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  • Was passiert in der Pubertät? Expertin über Teenager, verschlossene Zimmertüren und gute Beziehungen zu den Eltern

Expertin zur Pubertät: „Beziehung ist die beste Prophylaxe!”

  • Eltern haben es oft nicht leicht mit Teenagern: Die Türen knallen, schon Bagatellen entfachen einen Streit.
  • Autorin Inke Hummel (43) widmet sich dieser Problematik in ihrem Buch „Miteinander durch die Pubertät”.
  • Besonders wichtig sei demnach die „Bindungsarbeit" – für die Beziehung zwischen Kind und Eltern.
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In ihrem Buch „Miteinander durch die Pubertät“ wirbt Autorin Inke Hummel (43) für einen neuen Blick auf die Pubertät. Wie Eltern mit verschlossenen Zimmertüren umgehen sollten und was sie selbst von ihren Teenagern lernt, erzählt die Bindungsexpertin im Interview.

Frau Hummel, bei uns zu Hause knallen schon mal die Türen, wenn jemand beim Essen falsch angeguckt wird. Wie bleiben wir als Eltern in solchen Situationen immer gelassen?

Immer gelassen zu bleiben, das schafft niemand! Das Wichtigste aber ist, die Dinge nicht persönlich zu nehmen. Stattdessen sollte man, wann immer man es schafft, gucken, warum ist das passiert und was meint mein Kind damit. Aber klar, wenn uns eine Vierjährige „blöde Mama“ nennt, können wir das besser hinnehmen, als wenn ein 15-Jähriger von 1,80 Meter Körpergröße vor uns steht. Das ist dann schon eine große Aufgabe, selbst nicht in Wut zu verfallen und dem Kind zugewandt zu bleiben.

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In Ihrem Buch betonen Sie, wie wichtig es ist, mit den Kindern in Beziehung zu gehen. Aber wenn ich nur noch angeraunzt werde, macht das ja auch was mit mir, dann bin ich auch getroffen.

Ja, das stimmt. Und trotzdem ist es unsere Aufgabe, immer wieder auf das Kind zuzugehen. Allerdings muss das nicht immer sofort passieren. Natürlich muss ich mich als Mutter auch erst mal sammeln dürfen. Manche Konflikte brauchen Zeit, damit Gefühle sich sortieren können, damit wir Argumente finden und abwägen können: Kommen wir heute wieder näher aneinander oder braucht es vielleicht noch mal eine Nacht, in der wir drüber schlafen.

Bindungsexpertin und Autorin Inke Hummel. © Quelle: Jens Unglaube
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Dafür muss ich mit meinem Teenager ja in Kontakt kommen. Viele Zimmertüren bleiben ab einem bestimmten Alter aber meist geschlossen.

Tatsächlich empfehle ich, mein Buch schon vor der Pubertät zu lesen, um während der Pubertät darauf zurückgreifen zu können. Je mehr Rituale man zum Beispiel im Alltag hat, in denen man in Kontakt kommen kann, desto mehr bleibt übrig, wenn das Kind erst mal in der Pubertät angekommen ist. Etwa das gemeinsame Essen oder der gemeinsame Spaziergang jeden Sonntag. Ist es aber schon so weit gekommen und die Tür bleibt zu, würde ich auf neue Art versuchen, in Kontakt zu kommen. Vielleicht eine Whatsapp schicken, einen handgeschriebenen Brief unter der Tür durchschieben oder, wenn das Kind dann doch mal auftaucht, es mit Humor versuchen – auch gerne Humor über mich selbst. Das kann manchmal ein bisschen die Spannung nehmen und dem Kind die Möglichkeit geben, über seinen Schatten zu springen.

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Wie viel Einfluss habe ich überhaupt noch als Elternteil? Werden die Peers, die Gleichaltrigen, nicht immer wichtiger?

Ja, vom elterlichen Einfluss geht natürlich etwas verloren. Aber zum einen ist man immer noch ein Vorbild für Kinder. Selbst wenn man das Gefühl hat, sie können einen gar nicht leiden, gucken sie doch sehr genau hin, was man so tut. Und zum anderen ist die Beziehung ja da. Gibt es etwas, das uns Sorgen bereitet, können wir in Beziehung gehen und sagen, wie wir uns fühlen. Man kann sagen: „Das ist jetzt nicht dein Thema, sondern in mir macht das ganz viel und darüber möchte ich reden.“ Dabei würde ich auf Vorwürfe möglichst verzichten.

Können sich Eltern darauf verlassen, dass die Verbundenheit zum Kind bleibt – auch wenn sie loslassen müssen?

Man kann es natürlich auch nicht voraussagen. Man kann nur ganz viel tun. Die Bindungs- und Beziehungsarbeit in den ersten Jahren erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Verbindung auch im Jugendalter gut bleibt – selbst in Phasen, in denen es vielleicht nicht so gut läuft.

Was heißt Bindungsarbeit?

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Bindung ist eigentlich das, was die Kinder grundlegend in ihren ersten drei Lebensjahren lernen: Wie sicher ist meine Bezugsperson für mich da und wie verlässlich kann sie wahrnehmen, was ich brauche? Wie gut kann ich diese Bindungssicherheit abrufen, wenn ich in späteren Jahren allein in die Welt gehe? Über die frühe Phase gibt es schon viel Literatur und ich wollte den Blick weiter richten auf die Pubertät, wenn die Kinder vor allem ein starkes Bedürfnis haben im Bereich des Loslassens.

Und wie funktioniert dann gute Bindung mit einem Teenager?

Es ist ein Wechselspiel aus Vertrauen und Loslassen und zur Not auch wieder Einfangen, wenn das Kind mit der Freiheit überfordert ist. Es passieren immer wieder Fehler und unsere Aufgabe ist es, der Leitwolf zu sein, wie Jesper Juul immer sagt. Das Kind braucht eine lange Leine, um sich ausprobieren zu können, aber genügend Unterstützung von uns, um irgendwann wirklich allein loszugehen.

Aber es ist schon herausfordernd, die Bedürfnisse zu antizipieren, wenn der Teenager selbst gerade gar nicht weiß, was seine Bedürfnisse sind.

Das stimmt. Manchmal sage auch ich zu meinen Kindern: Ich hab keine Ahnung, wo das jetzt hingehen soll! Ich finde es ganz wichtig, dass wir keinen Anspruch auf Perfektion haben. Das Leben mit Kindern ist ein Weg, auf dem viele Stolpersteine liegen und der super anstrengend ist. Dabei braucht man auch sehr viel Nachsicht mit sich selbst. Man kann nicht immer sofort für alles eine Lösung haben.

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Sie schreiben in Ihrem Buch über die Grundpfeiler der Beziehung. Welche sind das?

Die Grundpfeiler sind immer gleich, ob mein Kind drei ist oder 13 oder 43. Dazu gehört, dass man gute Zeit miteinander verbringt. Dabei geht es gar nicht um die Menge, sondern wirklich um die Qualität. Dass ich mich darauf einlasse, was von meinem Kind so kommt und ich nicht nur mit meinen Alltagsanforderungen wie Zimmeraufräumen ankomme. Dass ich meinem Kind vertraue und loslasse. Dass ich meinem Kind mit Respekt begegne und das auch für mich einfordere. Dass wir uns wertschätzen. Dann kann man auch von diesem alten Bild wegkommen, die Pubertät müsse ein Generationenkonflikt sein.

Ich glaube, manche Eltern haben sogar richtig Angst vor der Pubertät.

Genau. Es ist ja auch in unserem Kopf verankert, dass mit der Pubertät ganz viele Konflikte kommen werden und die Kinder sicher ganz schlimme Dinge tun werden. Dann ja auch dieses Bild: der ungewaschene Pubertier. Schon diese Worte …

Wie sollten wir denn stattdessen auf die Pubertät blicken?

Im Prinzip sollte man die Grundinformation kennen, also was passiert in der Pubertät in meinem Kind hormonell und im Gehirn, um zu verstehen, dass sich manche Dinge einfach gar nicht verändern lassen. Um die Angst loszuwerden, lohnt es sich, auf sich selbst zu gucken: Ist aus meiner Pubertät wirklich so viel Schlechtes zurückgeblieben? Und ein ganz wichtiger Punkt ist, dass man die Entwicklungsaufgabe der Pubertät sieht. Viele Eltern sehen nur, dass Kind von ihnen weggeht, vielleicht zu gefährlichen Freunden. Dabei ist es die Entwicklungsaufgabe, dass das Kind zu sich findet. Es soll also nicht weg von uns, sondern hin zu dem Menschen, der eben in ihm steckt. Gelingt es uns, das Positive zu sehen, können wir von unseren Teenagern sogar jede Menge lernen.

Was lernen Sie von Ihren Kindern?

Mein Sohn ist zum Beispiel sehr stark politisch unterwegs und da kommen ganz viele spannende Dinge, und bei meiner Tochter ist es die Umweltpolitik. Sie ist Vegetarierin und bringt da oft auch sehr emotional Input rein. Für uns Erwachsene ist es aber eine Chance, uns von dieser Energie mitreißen zu lassen – statt das Ganze nur von oben herab zu betrachten.

Aber nicht immer gefallen uns die Entwicklungen unserer Kinder. Wie gelassen kann ich sein, wenn das Kind etwa politisch in eine Richtung geht, die ich selbst nicht gerade präferiere?

Das ist natürlich ein schwieriger. Wenn ich selber CDU-Wähler bin und mein Kind will grün wählen, dann ist das ja alles noch im demokratischen Rahmen. Wenn es aber extreme Wege werden, würde ich mir rechtzeitig Unterstützung suchen. Es gibt gute Vereine, bei denen man sich Informationen und Hilfe holen kann.

Es gibt ja auch noch andere Stolpersteine: Alkohol, Drogen, Gruppendruck, das sind Dinge, die in der Pubertät im Zweifel das erste Mal anstehen könnten. Wie begleite ich meine Kinder gut durch die Zeit?

Beziehung ist die beste Prophylaxe! Ich kann nicht alles verhindern, aber ich kann meinem Kind einen starken Rücken mitgeben. Es wird gefestigt sein, weil es zu Hause Mitgefühl, Perspektivwechsel gelernt hat, weil es lösungsorientiert ist, es Streiten gelernt hat und weil es Nein sagen durfte. Das sind alles Dinge, die ich zu Hause als Grundstein legen kann, damit mein Kind raus in die Welt geht und den Gefahren dort begegnen kann.


“Staat, Sex, Amen”
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