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Wenn Kinder vor der eigenen Mutter fliehen: “Ich wollte nur noch weg”

  • Romina wurde als Kind von ihrer Mutter geschlagen.
  • Im Alter von elf Jahren ist die heute 36-Jährige von ihrem Zuhause geflohen.
  • Es folgte ein Streit um das Sorgerecht – und weitere harte Jahre für Romina.
David Sander
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4000 Kinder wurden geschlagen und misshandelt, 43 wurden täglich sexuell missbraucht: Das ist die traurige Kriminalstatistik der Polizei in Deutschland für das Jahr. Die Dunkelziffer sei groß, warnte BKA-Chef Holger Münch bei der Vorstellung der Zahlen. Kürzlich berichteten wir über Jeremias Thiel. Er kommt aus einer Familie voller Armut. Mit elf Jahren geht er zum Jugendamt und sagt: “Ich will weg von meinen Eltern.” Das ist acht Jahre her. Heute studiert er in den USA. Er hat sich selbst eine Perspektive geschaffen.

In den sozialen Medien wurde sein Interview weit verbreitet, viele Nutzer bekundeten Respekt für den Mut, den Thiel bereits als Elfjähriger aufbrachte. Darunter waren auch Kommentare von Menschen, die sagten, sie haben Ähnliches erlebt – wie auch Romina. Die heute 36-Jährige spricht über Erinnerungen, wie sie von ihrer Mutter misshandelt wurde.

Romina, 36: Der Schein einer heilen Welt

Romina wächst in einem stabilen Zuhause auf – doch von einem liebevollen Elternhaus ist bei weitem nicht zu sprechen. Ihre Mutter ist alleinerziehend, Romina hat noch zwei ältere Brüder. Beide ziehen mit der erreichten Volljährigkeit aus. Danach ist die damals Sechsjährige allein mit ihrer Mutter. Nach außen hin ist alles eine heile Welt. “Meine Mutter war eine gute Schauspielerin. Sie wusste, wie sie mich manipulieren konnte”, sagt Romina. Dann kommt ein entscheidender Sommer.

“Es war sehr heiß draußen, ich bin trotzdem mit langer Hose und langem Pullover zu Schule gegangen”, erzählt die heute 36-Jährige. Sie wollte die ganzen blauen Flecken und Prellungen verdecken – später stellte sich gar heraus, dass sie eine gebrochene Rippe hat. Die Lehrerin wundert sich über die dicke Kleidung im Hochsommer. “Sie hat mich am Arm berührt, nur um mir eine Aufgabe zu erklären, doch ich bin erschrocken zusammengezuckt.” Nach der Stunde geht es dann zum Direktor. “Ich habe mich als Kind so dafür geschämt, habe die Schuld bei mir gesucht”, erinnert sich Romina.

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Die Schule beschließt, das Jugendamt zu informieren. Sie möchten nicht, dass die Grundschülerin einfach wieder nach Hause zurückkehrt. Romina kommt ins Krankenhaus, ihre Mutter wird benachrichtigt. Sie redet auf ihre kleine Tochter ein. “Ich habe den Leuten dann gesagt, dass alles gut sei, ich wäre nur die Treppen hinuntergefallen.” So kommt es, dass Romina wieder nach Hause zu ihrer Mutter darf.

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Die Geschwister halten zusammen

Rominas Mutter gelingt es, die heile Welt aufrecht zu erhalten. “Als mein älterer Bruder noch da war, konnte er mich damals natürlich noch beschützen”, sagt sie. Er ist zwölf Jahre älter. Doch auch Rominas Bruder leidet bis zu seinem Auszug unter den Gewaltattacken der Mutter. Sie haben sich als Geschwister immer gegenseitig geholfen, erzählt die 36-Jährige. “Meine Mutter hatte sogar eine Peitsche in der Küche hängen, damit haben wir auch mal eben einen über den Rücken bekommen.” Dabei hat sich Romina selbst im Kindergartenalter schon vor ihren älteren Bruder gestellt. “Unsere Bindung ist bis heute wirklich stark”, sagt sie. Rominas Mutter arbeitet für eine Frauenberatungsstelle. “Das ist das Schlimme daran. Sie hat Frauen geholfen, die zu Hause missbraucht und misshandelt wurden.”

Als Elfjährige flieht Romina von zu Hause

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Eines Tages eskaliert die Situation so stark, dass Romina im Alter von elf Jahren flieht. “Ich bin zu einer Schulfreundin, ihre Mutter war eingeweiht”, erzählt sie. Die Mutter ihrer Freundin informiert das Jugendamt und erreicht, dass Romina erst mal bei ihr bleiben kann, bis im Mädchenheim ein Platz frei wird. “Ich wollte nur noch weg. Ich wollte nie wieder zurück. Ich habe mir gedacht: Wenn das Jugendamt mich wieder zu meiner Mutter schickt, haue ich ab.”

Doch der Mutter wird das Sorgerecht entzogen. Romina wird im Mädchenheim aufgenommen. Die Eingewöhnung fällt ihr zunächst sehr schwer. “Ich habe mich oft im Zimmer eingeschlossen, weil ich das von zu Hause halt so kannte. Das fanden die anderen Kinder erst mal komisch”, sagt die 36-Jährige. Sie lernt neue Freiheiten kennen, dass sie auch mal länger draußen bleiben darf und nicht im Zimmer eingesperrt wird. “Ich habe gedacht, ich mache etwas falsch, wenn ich das mache.” Im Heim lernt sie auch, wie wichtig das gemeinsame Essen ist. “Darauf bestehe ich heute noch”, erzählt sie.

“Auch wenn es nicht meine Familie war – irgendwann wurde es meine Familie. Mein Betreuer war mein Ziehvater, den habe ich auch Papa genannt, das durften wir auch.” Die Zeit möchte Romina nicht missen. Zu zwei Mädchen von damals hält sie immer noch engen Kontakt.

Romina lernt, selbst Mutter zu sein

Romina geht ihren Weg, absolviert ihr Abitur und eine Ausbildung. Mit 16 Jahren wird sie selbst früh Mutter. Sie hat Angst, alles falsch zu machen. “Meine größte Angst war, wie meine Mutter zu werden. Wie diese Person, die einem nicht gut getan hat”, sagt sie. Doch Romina bekommt guten Rat und Zuspruch von ihrer Therapeutin, die sie jahrelang begleitet. “Wir haben ein sehr freundschaftliches Mutter-Tochter-Verhältnis. Ich bin sehr stolz auf sie.” Mittlerweile hat Romina zwei Töchter, ihre ältere ist 20 Jahre alt und die jüngere wird bald fünf Jahre.

Jahrelang hat Romina keinen Kontakt zu ihrer Mutter. Doch das fällt ihr schwer. “Auf der einen Seite habe ich mir gesagt: ‘Ich bin erwachsen, sie kann mir nichts mehr’. Sie hat mir aber trotzdem noch Angst eingeflößt, die Angst war innerlich immer noch da”, sagt sie. “Auf der anderen Seite habe ich immer gehofft, dass ein Mensch sich ändert, dass da doch noch die Chance zum Kontakt besteht – sie ist ja meine Mutter.”

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Romina kann ihrer Mutter verzeihen. Aber vergessen wird sie das alles niemals in ihrem Leben, erzählt sie. “Meine Mutter hat sich auf ihre Art und Weise versucht zu entschuldigen, mit Geld und materiellen Dingen. Das kannte ich von der Vergangenheit her – das hat für mich aber keinen Wert.” Romina spürt, dass die Reue ihrer Mutter nicht ehrlich ist. “Sie hat ihre Fehler nie eingesehen, konnte nie Fehler zugeben. Sie hat immer Gründe gesucht, um uns als Kinder schlecht darzustellen”, erzählt sie.

Eingreifen bei verbaler oder physischer Gewalt

Wenn Romina heutzutage Gewalt an Kindern woanders wahrnimmt, wird ihr innerlich ganz anders, sagt sie. “Ich könnte niemals wegschauen, vielleicht weil ich die Erfahrung selbst gemacht habe – aber auch ohne diese Erfahrung darf man nicht wegschauen”, findet die Mutter von zwei Töchtern. Dabei mahnt sie, auch auf verbale Gewalt zu achten. “Ich wünsche mir, dass die Leute die Augen aufmachen. Und die Mütter, Väter oder Geschwister, die handgreiflich werden, sollten mal darüber nachdenken, wie sie aufgewachsen sind und an sich arbeiten.” Die 36-Jährige appelliert für eine lockere, aber konsequente Erziehung. “Kinder machen nun mal Fehler. Kinder sollten Kind sein dürfen und Fehler machen, um daraus zu lernen. Mit Gewalt erreicht man gar nichts.”

Romina findet es traurig, dass es nicht selbstverständlich ist, in einem glücklichen Elternhaus aufzuwachsen. Aber ihr ist es wichtig, positiv und voller Mut in die Zukunft zu blicken. “Man sollte Kindern immer vermitteln dass sie mit einem über alles reden können. Kindern das Gefühl geben, sie dürfen sich öffnen.”

Andere Texte aus dieser Serie

Wenn Sie selbst Opfer sind oder Gewalt verbaler sowie physischer Natur beobachten, zögern Sie nicht zu handeln!

  • Bei akuter Bedrohung, wählen Sie die 110. Die Polizei tut alles Erforderliche, um Sie zu schützen.
  • Zeigen Sie die Straftat bei der Polizei an. Das geht bei jeder Polizeidienststelle.
  • Kinder- und Jugendtelefon: 0800 111 0333, Nummer gegen Kummer (anonym und kostenlos erreichbar montags bis samstags, 14-20 Uhr)
  • Onlineberatung für Jugendliche unter www.youth-life-line.de
  • HilfetelefonGewalt gegen Frauen” unter 8000 116 016.
  • Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0111 oder 0800 111 0222.
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