Was Schläge mit unseren Kindern anrichten

  • Das Thema Gewalt an Kindern ist ein gesellschaftliches Tabuthema.
  • Laut einer Studie schlagen aber mindestens 40 Prozent aller Eltern ihre Kinder auf den Hintern.
  • Diplom-Pädagogin und Autorin Katia Saalfrank berichtet im Interview, was Schläge mit Kindern anrichten und an wen Eltern sich zur Beratung wenden können.
Katharina Nachtsheim
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Berlin. Katia Saalfrank ist Diplom-Pädagogin, Musiktherapeutin und Autorin. Sie arbeitet als Eltern- und Familienberaterin in eigener Praxis, berät und begleitet Eltern – durch die Möglichkeit der Skype-Beratung auch bundesweit und im deutschsprachigen Ausland, führt Personal Coachings zum Schwerpunkt Kommunikation und Emotion durch und ist in der Supervision von Lehrenden und Erziehenden tätig. In ihren Aus- und Weiterbildungen gibt Katia Saalfrank ihre eigene bindungs- und beziehungsorientierte Pädagogik (buboks) an Eltern und Fachleute weiter. Sie engagiert sich gegen Gewalt in der Erziehung, auch ihr Buch „Kindheit ohne Strafen“ handelt davon.

Gibt es Schätzungen, wie viele Kinder zu Hause Gewalt erfahren?

Eine im Jahr 2012 vom Forsa-Institut im Auftrag der Zeitschrift „Eltern“ erstellte Studie offenbart dramatische Zahlen. 40 Prozent der Eltern gaben an, ihre Kinder zu verprügeln („Hintern versohlen“), weitere 10 Prozent schlagen ihre Kinder ins Gesicht („Ohrfeige“). Die Hälfte aller Eltern greift also zu körperlicher Gewalt. Zu berücksichtigen ist bei diesen Angaben im Übrigen, dass Gewalt ein schambesetztes Tabuthema ist. So wurden bei der Datenerhebung nur Eltern berücksichtigt, die auch bereit waren, über ihr Gewaltverhalten Auskunft zu erteilen. Es ist deshalb von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Gewalt findet hinter geschlossenen Türen statt – oft im Verborgenen und nicht sichtbar – und ist deshalb schwer zu schätzen. Deshalb müssen wir genau hinschauen und dürfen nicht wegsehen. Übrigens: Im Schnitt kommen nach Angaben der Kinderschutzorganisation „Deutsche Kinderhilfe“ „nach wie vor mehr als drei Kinder pro Woche zu Tode“. Nicht jedes Kind, das Gewalt erfährt, wird sichtbar verletzt oder kommt gleich zu Tode. Das ist jedoch kein Grund, andere Formen der Gewalt zu verharmlosen.

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Gewalt findet hinter geschlossenen Türen statt. Deshalb müssen wir genau hinschauen und dürfen nicht wegsehen.

Katia Saalfrank Diplom-Pädagogin

Welche Spuren hinterlassen Schläge bei einem Kind?

Schläge hinterlassen fatale Spuren: Sie zerstören beim Säugling und Kleinkind die unersetzliche Sicherheit, geliebt zu werden. Das Urvertrauen ist gestört – wie man auch beim Erwachsenen später erleben kann, außerdem erzeugen Schläge Ängste beim Kind: Die Erwartung der nächsten Strafe ist immerzu präsent. Die Beziehung ist also nicht von Liebe und Vertrauen, sondern von Angst geprägt.

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Aber es gibt noch weitere fatale Auswirkungen auf Kinder. Wenn Kinder Schläge erleben, wird bei ihnen das Mitgefühl und die Sensibilität für andere und für sich selbst zerstört. Desensibilisierung ist die Folge. Die Fähigkeit, sich einzufühlen, Empathie zu entwickeln, ist nicht gegeben oder wird zerstört. Ein inneres Wachstum ist nicht oder nur begrenzt möglich, und die Entwicklung des Kindes wird beeinträchtigt. Weiterhin werden durch Schläge Ärger und Wut und der Wunsch nach „Rache“ beim Kind produziert und gespeichert. Der Wunsch, der oft zunächst noch unterdrückt wird, richtet sich dann aber entweder gegen Geschwister oder auch gegen andere Personen. Oft können auch diese unterdrückten Wutgefühle erst im Erwachsenenalter ihren destruktiven Ausdruck finden, dann aber oft heftig. Schläge „programmieren“ außerdem das Kind, unlogische Argumente zu akzeptieren: „Wenn ich dir weh tue, geschieht es zu deinem Besten!“ So wird das Kind programmiert, den Schmerz der Demütigung als nicht schmerzhaft zu registrieren. Es setzt eine gefährliche Desensibilisierung beim Kind ein.

Wo fängt denn Gewalt an? Ist der Klaps auf die Finger noch im Rahmen?

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Nein! Gewalt ist Gewalt. Die Botschaften an das Kind, die selbst durch vermeintlich „leichte“ Schläge gesendet werden, sind – wie schon erläutert - vielschichtig und fatal. Das Kind erfährt keinen Respekt und keine Wertschätzung und wird in seinem Urvertrauen tief erschüttert. Es wird fortan, wenn es auf die Eltern reagiert, häufig nur aus Angst handeln. Das Kind lernt, dass es den eigenen Schmerz nicht fühlen darf, dass dieser vielmehr ignoriert werden muss. Und: Das Kind erfährt keinen Respekt und keine Wertschätzung, persönliche Grenzen werden so von uns Erwachsenen missachtet. Die Botschaft ist: Du hast meine Grenze überschritten – Deine ist mir aber nichts wert. Das ist elterlicher Machtmissbrauch. „Ein Klaps hat noch keinem geschadet!“ Wer so etwas sagt, hat wahrscheinlich, physisch oder psychisch, selbst gewaltvolle Erfahrungen gemacht – und beweist mit diesem Satz das Gegenteil, nämlich, dass ein Klaps durchaus schaden kann. Veränderung dauert. Sie dauert auch, weil wir als Gesellschaft nicht bereit sind, das Wissen, das wir gewonnen haben, anzuwenden und Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für unser Handeln und Tun den Kindern gegenüber.

Wie erleben Sie Eltern, die ihre Kinder geschlagen haben?

Ich erlebe, dass es Eltern sehr schlecht geht. Sie sind traurig, sehr enttäuscht von sich selbst und haben große Schuld- und Schamgefühle. Damit gehen wir dann um und erarbeiten dann einerseits, wie sie als Eltern Verantwortung übernehmen und diese Situation in der Beziehung zum Kind gut klären können und entwickeln andererseits auch neue Handlungsalternativen, damit sie in Zukunft anders damit umgehen können.

Wenn ich merke, dass meine Nerven so angespannt sind, dass mir gleich die Hand ausrutscht – was kann ich unternehmen, dass es eben NICHT passiert?

Man kann hier auf zwei Ebenen arbeiten: Einmal im Konfliktmoment und die andere Ebene ist die Reflexion danach. In der konkreten Situation ist es gut, sich so früh wie möglich selbst zu unterbrechen, sich herauszunehmen. Am besten ist es, kurz aus dem Zimmer zu gehen oder die Situation zu verlassen, durchzuatmen und sich zu beruhigen. Wenn dann die Anspannung und der Stress etwas nachlassen, kann man besser mit der Situation umgehen. Die Reflexion danach zeigt dann häufig, dass der Ärger und die Wut oft nicht nur durch das Verhalten des Kindes, sondern durch verschiedene Faktoren ausgelöst wurden. Deshalb ist es hilfreich, neue Alternativen und die Reflexion gemeinsam zu finden und dies im Austausch mit jemandem begleiten zu lassen. Wichtig ist, dass Eltern in dieser Umbruchzeit möglichst viele gute Erfahrungen machen können.

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Wohin können sich Eltern wenden, wenn sie merken, dass die da in eine Gewaltspirale reingerutscht sind?

Es gibt zahlreiche kostenlose Beratungsstellen. Zum Beispiel haben Eltern die Möglichkeit, sich anonym im Internet unter www.buendnis-fuer-kinder.de oder www.elterntelefon.de Beratung von erfahrenen Psychologen und Pädagogen zu holen. Unter www.kinderundjugendtelefon.de findet man auch Kontakt-Telefonnummern und Adressen für hilfesuchende Kinder und Eltern. Auch das zuständige Jugendamt bietet natürlich kostenfreie Beratung und Unterstützung an. Oft ist die Hemmschwelle für Beratung bei diesem heiklen Thema groß, da Eltern große Angst vor Verurteilung haben oder auch Bedenken entstehen, sich einem Amt gegenüber zu offenbaren, welches dann unter Umständen auch tätig wird und Eltern unter Druck setzt. Mit dieser Sorge kommen Eltern dann oft zu mir und entscheiden sich dann oft für eine private, aber dafür kostenpflichtige, pädagogisch-psychologische Beratung ohne Anbindung an öffentliche Stellen.

Warum schlagen Eltern überhaupt zu?

Nicht nur Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten sind gefährdet. Auslöser für Gewalt gegen Kinder sind Stress und Überforderung, und so existiert Gewalt in allen Formen als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Eltern, die ihre Kinder schlagen, sind meist selbst geschlagene Kinder oder zumindest Kinder, die gestraft wurden. Sie haben einen ganz bestimmten Mechanismus erlebt und sind von ihren Eltern nicht nur in Bezug auf ihr kindliches „Fehlverhalten“ mit Vorwürfen und Drohungen, sondern auch noch wegen der dann folgenden Tränen geschimpft und kritisiert worden, ja vielleicht sogar gestraft oder geschlagen worden. Dies stellt dann eine weitere Kränkung des Kindes dar. Es empfängt folgende Botschaft: Nicht nur mein Verhalten war verkehrt und hat die Mutter/den Vater gekränkt, auch mein Gefühl, die aufkommende Trauer, ist falsch und wird negativ bewertet. Diese stark emotionalen Erfahrungen werden gespeichert, miteinander gekoppelt und führen so im Gehirn zu bestimmten Vernetzungen, die die Betroffenen im Erwachsenenalter dann die erlebte Gewalt weitergeben lassen werden. Diese Mechanismen sind oft subtil und müssen sich nicht immer im sichtbaren Ausagieren von Gewalt manifestieren. Eltern können ja mal bei sich selbst schauen, denn manchmal verdrängen Betroffene die erlittenen Demütigungen und Kränkungen sogar und glauben, sich an eine gute Kindheit zu erinnern. Dennoch bringen genau diese verdrängten Erfahrungen die Menschen dann später dazu, eben jene Gewalt, die sie selbst erfahren haben, als Erziehungsmittel einzusetzen. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um einen starren Automatismus, sondern um ein erkennbares Muster. Wir sind unseren Erfahrungen nicht hilflos ausgeliefert. Kommt ein innerer Prozess der Selbsterkenntnis in Gang, haben wir die Chance, diese erlebten Muster zu unterbrechen. Dies kann oft schon mit wenigen Beratungen erfolgen.

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Die Initiative „Kinder sind unschlagbar“ richtet sich gegen die Gewalt an Kindern. Seit wann engagieren Sie sich in dieser Initiative und was war der Ausschlag dafür?

Unschlagbar ist eine Plattform gegen Gewalt an Kindern und für eine gewaltfreie Beziehung zu Kindern. Diese Initiative gibt es jetzt seit März 2015. Ausschlaggebend dafür war die Aussage des Papstes, der das Schlagen von Kindern in der Erziehung befürwortet hat. Das hat mich so schockiert, dass ich einen offenen Brief an den Papst geschrieben habe. Die vielen Rückmeldungen haben mich bestärkt, noch mehr mit diesem Thema auch in die Öffentlichkeit zu gehen und als Christian mich ansprach und fragte, ob wir nicht gemeinsam etwas FÜR Kinder und GEGEN Gewalt an Kindern machen wollen, war ich sofort begeistert und dann haben wir losgelegt: Mit Unschlagbar bieten wir Eltern und Familien eine Plattform, um sich auszutauschen, um Vorurteile zu beseitigen und wir wollen Hilfestellung für alle geben, groß oder klein. Durch zahlreiche Unterstützung von Freunden, unbekannten und bekannten Menschen wollen wir Sicherheit geben, dass Gewalt keine Lösung ist und mit unserer Plattform einen Ort bieten, an dem gegenseitiger Austausch und Bestärkung dazu beitragen, dass Gewalt an Kindern nicht als Bagatelle angesehen wird und letzten Endes aus jedem Familienleben verschwindet. Wir – das bin nicht nur ich, sondern auch Christian Bahrmann (Vater, Schauspieler, Sänger, Moderator und Puppenspieler – bekannt als der beste Freund von Kikaninchen aus dem gleichnamigen Format „KiKANiNCHEN“ auf Kika von ARD und ZDF) – sagen: „Kinder sind unschlagbar.“

Katia Saalfrank ist Diplom-Pädagogin, Musiktherapeutin und Autorin. Sie arbeitet als Eltern- und Familienberaterin in eigener Praxis, berät und begleitet Eltern. © Quelle: picture alliance / Ulrich Baumga