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Versetzung nicht gefährdet: Können Schüler in der Corona-Krise fair bewertet werden?

  • Wegen der Corona-Pandemie sind seit einigen Wochen die Schulen im ganzen Land geschlossen, stattdessen ist Home Schooling angesagt.
  • Weil eine faire Leistungsbeurteilung so nicht möglich ist, haben erste Bundesländer angekündigt, dass in diesem Schuljahr kein Schüler sitzen bleiben muss.
  • Eine konkrete Vorstellung über die Leistungsbewertung am Ende des Schulhalbjahres gibt es allerdings noch nicht.
Laura Beigel
Michèle Förster
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Hessen hat es vorgemacht, dann folgten auch Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Wegen der Einschränkungen des Schulbetriebs durch die Corona-Krise soll in diesem Schuljahr kein Schüler sitzen bleiben. Dass weitere Bundesländer diesem Plan in den kommenden Tagen folgen, ist nicht ausgeschlossen.

Vorreiter Hessen schafft das Sitzenbleiben ab

Am vergangenen Freitag erklärte das von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) regierte Bundesland, in diesem Schuljahr auf das Sitzenbleiben verzichten zu wollen. “Da die Leistungsbewertung in diesem Schulhalbjahr nur eingeschränkt möglich sein wird, soll in der Regel eine Versetzung erfolgen”, teilte das Hessische Kultusministerium mit. Bei Schülern, die bereits vor der Corona-Krise schlechte Leistungen gezeigt hätten, setze man stattdessen auf Freiwilligkeit. Laut Kultusminister Alexander Lorz sollen in diesem Fall die Eltern über eine mögliche Wiederholung beraten.

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Ab dem 27. April solle der Unterricht in Hessen unter Beachtung der Infektionsschutz-Auflagen wieder schrittweise aufgenommen werden. Auch Abschlussprüfungen sollen stattfinden, jedoch zu späteren Terminen. “Wir wollen allen Schülerinnen und Schülern einen Schulabschluss ermöglichen, daher legen wir in den kommenden Wochen einen besonderen Fokus auf die Abschlussprüfungen”, erklärte Lorz.

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Weitere Bundesländer schließen sich an

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Auch Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern kündigten an, Schüler grundsätzlich ins nächste Schuljahr zu versetzen. Die Länder begründeten diesen Schritt damit, dass die Leistungsbewertungen in den vergangenen Wochen nicht mehr möglich gewesen seien und auch weiterhin nur erschwert möglich sein würden.

"Keine Schülerin und kein Schüler darf einen Nachteil aus der aktuellen Situation haben, das hat absolut Vorrang“, so Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann. Deshalb erarbeite das Land derzeit Konzepte, um die durch die derzeitige Situation benachteiligten Schüler in den Sommerferien zu fördern, bestätigte das Ministerium auf RND-Anfrage.

Diese Haltung begrüßt auch der Philologenverband Baden-Württemberg. In einer Mitteilung kritisierte die Vereinigung jedoch, dass die automatische Versetzung aller Schüler nicht das eigentliche Problem lösen, sondern es lediglich ins kommende Schuljahr verschieben würde. “Eine generelle Versetzung am Ende des Schuljahres ist nur ein Pflaster auf einer nicht verheilten Wunde”, sagt der Vorsitzende des Verbands, Ralf Scholl. “Das eigentliche Problem wird damit nicht kuriert: das Problem der versäumten Lernzeit.”

Sonderregelung für Abschlussklassen in Thüringen

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Am Dienstag erklärte Thüringen, dass die Versetzung in diesem Schuljahr für alle Schüler gesichert sei – mit Ausnahme der Klassen neun und zehn. In diesen beiden Klassenstufen sei die Versetzung laut Bildungsminister Helmut Holter (Linke) ein Verwaltungsakt, denn die Schüler könnten Abschlusszeugnisse erhalten.

“Wenn man überlegt, dass viele Schüler erst spät oder gar nicht mehr in diesem Schuljahr in die Schule zurückkehren, dann ist klar, dass man keine ordentliche Versetzungsregelung, wie sie in den Schulordnungen steht, anwenden kann”, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Heinz-Peter Meidinger. Weil die Schüler im jetzigen Halbjahr kaum Gelegenheit dazu hatten, schlechte Noten aus dem Halbjahr 2019/20 zu verbessern, sei eine großzügige Versetzungsregelung unumgänglich.

Noch ein weiteres Jahr mit Einschränkungen möglich

Bei einer großzügigen Versetzung müsse jedoch im Einzelfall geprüft werden, ob es sinnvoll ist. “Sitzenbleiben ist dann sinnvoll, wenn es die Chancen, den angestrebten Abschluss zu erreichen, verbessert”, so Meidinger. Das heißt auch, die Schüler sollten in Eigeninitiative versuchen, mögliche Wissenslücken schnell zu schließen.

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DL-Präsident Meidinger geht außerdem davon aus, dass es an den Schulen noch mindestens ein Jahr lang zu erheblichen Einschränkungen kommen könnte. Diskussionen beispielsweise über verkürzte Sommerferien seien dagegen nur “ein Tropfen auf den heißen Stein”.

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Lehrplan fürs kommende Halbjahr umstrukturieren

Viel wichtiger sei jetzt beispielsweise die Umstrukturierung des Lehrplans: “Der Lehrplan für das nächste Halbjahr muss eigentlich so angelegt sein, dass die Basics aus dem jetzigen Halbjahr noch einmal wiederholt beziehungsweise vertieft werden können.” Dabei müsse auch berücksichtigt werden, dass der Unterrichtsstoff des kommenden Halbjahres ebenfalls reduziert oder komprimiert werden muss, weil auch dafür weniger Zeit bestehe. “Das eigentliche Ziel sollte es sein, dass wir Ende des Halbjahres 2020/21 sagen können, dass wir wieder in der Spur sind. Aber das ist eine große Herausforderung."

“Momentan haben wir größere Probleme, als über Noten und Leistungsnachweise zu diskutieren”, meint hingegen Roman Jauch, Sprecher des baden-württembergischen Landesschülerbeirats. Eine faire Leistungsbewertung sei in der jetzigen Situation ohnehin nicht möglich. Denn nicht alle Schüler hätten zu Hause die gleichen Lernbedingungen und -voraussetzungen.

Noten aus dem ersten Halbjahr könnten entscheidend sein

Diese Auffassung teilt auch Paul Harder, hessischer Landesschulsprecher und Vorsitzender der Landesschülervertretung: “Derzeit ist so gut wie keine faire Leistungsbewertung möglich.” Deshalb empfindet er die Maßnahme des Kultusministeriums als Erleichterung. Zumal das Arbeiten zu Hause “von Anfang an eine Katastrophe” gewesen sei – auch aufgrund schlechter, digitaler Infrastruktur. “Nach der Krise muss so etwas nachgebessert werden”, fordert Harder.

Diese Probleme sind mitunter auch der Grund, warum rund ein Viertel der Schüler im Homeschooling abgehängt wird. DL-Präsident Heinz-Peter Meidinger schlägt deshalb vor, diese Schüler frühzeitiger in kleinen Gruppen in den Unterricht zurückzuholen, unabhängig von der Jahrgangsstufe. Was die Benotung angeht, vermutet er, dass am Ende bundesweit die Noten aus dem ersten Halbjahr für das Jahresendzeugnis herangezogen werden – was nicht für alle Schüler von Vorteil sein dürfte.


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