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Von Sternen und Herzchen: Belohnungssysteme haben in der Kindererziehung nichts zu suchen

  • Viele Eltern arbeiten heute mit Belohnungssystemen in der Kindererziehung.
  • Experten sehen diese Entwicklung kritisch.
  • Denn: Arbeitsaufträge innerhalb der Familie sollten selbstverständlich sein. Immerhin stärken sie das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Julia Pennigsdorf
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Die Zähne gründlich putzen, die Jacke ordentlich an die Garderobe hängen, den Geschirrspüler ausräumen: Viele Eltern, die sich von ihren Kindern ein bestimmtes Verhalten wünschen, stellen dafür Belohnungen in Aussicht. War es früher ein Stück Schokolade, “wenn du jetzt endlich deine Schuhe anziehst”, so sind es heute ausgeklügelte Bonussysteme, mit denen Eltern versuchen, ihren Kindern jenes Verhalten abzuverlangen, das sie sich von ihnen wünschen.

Im Internet kursieren magnetische Belohnungstafeln, Smileyvordrucke zum Ausschneiden, Bogen mit selbstklebenden Sternchen. Mütter berichten in bunt-fröhlichen Blogs, wie es ihnen gelungen sei, mittels Herzchenverteilen ihre Kinder dazu zu bringen, pünktlich ins Bett zu gehen oder mehr zu lesen. Sie präsentieren Prämienboxen mit Überraschungseiern und Lego-Figuren und tauschen sich darüber aus, ob der Gegenwert von 10 Cent für einen Stern angemessen sei.

Eine traurige Entwicklung

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Sabine Scherz schüttelt den Kopf, wenn sie so etwas hört. Die psychologische Beraterin unterstützt in ihrer Praxis im oberbayerischen Petershausen Mütter und Väter in der Kindererziehung. Sie bestätigt, dass Belohnungssysteme zurzeit hoch im Kurs stehen. “Das ist im Grunde eine traurige Entwicklung, denn es ist ein Misstrauensantrag an das Kind”, sagt sie. “Die Botschaft lautet doch: Ich vertraue nicht darauf, dass du dich aus dir heraus angemessen verhältst. Die Eigenmotivation wird so ausgehöhlt.”

Das sieht auch Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BKE), dem Fachverband der Erziehungs- und Familienberatung in Deutschland, so. Vor allem Belohnungen für alltägliche Aufgaben wie Hausarbeit erteilt er eine Absage. Die Wohnung durchsaugen, abwaschen, das Altpapier wegbringen, die Wäsche aufhängen: Das alles seien je nach Alter der Kinder völlig normale Tätigkeiten, für die es keine Belohnungen geben sollte. “Natürlich kann ich mich freuen und darf mein Kind auch loben, wenn es eine Aufgabe ordentlich erledigt hat, aber eine Extrabelohnung sollte es nicht geben, auch nicht in Form eines Smileys oder Herzchens”, sagt der Sozialpädagoge. “Kinder müssen lernen, dass jeder seine Aufgaben in der Familie hat, dass es völlig normal ist, sich gegenseitig zu helfen. Man tut das, weil man sich gernhat, und nicht, um belohnt zu werden. Und weil es getan werden muss.”

Arbeitsaufträge stärken das Zugehörigkeitsgefühl

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Diesen Aspekt unterstreicht auch Scherz. “Arbeitsaufträge innerhalb der Familie sind wichtig”, sagt sie. “Sie stärken das für Kinder so wichtige Zugehörigkeitsgefühl. Belohnungen können das zerstören, dann werden die Aufgaben zu Jobs. Familie ist aber kein Geschäftsmodell.” Zeit, Geduld und Zuspruch sind für die Erziehungsberaterin die Mittel der Wahl in der Kindererziehung, nicht Prämien. Scherz empfiehlt, bereits kleine Kinder in die alltäglichen Verrichtungen einzubeziehen. Socken sortieren, den Tisch decken: Kinder wollen sich einbringen, ihre Sache gut machen. Diesen inneren Antrieb gelte es zu stärken. “Wenn ein Teller runterfällt, muss ich das aushalten”, sagt Scherz, “Belohnungen sind nur ein Außenanreiz, wie eine Möhre, die ich dem Esel vor die Nase halte.”

Geld für eine gute Note, für ein Tor beim Fußballspiel? Besonders kritisch sehen Psychologen und Pädagogen Belohnungen für Leistungen in Schule oder Sport. Kinder und Jugendliche seien heute ohnehin sehr leistungsorientiert und auch materiell oft überfrachtet, sagt Ritzer-Sachs. “Das wird dadurch verstärkt.” Er empfiehlt Eltern, sich aus der Schule weitgehend rauszuhalten. Kommt ein Kind in die Schule, so sei es eine gute Botschaft, ihm zu sagen: Das ist deine Schule, deine Aufgabe. “Ermutigen, loben und auch trösten, wenn etwas schiefgegangen ist, das ist die Aufgabe von Müttern und Vätern”, so der Sozialpädagoge, „und nicht, so zu tun, als ginge bei einer Drei oder Vier in einem Test die Welt unter.“

Belohnungstafel als Ausnahme

Ein zugesteckter Geldschein, eine Extraportion Eis, eine Smileytafel an der Wand, um die Ordnung in der Wohnung zumindest einigermaßen in den Griff zu bekommen – ist das alles tatsächlich falsch? Ritzer-Sachs lenkt ein: “Nein, natürlich gibt es auch Ausnahmen.” Eine Sonderrolle käme zum Beispiel Großeltern, Tanten oder Nachbarn zu, allen Bezugspersonen, die in keiner Erziehungsverantwortung zum Kind stehen. “Die dürfen Extranutellabrote schmieren, solange sie wollen. Das ist ja das Schöne und Besondere an diesen Beziehungen”, sagt Ritzer-Sachs.

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Und auch eine Belohnungstafel will er nicht gänzlich verteufeln. Voraussetzung: Sie bleibt eine Ausnahme, und es geht um ein konkretes Verhalten, das dem Kind nicht gut gelingen will. Wenn ein Kind es beispielsweise einfach nicht schafft, daran zu denken, seinen Ranzen zu packen, so können die gesammelten Smileys es bestärken und dabei unterstützen, sich dieses Ritual anzugewöhnen. Werden die Smileys eingelöst, so plädiert Ritzer-Sachs dafür, ein gemeinsames Erlebnis als Belohnung auszuwählen. “Von einem Kino- oder Schwimmbadbesuch haben Kinder wie Eltern viel mehr als von einer materiellen Belohnung.”


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