future Is Female” (“Die Zukunft ist weiblich”) verkaufen, ist es so populär wie leicht geworden, feministisch zu sein – mit Hashtags wie “#mansplaining” männliche Machtstrukturen anzuprangern oder auf überhöhte Schönheitsideale bei Instagram zu verweisen, also eine positive, nicht Schönheitsidealen unterworfenen, Körperwahrnehmung anzufeuern.

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Als die US-Sängerin Beyoncé im Jahr 2014 vor dem übergroßen Schriftzug “Feminist” auftrat, war das noch besonders. Heute bezeichnet sich selbst Ivanka Trump als Feministin. Popstar Taylor Swift, lange als Postermädchen verkannt, sagte kürzlich in einer Dokumentation: “Ich will Glitzer lieben dürfen und gleichzeitig gegen die Doppelmoral in unserer Gesellschaft kämpfen. Ich will Rosa tragen können und über meine politischen Ansichten sprechen. Und ich denke nicht, dass diese Dinge einander ausschließen.” Nagellack und Lohngleichheit – warum sollte sich das auch ausschließen? Im Jahr 2020 ist Feminismus groß in Mode und zugleich bitterer Ernst.

Der Feminismus ist im Mainstream angekommen

So oberflächlich das auch sein mag, die Kommerzialisierung hat den Thesen und Ideen, die dahinterstehen, eine große Bühne bereitet, selbst wenn Lohnungerechtigkeit, veränderte Abtreibungsgesetze und häusliche Gewalt gegen Frauen damit noch nicht bekämpft sind.

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Frauen als Ausnahme – Männer als Standard?
0:58 min
Frauen leben in einer datenbasierten Männerwelt. Als Standard gilt der Mann und nicht die Frau - in der Medizin, im Alltag und in vielen anderen Bereichen.  © Hannah Suppa, Dany Schrader/RND

Und dennoch ist es gut so, sagt Teresa Bücker. “Es öffnet die Debatten, wenn Feminismus im Mainstream angekommen und auch ein popkulturelles Phänomen ist”, sagt die 35-jährige Autorin. Bücker gehört zu den bekanntesten Feministinnen in Deutschland, allein bei Twitter folgen ihr 68.000 Menschen. Ihre Themen: Reformen und radikale Ideen für Arbeitswelt, Gesundheitssystem und gesellschaftliches Zusammenleben.

Ihre Reichweite nutzt Bücker, um darauf hinzuweisen, dass in Deutschland Hebammen fehlen, Geburtskliniken geschlossen werden – „man könnte dem Gesundheitssystem hier eine inhärente Frauenfeindlichkeit unterstellen“ –, oder dass das Ehegattensplitting abgeschafft werden sollte, weil es „die traditionelle Rollenverteilung festschreibt“.

Feministin Teresa Bücker fordert ein Neudenken gesellschaftlicher Strukturen

Was Bücker und andere Feministinnen fordern, ist ein Neudenken gesellschaftlicher Strukturen. “Wir sollten den Maßstab des männlichen Karrieremodells infrage stellen: Wie könnte Erwerbsarbeit für alle aussehen, sodass alle in diesem Modell von Arbeitsleben die gleichen Chancen haben, unabhängig von Geschlecht, Anzahl der Kinder, Herkunft? Das wäre eine feministische Vision”, sagt sie.

Die Gesellschaft müsse weg von einer ­40-Stunden-Woche, hin zu einer neuen Aufteilung von bezahlter Lohnarbeit und familiärer Fürsorgearbeit, die heute häufig bei Frauen liegt – und als unbezahlte Tätigkeit oft zu finanzieller Schlechterstellung führt. Weg von rein karriereorientierten Lebensmodellen, bei denen sich die familiäre Alltagsorganisation und Freiheit der Besserverdienenden wiederum durch Unterstützung von Tagesmüttern und Haushaltshilfen erkauft wird.

Die “Mental Load” der Familie tragen vor allem die Frauen

In den Zehnerjahren strebten junge Frauen noch ein anderes Lebensmodell an: Damals beschrieb die Gesellschaftsforscherin Jutta Allmendinger in der viel zitierten “Brigitte”-Studie die “Frauen auf dem Sprung”: Frauen, die alles wollten – Familie, aber auch Beruf und Karriere. Viele von ihnen bezahlen einen hohen Preis: Überforderung, Erschöpfung bis hin zur Depression sind oftmals die Folge, wenn Frauen an der Erwerbswelt teilhaben wollen und den Großteil der Familienarbeit bewältigen.

Unbezahlte Carearbeit und Karriere: Viele Frauen treibt das in die Erschöpfung

Dass das in der Mehrzahl der Haushalte so ist, zeigt eine Oxfam-Studie von 2019, die belegt, dass Frauen und Mädchen weltweit täglich mehr als zwölf Milliarden Stunden unbezahlte Hausarbeit, Pflege und Fürsorge leisten, ohne dass der Wert dieser Arbeit gesellschaftlich und ökonomisch anerkannt wird.

Es ist also kein Wunder, dass es längst einen Begriff für den Dauerlauf gibt, den Frauen im Alltag zwischen Kind, Karriere und Pflege der Eltern zurücklegen: Das Stichwort “Mental Load” beschreibt das Lebensgefühl einer ganzen Generation von Frauen – weil es immer sie sind, die an das Geburtstagsgeschenk oder die Schwimmsachen der Kinder denken.

Dass Betroffenen oftmals geraten wird, doch einfach beruflich kürzerzutreten, mutet einigermaßen zynisch an: Nur knapp 10 Prozent der deutschen Frauen können derzeit von der eigenen Rente leben, entweder weil sie zeitlebens gar nicht oder in Teilzeit gearbeitet haben oder aber von ihrem Ehemann abhängig sind.

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Weltfrauentag: Was bedeutet Feminismus für Sie?
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Seit 1911 feiern Frauen den „Internationalen Tag der Frauen“. Damit soll auf die Gleichstellung der Geschlechter aufmerksam gemacht werden.  © Hannah Suppa, Dany Schrader/RND

Rackete, Thunberg, Neubauer: Feministinnen einer neuen Generation

Die 26-jährige Grünen-Politikerin Ricarda Lang beobachtet auch deshalb eine neue Politisierung in ihrer Generation: “Es ist ein Stück weit auch eine Selbstermächtigung von jungen Frauen. Sie sehen, dass in den Parlamenten vorwiegend ältere Männer sitzen, die über ihre Zukunft oder auch ihren Körper entscheiden. Das wollen sie so nicht hinnehmen”, sagt die frauenpolitische Sprecherin ihrer Partei.

„Ich will keine Rose haben, kein nettes Bild zum Liken bei Instagram. Das reicht nicht. Es geht immer noch darum, um unsere Rechte zu kämpfen und das mit konkreten Forderungen zu verbinden“, sagt die Vorsitzende der Grünen Jugend, Ricarda Lang.

Tatsächlich sind es vor allem junge Frauen, die bestimmte Zustände nicht mehr hinnehmen wollen – und protestieren. Die Speerspitze der Klimabewegung etwa besteht aus Frauen wie den Fridays-for-Future-Aktivistinnen Greta Thunberg und der Deutschen Luisa Neubauer. Auch den Protest für die Abschaffung des Paragrafen 219a, der die Werbung für Abtreibung unter Strafe stellt, führten junge Frauen an.

Feminist Robert Franken: “Wir Männer müssen uns vom Patriarchat lossagen”

Das macht Hoffnung. Frauenrechtlerinnen jedoch mahnen: Eine Frau im Vorstand eines Dax-Unternehmens mache noch keinen dauerhaften Wandel aus. “Bis sich signifikant etwas ändert, muss aber noch viel, viel mehr in Bewegung kommen”, sagt der Digitalexperte und Feminist Robert Franken. “Wir Männer haben hier ein riesiges To-do: Wir müssen uns vom Patriarchat lossagen und endlich Rahmenbedingungen für echte Gleichberechtigung schaffen.”

Gleichberechtigung: Jüngste Studien machen wenig Hoffnung

Die jüngsten Studien machen darauf wenig Hoffnung: Erst am Freitag veröffentlichten die UN eine Erhebung, nach der weltweit neun von zehn Menschen Vorurteile gegenüber Frauen hegen – Geschlechtsgenossinnen eingeschlossen. Weltweit soll es dem “Global Gender Gap Report” zufolge noch 257 Jahre bis zur Gleichberechtigung dauern. Am Ende ist es auch am 8. März 2020 noch so, wie Ricarda Lang sagt: “Ich will keine Rose haben, kein nettes Bild zum Liken bei Instagram. Das reicht nicht. Es geht immer noch darum, um unsere Rechte zu kämpfen und das mit konkreten Forderungen zu verbinden.”

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