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  • Was hilft gegen das Altern? Biologe Sebastian Grönke im Interview

„Der effektivste Eingriff ist, weniger zu essen“: Forscher erklärt, wie man das Altern verlangsamen könnte

  • „Altern hat keine biologische Funktion“, sagt der Biologe Sebastian Grönke im RND-Interview.
  • Trotzdem sind wir noch weit davon entfernt, es aufzuhalten.
  • Eine Idee, wie man den Prozess dennoch verlangsamen kann, hat der Forscher jedoch.
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Herr Grönke, sollten wir uns vorsichtshalber schon mal innerlich auf die ewige Jugend einstellen?

Das ist aus meiner Sicht eher nicht nötig. Davon, dass wir das Altern aufhalten können, sind wir noch sehr weit entfernt.

Ihr Kollege David Sinclair, immerhin Professor in Harvard, propagiert in einem Buch aber genau das: „Das Ende des Alterns“, so der Titel.

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So etwas verschafft natürlich Aufmerksamkeit. Man muss auch sagen, dass in den vergangenen zehn, 20 Jahren große Fortschritte gelungen sind. Aber das Altern komplett zu stoppen scheint mir im Moment noch nicht absehbar mit den Ansatzpunkten und Mitteln, die man derzeit hat.

Was ist denn eine seriöse Erwartung an Ihre Disziplin?

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Das Problem ist, dass wir unser Wissen an sehr kurzlebigen Modellorganismen entwickeln müssen – Mäusen, Fliegen, Würmern. Bei ihnen sind die Eingriffsmöglichkeiten viel größer, wir können relativ leicht bestimmte Gene verändern, sie mit Medikamenten füttern oder ihre Diät kontrollieren. So erreichen wir derzeit eine Verlängerung der Lebenszeit von 30 bis 40 Prozent. Das auf den Menschen zu übertragen scheint mir ein realistisches Ziel zu sein.

Warum altern wir überhaupt?

Es gibt keinen Sinn, warum wir altern. Altern hat keine biologische Funktion. Im Prinzip ist es ein Nebeneffekt der Stoffwechselvorgänge, die in unserem Körper ablaufen. Altern ist ein negativer Prozess, bei dem unsere Körperfunktionen mit der Zeit schlechter werden. Das ist nichts, was sich in der Evolution als positiv entwickelt hätte.

Sebastian Grönke forscht am Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns in Köln. © Quelle: Max Planck institute for biology of aging

Als eines der Wundermittel im Kampf gegen das Altern gilt die Einnahme von NMN, Nicotinamidmononucleotid. Vor allem in den USA, speziell in Kalifornien, gibt es eine regelrechte Industrie dafür. Was kann das Mittel?

NMN ist die Vorstufe eines Co-Enzyms namens NAD, das an sehr vielen Prozessen im Körper beteiligt ist, dessen Spiegel aber mit zunehmendem Alter sinkt. Die Idee ist, den Stoff zu ersetzen, damit die Prozesse wieder störungsfrei laufen. Mäuse, die mit NMN gefüttert werden, sind gesünder und leben länger. Allerdings sind die Effekte auf die Lebenszeit mit 5 bis 10 Prozent relativ gering.

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Einige Jungbrunnenfreunde kombinieren es mit einem anderen Mittel, Metformin.

Ein Diabetesmedikament, das seit Jahrzehnten verwendet wird und den Vorteil hat, dass es keine Nebenwirkungen hat. Der Effekt auf die Lebenszeit von Mäusen ist mit 5 bis 10 Prozent aber ebenfalls relativ gering.

Die Kombination schafft keinen Vorteil?

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Es gibt keine Studien, die zeigen, welchen Effekt das haben könnte. Die genaue Dosis ist daher auch unbekannt. Das Mittel, das das Leben von Mäusen am stärksten verlängert, und zwar um 30 bis 40 Pro­zent, ist Rapamycin. Es wirkt auf den mTor-Signalweg und simuliert im Grunde medikamentös das Fasten. Es hat aber den Nachteil, dass es bei hoher Dosierung das Immunsystem unterdrückt, weshalb es zum Beispiel im Menschen bei Organtransplantationen eingesetzt wird.

Eine Pille nehmen und länger leben – so einfach ist es also nicht?

Zurzeit leider noch nicht.

Bleibt nur der mühsame Weg: weniger essen?

Ja. Der effektivste Eingriff ist die Ernährungseinschränkung. Wenn Tiere 40 Prozent weniger Nahrung bekommen als die Kontrollgruppe, kann man die Lebenszeit um 30 bis 40 Prozent verlängern. Die Tiere leben länger und sind im Alter gesünder – und darum geht es ja eigentlich.

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40 Prozent weniger Nahrung klingt allerdings kaum realistisch. Wer soll das auf Dauer durchhalten?

Beim Menschen setzt man um die 25 Prozent weniger Nahrung an. Es ist offenbar auch keine reine Kalorienfrage. Es geht schon auch darum, welche Nahrungsanteile man reduziert. Zum Beispiel konnte gezeigt werden, dass die Proteinzusammensetzung eine wichtige Rolle spielt, eine größere als etwa der Fettgehalt. Eine Reduktion der Proteinaufnahme scheint mit ursächlich zu sein für die positiven Effekte.

Dabei sind Proteindiäten gerade sehr in.

Wie eine Zeit lang auch die Atkins-Diät, wo das Gegenteil proklamiert wurde: eine Hochproteindiät mit viel Fleisch. Das hilft auch kurzfristig beim Abnehmen, aber die Tierexperimente zeigen, dass es langfristig schädlich ist. Eine Studie im Menschen hat diesen Zusammenhang zwischen Proteingehalt und erhöhter Sterblichkeit bestätigt. Dabei spielte allerdings auch die Herkunft der Proteine eine Rolle, wobei pflanzliches nicht so schädlich zu sein scheint wie tierisches Protein.

Wenn es denn die minus 25 Prozent sein sollen: Wann müsste man damit beginnen?

Nach allem, was wir bislang sagen können: je früher, desto besser. Auch ab dem mittleren Lebensalter kann man aber wohl noch deutliche Effekte erzielen.

Was ist denn Ihr persönliches Rezept für ein längeres Leben?

Medikamente nehme ich jedenfalls nicht. Ich bin 47 und bemühe mich um eine ausgewogene Ernährung mit wenig Fleisch. Das muss reichen.

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