Was tun, wenn sich der Streit ums zweite Kind nicht auflösen lässt?

  • Ein zweites Kind? Ja oder Nein? Diese Frage ist bei vielen Paaren ein Streitthema.
  • So ein grundlegender Konflikt lässt sich oftmals nur sehr schwer lösen.
  • Unsere Paartherapeuten Marga Bielesch und Daniel Konermann geben Tipps zur Konfliktbewältigung.
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Wir erinnern uns: Jessi ist seit Monaten von dem Wunsch nach einem zweiten Kind getrieben, doch ihr Mann Ronny will ihr diesen Wunsch partout nicht erfüllen – aus vielerlei Gründen. Eine abschließende Lösung hat das Paar bislang nicht gefunden – seither schwelt der Konflikt.

Lesen Sie hier noch mal die Geschichte von Jessi und Ronny:

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Was unsere Paartherapeuten in so einem Fall empfehlen:

Marga Bielesch

Zur Person: Marga Bielesch ist Paartherapeutin und lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Weimar. In ihrer Praxis begleitet sie Paare und Familien in schwierigen Lebenssituationen. Sie ist Mitgründerin der THEKLA – Thüringer Eltern Kind Lern- und Aktivkurs. © Quelle: Susann Mueller

Die strittige Frage nach einem weiteren Kind bewegt viele Paare. Eine einfache Antwort oder auch nur ein schneller Kompromiss sind dabei oft sehr schwierig. Auch in dem Fall von Jessi und Ronny beschäftigt die Frage beide Partner schon länger. Beide haben verständliche Argumente für ihre Position. Die Mutter wünscht sich ein weiteres Kind, empfindet das als Bereicherung für die Familie und die große Tochter. Der Vater hat Angst vor Überlastung und zusätzlichem Druck als Alleinverdiener und macht sich Sorgen, seiner Tochter nicht mehr gerecht zu werden. Das spricht durchaus für ihn als engagierten Vater.

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Ich finde es sehr wichtig, beide Gefühlslagen und Haltungen ernst zu nehmen. Alleinige Entscheidungen kann und darf es bei einem so wichtigen Thema nicht geben. Ebenso dürfen Konflikte nie über die Kinder ausgetragen werden. Es ist wichtig, dass die Eltern Verantwortung für die Situation übernehmen und das Thema untereinander klären. Deshalb sollte sich das Paar Zeit für eine gemeinsame Lösung nehmen. Sie sollten ihre Wünsche und Bedenken offen ansprechen dürfen und gemeinsam über eine mögliche Entscheidung nachdenken.

Sich ausreichend Zeit nehmen

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Am besten führt man solche Gespräche vom Kind ungestört, nicht am Telefon, nicht abends im Bett, nicht morgens zwischen Tür und Angel. Auch Bedenkzeit zwischen den Gesprächen ist wichtig. Vielleicht steht am Ende dieses Prozesses die Erkenntnis, dass auch die aktuelle Familienkonstellation sehr wertvoll und damit doch komplett ist. Gleichzeitig wäre natürlich auch ein weiteres Kind eine Option, jedenfalls, wenn es gelingt, die Sorgen des Vaters aufzufangen. Und die dritte und in diesem Fall sicher ungünstigste Variante: Manche Paare trennen sich auch, weil ihre Vorstellungen über Familie einfach nicht mehr miteinander vereinbar sind.

Egal, wie die Entscheidung am Ende ausfällt, wichtig ist es, konstruktiv zu bleiben und die Argumente abzuwägen. Vorwürfe, Druck ausüben, Schuldzuweisungen verschlimmern die Situation nur. Die Entscheidung über ein weiteres Kind verdient Achtsamkeit. Gelingt es dem Paar nicht, einen achtsamen Umgang mit dem Thema zu finden, ist es sinnvoll, sich Hilfe von außen zu holen, am besten von einer neutralen Person wie einem Paartherapeuten oder Psychologen.

Daniel Konermann

Zur Person: Daniel Konermann ist Psychologischer Psychotherapeut und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Heidelberg. Er hat eine Praxis für Einzel- und Paartherapie und gibt regelmäßig Fortbildungen zum Thema Achtsamkeit und Burnoutprophylaxe. © Quelle: Thilo Ross

Auch wenn viele Paare es in dieser Situation vielleicht nicht so empfinden, gibt es oft Gemeinsamkeiten in beiden so scheinbar unvereinbaren Positionen. Einerseits die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, der Wunsch, den anderen nicht unnötig zu verletzen, und andererseits die Treue zu sich selbst. Ich kann meiner Kollegin völlig zustimmen, der gemeinsame Prozess braucht Zeit und achtsam geschaffene Räume zum Austausch.

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Weitergehende Anregungen und Fragen für ein Paar in dieser Situation meinerseits wären: Wenn die Mutter ihren Kinderwunsch oder der Vater sein Nein loslassen würden, welche Entwicklungsaufgabe könnte jeweils auf beide warten? Wenn es nicht nur ein Verzicht auf die eigene Position wäre, sondern vielleicht eine Wachstumsmöglichkeit damit einhergehen könnte? Was würden beide auf diesem Weg lernen?

Einfach mal so tun, als ob ...

Warum nicht auch eine existenzielle Perspektive einnehmen: Vielleicht gelingt es beiden, einmal die eigene Position zu verlassen und gemeinsam zu erspüren, wie die Familie angelegt ist – nicht wie viele Kinder ihr wollt, sondern wie viele Kinder zu Euch kommen wollen? Noch eine andere Spielvariante, um aus dem Diskutieren und Blockieren herauszukommen: Beide nehmen sich eine Woche Zeit, und tun gemeinsam so, als ob Sie sich entschieden hätten, dass sie das Kind bekommen. Sie erlauben sich alle Gefühle und Gedanken, begeben sich ganz hinein, sprechen mit Freunden darüber. In der nächsten Woche kommt die Vorstellung, ohne weiteres Kind zu leben – Pläne schmieden, sich erlauben, weiter zu denken und zu fühlen. Nach der Woche tauschen sie sich aus, was die Szenarien ausgelöst haben.

Für den Fall, dass sich die Positionen verhärten, stellt sich die Frage, wie es mit der Opferbereitschaft des Paares aussieht und mit der Möglichkeit, Ausgleich herzustellen: Könnte ich damit leben, dass mein Partner mir zuliebe etwas Wesentliches von sich übergeht? Kann ich den Schmerz oder den Vorwurf meines Partners darüber ertragen und kann ich dem geduldig und freundlich begegnen, auch wenn er wiederholt auftreten sollte? Bin ich bereit, etwas zu tun, um den Schmerz darüber zu lindern oder einen Ausgleich für ihn zu suchen?

Am Ende gibt es natürlich kein Rezept für diese Entscheidungen, außer immer wieder neu zu vertrauen, dass große Entscheidungen von der gemeinsamen Liebe getragen werden können.

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Sie haben Fragen an Marga Bielesch und Daniel Konermann? Dann schreiben Sie uns an service@rnd.de. Wir leiten Ihre Fragen an die Paartherapeuten weiter!

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