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  • Weihnachtsstress im Corona-Lockdown: Kinder brauchen Rückzugsorte

„Kinder dürfen jetzt nicht die Verantwortung für ihre belasteten Eltern übernehmen“

  • Kindern während des Lockdowns Rückzugsorte lassen und ihnen nicht allzu viel Verantwortung auferlegen – darauf komme es jetzt an.
  • Wie gut der Nachwuchs durch die Corona-Pandemie kommt, hängt auch vom psychischen Zustand der Eltern ab, sagt Erziehungs­wissenschaftlerin Severine Thomas.
  • Im Interview plädiert Thomas dafür, Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche außerhalb der Familie unbedingt geöffnet zu lassen.
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Im Lockdown kurz vor Weihnachten sind viele Familien auf sich allein gestellt. Welche Auswirkungen hat das auf Kinder und Jugendliche? Manche fühlen sich für ihre belasteten Eltern verantwortlich, sagt die Hildesheimer Erziehungs- und Sozial­wissenschaftlerin Severine Thomas. Für Kinder sollte es daher gerade jetzt auch Rückzugsorte außerhalb der Familie geben.

Kindergärten und Schulen sind wegen Corona dicht, viele Geschäfte auch, und Weihnachten steht schon wieder so plötzlich vor der Tür, dass es die Eltern zusätzlich in Hektik versetzt. Was brauchen Kinder jetzt, um nicht durchzudrehen?

Das Wohl der Kinder hängt stark davon ab, wie Eltern durch die Krise kommen. Manche sind von Jobverlust bedroht oder haben ohnehin psychische Erkrankungen. Das können Eltern nicht unbedingt steuern und einfach sagen, wir machen uns jetzt mal zu Hause eine nette Atmosphäre. Im Gegenteil: Es sind dann zum Teil eher die Kinder, die Verantwortung für ihre Eltern übernehmen.

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Was raten Sie in solchen Fällen?

Es muss Institutionen geben, die geöffnet bleiben, etwa die offene Kinder- und Jugendarbeit. Ich würde mir auch wünschen, dass die Schulsozialarbeit gestärkt wird. Man könnte zum Beispiel über Sprechstunden nachdenken, auch wenn die Schule geschlossen ist. Für die Kleineren braucht es unbedingt offene Kitas. Gerade, wenn in den Familien nicht so viele Ressourcen vorhanden sind, muss es für die Kinder Orte außerhalb der Familie geben.

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Reichen dann Regelungen, wie in einigen Bundesländern, dass man sein Kind in die Kita oder Schule schicken kann, aber nicht sollte?

Das ist die große Frage. Es wird ja stark moralisch an die Eltern appelliert, ihre Kinder nicht zu schicken, wenn es vermeidbar ist – was man natürlich aus Gründen des Pandemieschutzes verstehen kann. Auf der anderen Seite müssen wir Familien entlasten und fragen: Was entsteht daraus an psychischen Belastungen, Krisen oder Gewalt? Man sollte deshalb lieber momentan ungenutzte Räume offen halten, um Kinder auch in kleineren Gruppen betreuen zu können.

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Von hohen psychischen Belastungen ist auch in Ihren Forschungsarbeiten zu den Auswirkungen der Corona-Zeit auf Kinder und Jugendliche die Rede. Um welche Probleme geht es da?

Kinder kommen ganz gut klar, wenn die Bedingungen zu Hause passabel sind. Wir machen uns aber Sorgen um Jugendliche, die gerade kaum Möglichkeiten haben, ihre Freizeit zu gestalten. Wir sehen Belastungen in der Schule, weil das erwartete Pensum relativ hoch ist. Und dann gab es ja auch vorher schon Jugendliche, die sich psychisch belastet oder einsam gefühlt haben oder eben jetzt die Sorgen der Familie stark mittragen.

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Und dann kommt noch der Weihnachtsstress dazu.

Wir könnten uns die Frage stellen, ob wir nicht unter den Bedingungen der Pandemie unsere Weihnachts­vorbereitungen anders gestalten müssen. Muss es sein, dass wir Weihnachten mit der gleichen Menge an Geschenken und den üblichen Ritualen feiern? Das ist ein Greifen nach Gewohnheiten, die dieses Jahr nicht recht passen. Wir wissen aus unseren Studien, dass das Bedürfnis nach Kontakt und Gesprächen gerade enorm hoch ist. Mein Eindruck ist, dass die Zeit miteinander – gute Gespräche, Spiele spielen, einen Film gucken – dieses Jahr viel stärker ins Gewicht fällt als die Frage nach den Geschenken oder dem großen Festessen.

Sie haben selbst fünf Kinder im Alter von acht bis 18 Jahren. Wie geht es denen?

Ich merke, dass meine Kinder alle die Struktur durch die Schule brauchen. Wir haben unsere Kinder bis zum letzten Tag in die Schule geschickt und nicht von der vorzeitigen Befreiung Gebrauch gemacht. Trotz Masketragens sind sie immer ausgeglichen aus der Schule gekommen.

Wie feiern Sie persönlich Weihnachten in diesem Jahr?

Wir werden nur sehr reduziert reisen. Meine Großmutter ist 95, da müssen wir vielleicht nicht mit sieben Personen anrücken.

RND/epd

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