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Biologin zum “Waldbaden”: Warum wir den Familienspaziergang neu erfinden sollten

  • Diesen Sommer fällt der Urlaub in der Ferne für viele aus.
  • Umso schöner ist dieser Trend aus Japan: das Waldbaden.
  • Was der ganz besondere Spaziergang mit unserem Körper und Geist macht, erklärt Biologin und Naturcoach Ines Wegener im Interview.
Leonie Schulte
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“Shinrin Yoku” heißt der Trend aus Japan, hierzulande auch bekannt als Waldbaden - eine besondere Art durch den Wald zu gehen. Gerade in einem Sommer, in dem der Urlaub meist vor der eigenen Haustür stattfindet, könnte es sich lohnen, den Spaziergang mit den Kindern noch einmal neu zu erfinden. Warum uns Körper und Geist dafür danken werden und wieso wir ausgerechnet von unseren Kindern noch jede Menge lernen könnten, weiß Biologin und Naturcoach Ines Wegener.

Waldbaden tut dem Herz-Kreislauf-System gut

Was unterscheidet Waldbaden vom normalem Spaziergang, Frau Wegener?

Waldbaden meint, den Wald mit allen Sinnen zu erleben, achtsam zu sein. Wir sind ja sehr aufs Sehen fixiert, das ist unser Hauptsinn. Beim Waldbaden geht es darum, auch die anderen Sinne ganz bewusst anzusprechen. Also beispielsweise etwas zu ertasten, mal nur zu lauschen. Dadurch erlebt man den Wald anders und auch intensiver.

Und warum soll das so gut sein?

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Es gibt unglaublich viele Studien, vor allem aus Japan und Korea, wo das Waldbaden schon lange etabliert ist, die eine positive Wirkung belegen. Zum einen wirkt Waldbaden nachweislich beruhigend aufs Herz-Kreislauf-System, also der Puls geht runter und der Blutdruck wird gesenkt. Dann werden Stresshormone abgebaut. Studien haben gezeigt: Schon nach einer Viertelstunde sinkt der Coritsolspiegel im Körper. Und das Waldbaden scheint auch eine protektive Wirkung bei Krebs zu haben, weil die natürlichen Killerzellen ansteigen. Waldbaden stärkt nachweislich das Immunsystem. Auch die Konzentration steigt, man fühlt sich wohler, ist lösungsorientierter.

Kinder sind häufig viel achtsamer als Erwachsene

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Können Kinder denn überhaupt Waldbaden?

Ja natürlich! Kinder können es sogar in der Regel besser als Erwachsene, weil sie das intuitiv eigentlich eh schon machen. Sie sind achtsamer als Erwachsene und wenn wir sie nicht dauernd ausbremsen mit Sätzen wie: ‚Mach dich nicht dreckig!’, dann machen sie das eigentlich von alleine. Im Prinzip können wir uns von den Kindern einiges abgucken.

Wie alt sollten Kinder dafür sein?

Ich finde, man kann da schon ganz früh mit anfangen. Mein Neffe ist jetzt drei und auch mit ihm mache ich schon kleine Übungen, animiere ihn zum Beispiel zum Anfassen. Aber er findet Bäume so toll und nimmt die schon von sich aus in den Arm. Wobei das Bäume Umarmen jetzt nicht unbedingt zum Waldbaden gehört und das auch in eine esoterische Richtung bringen würde, die mir nicht liegt. Aber diesen Kontakt, das Fühlen und Spüren, das gehört schon dazu. Das machen Kinder oft auch, wenn sie ganz klein sind, eben schon von alleine.

Bewusst in den Wald eintreten

Und wie sieht dann so ein Bad im Wald aus?

Das Waldbaden startet in der Regel mit einem Ritual. Bei kleineren Kindern kann man eine Linie auf den Boden ziehen und sagen: Jetzt atmen wir einmal tief ein und beim Ausatmen treten wir über die Linie und gehen ganz bewusst in den Wald hinein. Bei größeren Kindern kann man mit ähnlichen Ritualen starten wie mit Erwachsenen. Zum Beispiel nimmt man einen Stein, der für bestimmten Stress, bestimmte Belastungen steht, und den legt man den Stein und damit auch den Stress ganz bewusst vor dem Waldbad ab.

Und im Wald: Sollen Eltern die Aufmerksamkeit der Kinder auf bestimmte Dinge lenken? Oder geht es darum, den Kindern diesen Flow zu ermöglichen?

Ein guter erster Schritt ist es, das Kind zu beobachten: Ist das schon so unterwegs, dass es anfasst, dass es hört? Dann kann man das ausbauen, indem man auch mal mitmacht. Oft reicht es auch, den Raum zu geben, mal was anderes zu machen oder, wenn man nicht im Naturschutzgebiet ist, auch mal vom Weg abzugehen. Das machen Kinder ja auch gerne. Wenn sie es bisher nur gewohnt sind, spazieren zu gehen, können Eltern ihnen das Waldbaden mit spielerischen Übungen näherbringen.

Ruhe und Bewegung vereint

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Was sind das für Übungen?

Da gibt es eine ganze Menge! Man kann zum Beispiel einen Baum ertasten. Wenn sich die Kinder wohl genug fühlen, lasse ich sie mit verbundenen Augen eine Stelle am Baum ertasten, die sie sich einprägen sollen. Dann führe ich sie vom Baum weg, drehe sie zweimal um und bringe sie entweder an die Stelle zurück oder eben zu einem anderen Baum. Dann sollen sie erraten: Ist das mein Baum oder nicht? Solche Sinnesübungen kann man bei einem normalen Spaziergang einbauen.

Funktioniert Waldbaden nur mit ruhigen Kindern? Oder auch mit denen, die gerne klettern und auf Baumstämmen balancieren?

Beim Waldbaden gibt es viele Achtsamkeitsübungen, klar. Es geht auch darum, eine Pause zu machen, zur Ruhe zu kommen. Vielleicht auch mal eine Viertelstunde nur für sich sein und zu gucken was passiert, wenn man mal nichts macht. Der Gegenpol hierzu ist die Bewegung. Im Ursprungsland Japan wird hier mehr Wert drauf gelegt als bei uns. Da wird dann auch körperliche Arbeit im Wald gemacht, weil man nach so einer Bewegung auch viel leichter in die Entspannung findet.

Elemente vom Waldbaden in den Spaziergang integrieren

Das kann man also mit jeder Art von Temperament machen?

Ja, ich würde es einfach entsprechend anpassen. Bei sehr aktiven Kindern würde ich den Fokus auf die Aktivität legen und dann anfangen, langsam und vorsichtig Achtsamkeit einzubauen. Gerade wenn das Kinder sind, die auch Wettbewerbe mögen, kann man viel mit ihnen machen, etwa: Wer schafft es, den und den Baum zu finden? Oder wer schafft es, eine bestimmte Strecke mit verbundenen Augen zu gehen? Diese Kinder freuen sich eher über Sachen, die herausfordern, ein bisschen Abenteuer versprechen. Das Achtsame wird dann peu à peu eingebaut, zum Beispiel mit einem Picknick statt einer viertelstündigen Ruhepause. Andere Kinder, die von sich aus ruhiger sind, liegen vielleicht auch gerne in der Hängematte.

Nehmen Sie die mit?

Ja, die nehme ich mit. Und ich merke immer wieder, wie unterschiedlich Kinder eben sind: Da gibt es das einjährige Kind, das sich mit Mama in die Hängematte legt und dort schlafen könnte. Für andere ist es eher ein sportliches Schaukeln. Dann habe ich auch Teenager, die darin liegen, das Blätterdach anschauen und im wahrsten Sinne total zufrieden abhängen.

Wie lange kann so eine Waldbade-Session überhaupt dauern?

Das ist von Kind zu Kind total unterschiedlich. Ich würde da einfach mit einem Spaziergang anfangen und Elemente vom Waldbaden einfließen lassen und gucken, wie das angenommen wird. Und generell immer nur so lange, wie das Kind da Lust dran hat und Freude daran zeigt. Da kann schon mal eine Viertelstunde toll sein, man kann es auch ausdehnen auf eine Stunde oder zwei.

Achtsamkeit in der Natur

Und wie groß sollte der Wald sein?

Da braucht man nicht viel. Ich wohne am Stadtrand von Hannover und wir haben hier nur so ein ganz kleines Stück Wald, vielleicht 700 Meter eine Strecke. Aber das reicht. Wir haben zwar dieses Schlagwort Waldbaden, aber im Prinzip ist es Achtsamkeit in der Natur — und das geht auch im Park, am Strand oder im eigenen Garten.

Sie haben von den Ritualen zu Beginn gesprochen. Gibt es auch ein Abschlussritual?

Ja, einen gemeinsamen Abschluss finde ich wichtig. Schön ist es zum Beispiel, wenn man nach der Ruhephase noch einmal ein Stück gemeinsam geht und jeder darf sich etwas mitnehmen von den Dingen, die auf den Boden liegen. Vielleicht einen Stock, einen Stein oder eine Feder. Am Ende kann man einen Kreis bilden und jeder legt sein Material in die Mitte und sagt, was einem daran so gefällt und warum genau das mitgekommen ist. Das ist ein schöner, gemeinsamer Abschluss.

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