Wenn Eltern an Krebs erkranken: Wie sage ich es dem Kind?

  • Mit mehr als 220.000 Todesfällen pro Jahr ist Krebs in Deutschland nach den Herz-Kreislauf-Krankheiten die zweithäufigste Todesursache.
  • Wie schaffen es Eltern, mit ihren Kindern über die Krankheit und ihre möglichen Folgen zu sprechen?
  • Zwei Familien erzählen ihre Geschichte.
Alena Hecker
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Hannover. Im Sommer 2013 erfährt Daniela Küpper-Witt, dass sie Eierstockkrebs hat, der schnellstmöglich behandelt werden muss. Ihre Kinder sind zu dem Zeitpunkt zwei und fünf Jahre alt. Bei Philipp Stepp wird im Frühjahr 2017 Brustkrebs festgestellt, auch seine Kinder sind zu der Zeit zwei und fünf Jahre alt. Erkrankten Eltern fällt es in so einer Situation nicht leicht, die Balance zu finden – zwischen der Sorge um sich selbst und einem guten Umgang mit der Krankheit gegenüber den Kindern.

Ärzte bieten oftmals Gespräch an

Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein klärendes Gespräch innerhalb der Familie? Was müssen Kinder wissen und was belastet sie nur unnötig? „Im ersten Moment ist es wichtig, das Ganze zu sortieren“, sagt Pascale Régincos, Onkologin im Klinikum Stuttgart. „Gerade bei einer so ernsten Diagnose wie Krebs sollten Patienten erst einmal klären, wo sie selbst stehen. Wenn dann ein bisschen Ruhe eingekehrt ist, ermutigen wir Familien, offen mit der Erkrankung umzugehen.“

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In der Regel bietet die Ärztin ein Gespräch mit Eltern und Kindern an. Mit einfachen Worten versucht sie zu erklären, was mit den Eltern passiert. Wie Kinder mit der Krebsdiagnose eines Elternteils umgehen, hänge dabei auch von ihrem Alter ab. „Die meisten Kinder hören sich das an und sagen nichts. Es gibt aber auch die Situation, wo Kinder sagen: Ich weiß, dass es der Mama nicht gut geht.“

Wie mit der Nachricht umgehen?

Für Philipp Stepp und seine Lebensgefährtin ist von Anfang an klar, dass sie die Kinder nicht anlügen würden. „Wir haben nicht explizit von Krebs gesprochen, aber gesagt: Papa ist krank, das dauert, aber das wird wieder.“

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Auch Daniela und Stefan Küpper versuchen, offen mit der Krankheit der Mutter umzugehen. „Aber am Ende bleibt das Thema Krebs gerade am Anfang für ein drei- und fünfjähriges Kind sehr abstrakt“, so der Vater. Er erinnert sich, wie schwer es gerade für den jüngeren Sohn gewesen sei, dass die Mutter häufig weg war. „Am Anfang fragen die Kinder: Wo ist die Mama? Irgendwann fragen sie nicht mehr, dann bleibt das Gefühl: Die hat uns hängen lassen.“

Kinderfragen sind direkter - und schwerer zu beantworten

An kindgerechten Büchern und Informationsbroschüren zum Thema Krebs mangelt es nicht. Im vergangenen Jahr hat Sarah Roxana Herlofsen, Doktorin der Molekularen Biomedizin, in Kooperation mit der Deutschen Krebshilfe das Kinderbuch „Wie ist das mit dem Krebs?“ veröffentlicht. Dafür hat sie mit vielen Familien gesprochen und ihre persönlichen Fragen gesammelt. Ihr Eindruck dabei: „Während die Erwachsenen eher nach fachlichen und theoretischen Dingen fragten, waren die Kinderfragen oft sehr direkt und eher praktisch orientiert.“

Wie ist das, wenn man stirbt? Tut das weh? Ist es kalt, wenn man im Grab liegt, und bekommt man nicht schrecklichen Hunger dort unten? Auf diese Fragen versucht Herlofsen in ihrem Buch auf verständliche Weise Antworten zu geben – selbst wenn das manchmal gar nicht so leicht ist. „Manchmal sind ihre Fragen kaum zu beantworten. Oder auf eine Frage gibt es mehrere Antworten, die alle auf ihre Weise richtig sein können.“

Buchtipp: „Wie ist das mit dem Krebs?“ Dr. Sarah R. Herlofsen und Dagmar Geisler. Gabriel Verlag, 96 Seiten, 13 Euro. © Quelle: Gabriel Verlag

Kinder wollen ernst genommen werden

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Wichtig sei den Kindern vor allem, dass man sie ernst nehme und auf ihre Fragen eingehe. Viel hätten die Kinder über die Krankheit ihrer Mutter gar nicht wissen wollen, erinnert sich Stefan Küpper. „Wichtiger war für sie zu wissen: Jetzt ist die Mama zu Hause und jetzt muss sie wieder ins Krankenhaus.“ Umso mehr versuchen die Eltern, wenigstens eine gefühlte Normalität im Alltag zu wahren.

Der Kinder wegen entscheidet sich Daniela Küpper-Witt für ambulante Rehas, um so häufig wie möglich zu Hause sein zu können. Philipp Stepp spürt an den Fragen seines mittlerweile siebenjährigen Sohnes, wie seine Krankheit ihn weiterhin beschäftigt: „Wie geht’s dir?“, fragt er manchmal seinen Vater. „Musst du immer noch zum Arzt? Was war das eigentlich für eine Krankheit?“

Kinder müssen Rücksichtnahme lernen

Die Behandlung des 47-Jährigen verläuft erfolgreich, aber die Folgen der Chemotherapie hinterlassen ihre Spuren bei Philipp Stepp. In seinem früheren Beruf kann er nicht weiterarbeiten und kümmert sich stattdessen um Haushalt und Kinder. Dass er sich nur schwer konzentrieren kann und schnell überreizt ist, prägt auch den Familienalltag. Die Kinder spüren: Manchmal muss man Rücksicht auf Papa nehmen.

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„Uns läuft die Zeit davon“

Bei Daniela Küpper-Witt breiten sich die Krebszellen weiter im Körper aus. „Irgendwann ging es nur noch darum, Zeit zu gewinnen“, erinnert sich ihr Ehemann. Im Sommer 2018 sprechen die Ärzte davon, dass seine Frau nur noch wenige Tage zu leben hat. „Uns läuft die Zeit davon mit der Mama“, sagt Stefan Küpper zu seinen Kindern. Zu sagen, dass sie sterben wird, bringt er nicht über sich. Auch in solchen Situationen können Familien professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Das Stuttgarter Klinikum bietet die Unterstützung des Kinderhospizes an. „Die Idee dahinter ist, dass es jemanden gibt, der mit den Kindern etwas unternimmt und als Ansprechpartner auch über den Tod hinaus da ist“, erklärt Pascale Régincos.

Küppers nahmen sich professioneller Hilfe

Familie Küpper steht ein Team vom Kinder- und Jugendhospizdienst des katholischen Hospizes St. Martin zur Seite – die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen sprechen mit den Kindern über den nahenden Tod der Mutter, sind aber auch bei praktischen Angelegenheiten wie etwa Fahrdiensten zur Stelle, um sich darum zu kümmern, dass die Kinder einfach von zu Hause ins Krankenhaus und wieder zurück kommen.

Heute sind Stefan Küppers Kinder acht und zehn Jahre alt. Bei all dem Schmerz über den viel zu frühen Tod seiner Frau ist der 49-Jährige froh um die Zeit, die Mutter und Kinder zusammen hatten: „Sie konnte ihre Kinder prägen, die Kinder haben Erinnerungen an sie und wir konnten uns zusammen von ihr verabschieden.“