Warum man als Mutter gegen den Strom schwimmen muss

  • Berufstätig und Mutter sein, das war in den Sechziger Jahren ohne Waschmaschine, Homeoffice, Pampers und Kita ganz schön hart.
  • Aber manchmal war es auch einfacher als heute, findet Barbara Waetzmann, 86.
  • Die Ärztin bekam fünf Kinder, verlor ihren Mann, lernte zu improvisieren und blickt glücklich zurück. Ein Interview.
Silia Wiebe
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Hamburg. Als Medizinstudentin unter lauter Männern wurden Sie 1951 bestimmt wie eine Außerirdische behandelt.

Einmal standen wir im Präparier-Kurs, die männlichen Studenten und ich. Es roch nach Konservierungsmitteln. Wir hörten seit Stunden ehrfürchtig dem Professor zu, der sich zu den Venen und Arterien einer Leiche schnibbelte. Am frühen Abend, wir waren ziemlich erschöpft, fragte ich in die Runde: „Wollen wir nachher noch etwas unternehmen?“ Alle schwiegen. Wir siezten uns untereinander, die Frauen wurden von dem Professor mit „Fräulein“ angesprochen. Man unternahm nicht einfach etwas mit fremden Männern.

Sie verliebten sich in einen Kommilitonen und durften eines auf gar keinen Fall: unverheiratet schwanger werden.

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Den wenigen Frauen, denen das passierte, blühte ein Spießrutenlauf. Sie verheimlichten ihre Schwangerschaft so lange wie möglich, ihr Ruf war ruiniert. Mein Verlobter und ich durften deshalb nicht mal an derselben Universität studieren, darauf bestanden meine Eltern. Er ging also nach Erlangen, ich blieb in Göttingen. Nur weil sein Vater unheilbar krank wurde, erlaubten sie uns die Hochzeit vor unseren letzten Examensprüfungen. Zwei Jahre später, ich war mittlerweile 27, kam unser erstes Kind.

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Wie erinnern Sie die Geburt?

Es war eine natürlich entbundene Beckenendlage. Heute würde man einen Kaiserschnitt machen. Als mein Sohn gesund auf der Welt war, sagte der Chefarzt: „Herzlichen Glückwunsch, 30 Prozent aller Steißlagen enden tödlich.“ Ich war schockiert. Dann hieß es: Mindestens acht Tage stramm im Krankenhausbett liegen und erst danach Beine baumeln. Anders als heute wurde das Wochenbett sehr ernst genommen. Wir Mütter wurden betüddelt und die Kinder von den Schwestern versorgt. Pünktlich alle vier Stunden brachte man uns die Babys zum Stillen.

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Sie durften Ihr Baby nur alle vier Stunden sehen?

Ja, es war wie Urlaub. Ich kann mich nicht erinnern, dass uns das missfiel, auch wenn man heute davon ausgeht, dass Neugeborene und Eltern von Anfang an viel Körperkontakt brauchen. Damals herrschten strenge Regeln. Uns wurde eingeimpft, dass wir auf die Minute alle vier Stunden stillen, egal ob das Baby vorher schreit oder nicht. So sollte es an regelmäßige Essenszeiten gewöhnt werden.

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Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie heimlich vor Ablauf der vier Stunden gestillt?

Ach, bestimmt ab und an. Vor dem Stillen mussten wir das Kind aber erstmal wiegen. Es war genau vorgeschrieben, wie viel Gramm pro Stillvorgang zugenommen werden sollten. Wir desinfizierten die Brustwarze, damit es keine Keime bekommt. Dann gaben wir ihm eine Brust. Niemals beide hintereinander, das war ebenfalls eine der Regeln. Wir stillten genau 20 Minuten. Dann wogen wir nochmal. Fehlten noch ein paar Gramm, wurde Kunstmilch zugefüttert.

Klingt nach Arbeit und nicht nach Entspannung.

Heute wird sicher mehr auf die emotionalen Bedürfnisse von Mutter und Kind geachtet. Und es gibt die Elternzeit. Ich arbeitete sechs Wochen nach der Entbindung wieder. Das Problem war: Kitas für Neugeborene waren noch nicht erfunden und Kinder ab drei wurden auch nur vormittags fremdbetreut. Für eine Ärztin wie mich, die Tagdienste, Spätschichten und Nachtdienste machen musste, bedeutete ein Kind das berufliche Aus. Also nahm ich das Kind mit zur Arbeit.

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Es krabbelte durch den OP-Saal?

Nein, ich war inzwischen Medizinalassistentin auf der Gynäkologischen Abteilung, also eine Art schlecht bezahlte Einstiegsärztin. Mein Sohn lag den ganzen Tag im Kinderwagen im Klinikhof. Ich schaute immer mal durch das Fenster, ob alles gut ist. In der Mittagspause stillte ich im Ärztezimmer.

Wirklich mutterseelenallein im Kinderwagen?

Für uns war das eine praktische Lösung. Wissen Sie, mein Mann und ich waren froh, dass wir auf dem Krankenhausgelände eine winzige Barackenwohnung mieten durften, wir verdienten sehr wenig. Wir kochten die Windeln aus, wuschen das Geschirr von Hand, viele Studenten duschten noch in öffentlichen Badeanstalten, weil es keine Badezimmer gab wie heute. Wir hatten wenig, aber dafür auch kein Handy, das ständig piepte und mussten uns keine Gedanken über den besten Bio-Brei, den mobilsten Kinderwagen und das schönste Tapetenmuster machen. Dieser Druck, dem Mütter heute ausgesetzt sind, weil hinter jedem Mucks ihres Kindes ein mögliches Unwohlsein vermutet wird, den kannten wir nicht.

Sie bekamen das zweite Kind direkt hinterher, der Klinikhof war nun keine Option mehr.

Nein, ich blieb dann ein paar Jahre zu Hause, notgedrungen. Ich musste als auszubildende Ärztin verschiedene Facharztstationen durchlaufen, aber viele Kliniken wollten partout keine Mütter einstellen. Hätte mich mein Mann nicht immer ermutigt, weitere Bewerbungen zu schreiben, ich hätte irgendwann resigniert.

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Als das dritte Kind da war, arbeiteten Sie wieder Vollzeit, Teilzeitjobs gab es für Ärztinnen noch nicht. Welchen Preis haben Sie für ihren Beruf bezahlt?

Wir zogen in siebzehn Jahren Ehe gut zehn Mal um, das war anstrengend. Mein Mann und ich waren darauf angewiesen, an derselben Klinik angestellt zu werden oder zumindest in derselben Stadt zu arbeiten, aber ich bekam wegen der Kinder oft keine Stelle, wollte mich aber weiterbilden. Er nahm dann auch mal einen Job beim Gesundheitsamt an, damit wir keine Fernbeziehung führen mussten.

Welchen Preis zahlten Ihre Kinder für Ihre Berufstätigkeit?

Sie mussten im Vergleich zu ihren Freunden oft ohne die Mama auskommen. Zum Beispiel wurden Anfang der 60er auf Norderney Ärzte gesucht. Mein Mann und ich bekamen beide eine Stelle im Kinderkrankenhaus. Weil wir so kurzfristig keine Betreuung organisieren konnten, kamen unsere Drei – ein Baby und zwei Kleinkinder - für die ersten drei Monate kurzer Hand auf die Station zu den kleinen Patienten, die wegen Asthma oder Neurodermitis aufgenommen waren. Die Klinikleitung war der Auffassung, dass die Kinder ihre Eltern während der drei Monate nicht sehen sollten, damit kein Heimweh aufkommt. Ich konnte für mich keine Sonderregel einfordern. Also spielten unsere Kinder tagsüber am Strand und übernachteten im Schlafsaal, während wir arbeiteten. Ich sah sie nur durch die Glasscheibe und fragte die Ärzte ab und zu, ob alles in Ordnung sei.

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Sie standen drei Monate an der Scheibe und kämpften mit den Tränen?

Aber nein, wie kommen Sie denn darauf? Ich sah sie spielen und lachen und war dankbar, dass ich Geld verdienen konnte. Schwer wurde es für mich erst, als mein Mann für seine Weiterbildung zum Kinderfacharzt sechs Monate nach Oldenburg ziehen musste und ich mit mittlerweile vier Kindern alleine auf der Insel blieb. Frühstück machen, anziehen, in den Kindergarten und die Schule bringen, zur Arbeit rennen, mittags zu Hause kochen und dafür sorgen, dass alle etwas essen. Das war schwierig, denn wir kamen zu völlig unterschiedlichen Zeiten nach Hause, es gab noch keine flexiblen Abholzeiten.

Wo holten Sie sich Hilfe?

Teilweise wohnten Kinderpflegerinnen bei uns, die Praktika in Familien machen mussten und mithalfen. Das Kleinste war oft im Laufstall und das Gitter steckte vor der Kinderzimmertür, damit ich in der Küche werkeln konnte. Mein Mann half mir viel. Wir trugen unsere Babys aber nicht durch die Nacht wie die Mütter heute und wir hätten Fördermaßnahmen wie Pekip, Babymassage, Schwimmkurs oder Musikgarten absurd gefunden. Wir gingen in den Wald, sammelten Äste und hatten Nachbarskinder zu Besuch und ich hatte nie das Gefühl, meine Kinder zu unterfordern. Ich schüttete Sand auf der Terrasse auf, damit sie buddeln können, schwimmen brachten wir ihnen selber bei und die Klamotten wurden geflickt und weitervererbt. Mein Mann sagte einmal: „Lass uns erst rausgehen, wenn es dunkel ist, dann sieht man das nicht so.“ Ich lachte nur. Ich hatte längst gelernt, gegen den Strom zu schwimmen und mich nicht mit anderen Müttern zu vergleichen.

Meisterin im Improvisieren: Früher war vieles einfacher, sagt Barbara Waetzmann rückblickend. Während sie und ihr Mann als Ärzte arbeiteten, passten zeitweilig auch Kindermädchen auf die fünf gemeinsamen Kinder auf. Vieles haben die junge Frau und ihr Mann damals dennoch selbst in die Hand genommen.

Das Thema Ernährung ist heute für viele Eltern ein Stressfaktor. Wie gesund kochten Sie damals?

Ach, Gott! Ich bemühte mich um eine warme Mahlzeit am Abend. Oft gab es Makkaroni mit Tomatensauce und dazu Salat, das mochten alle.

Sie waren 37, da eröffneten Sie und Ihr Mann eine Kinderarztpraxis in Flensburg. Sie wohnten oben im Haus und arbeiteten unten.

Wir konnten uns jetzt auch eine Haushälterin leisten, die kam morgens um sieben Uhr, putzte und bereitete das Mittagessen vor, so dass ich nur noch kochen musste. Bis 13 Uhr diagnostizierte ich in der Praxis, dann aß ich mit den Kindern und fuhr zwischendurch zu Hausbesuchen. Von 16 bis 19 Uhr verschwand ich wieder in der Praxis.

Wie und wo und wann haben Sie aufgetankt?

Hatte ich zwischendurch 15 Minuten Pause, half mir autogenes Training. Abends im Bett fiel mir sofort das Buch auf die Nase. Schlaf war für mich die beste Regeneration. Allerdings wurde ich nachts ab und an rausgeklingelt für Hausbesuche.

Ihr Alltag klingt unglaublich anstrengend. Trotzdem scheinen Sie zufrieden gewesen zu sein.

Ja, bis mein Mann überraschend an einem Herzinfarkt starb. Ich war 43, unsere Kinder waren 6, 11, 12, 13 und 15. Er war meine große Liebe, wir waren absolut gleichberechtigt in unserer Ehe. Plötzlich stand ich alleine da. Es gab keinen anderen Mann mehr in meinem Leben. Er hinterließ ein großes Loch. Ich sagte zu den Kindern: „Hört mal zu, ihr müsst jetzt auch Verantwortung übernehmen, jeder muss etwas beitragen, damit wir klarkommen.“ Meine Söhne wurden später Handwerker, die Mädchen studierten. Für mich war beides okay. Dieser Anspruch heute, dass Kinder das Abitur machen müssen, um wertvoll und glücklich zu sein, war mir fremd.

Sie waren über Nacht alleinerziehend mit fünf Kindern, die ihren Vater vermissten. Wie haben Sie es durch den Tunnel geschafft?

Nicht so viel klagen, einfach machen. Ich habe meine frühe Jugend im Luftschutzkeller verbracht. Ich lebe einfach immer im Moment und versuche das Beste aus allem zu machen. Einer meiner Söhne starb als Erwachsener an einem Arbeitsunfall, das war sehr schlimm. Aber ich wollte nie bitter werden. Ich bin dankbar für das, was ich hatte: fünf wunderbare Kinder, einen Beruf und gute Nerven.