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Bitte verzeih mir! Warum es guttun kann, eine zweite Chance zu geben

  • Wir verletzen andere Menschen und werden von ihnen verletzt – und tun uns oft schwer damit, uns und dem Gegenüber zu verzeihen.
  • In Seminaren und mithilfe von Ratgebern soll man das Vergeben lernen können.
  • Eine zweite Chance zu geben kann unter anderem zu innerem Frieden führen.
Martina Sulner
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Der Groll sitzt tief. Ganz fest, erzählt eine Freundin, habe der Bruder ihr seine Unterstützung versprochen. Als erst der Vater starb und dann die Mutter hinfälliger wurde, hatte er jedoch kaum Zeit, sich auch um die Mutter zu kümmern. Immer stand bei ihm etwas anderes an. Von jeher sei er gut darin gewesen, sich familiäre Verpflichtungen vom Hals zu halten, sagt sie. Jetzt reiche es ihr, diesmal könne sie ihm das nicht verzeihen.

Und da ist die Bitterkeit bei dem Cousin. Es ist schon ein paar Jahre her, dass seine Frau sich von ihm getrennt hat. Der Rest der Familie war nicht sonderlich überrascht, als sie ihm eröffnete, dass ihr die Reihenhauszweisamkeit nicht genüge. Er jedoch fiel aus allen Wolken und ist bis heute über die Scheidung nicht hinweggekommen. Dass sie ihn Hals über Kopf verlassen habe, könne er ihr nicht nachsehen. Niemals.

Seelische Verletzungen sind schwieriger zu verzeihen

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Solche oder ähnliche Geschichten hat nahezu jeder schon gehört oder sogar selbst erlebt. Dabei sind die meisten von uns in alltäglichen Situationen darin geübt, Nachsicht walten zu lassen und für sich selbst in Anspruch zu nehmen – sonst wäre das Zusammenleben auch schwer erträglich. Die Gäste, die eine Viertelstunde nach der verabredeten Zeit zum Abendessen auftauchen, entschuldigen sich. Der Kollege, dessen Handy während der Konferenz laut klingelt, sagt “sorry”. Klar, alles kein Problem, wir beherrschen die routinierte Höflichkeit.

Schwieriger wird es hingegen, wenn es um seelische Verletzungen geht, die unser Selbstverständnis oder unsere Vorstellung von Moral angreifen, oder um Fehler, die wir uns selbst vorhalten. Da ist es mit einem “Sorry” nicht getan, sondern es sind unsere Bereitschaft und Fähigkeit gefragt, auf Vergeltung zu verzichten. Nicht wenige würden das gern leichtherziger schaffen – oft in der Hoffnung, dann mit einer tiefen Kränkung abschließen zu können.

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US-Psychologe: Verzeihen von seelischen Verletzungen schafft Frieden

An Hilfsangeboten von professionellen “Vergebungsexperten” mangelt es nicht. War Vergebung früher ein religiöses Thema, ist es zu einem der Psychologie geworden. Unterstützung bieten Ratgeber und Seminare, die Titel tragen wie “Freiheit durch Vergebung” oder “Heilen durch Verzeihen”, und sie folgen der Devise: “Im Verzeihen liegt der Schlüssel zum Lebensglück.”

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Ist das so? Ja, meint etwa der populäre US-amerikanische Psychologe Robert Enright. Er ist der Überzeugung, dass man nach einer seelischen Verletzung lernen sollte, über seinen Schatten zu springen und zu verzeihen; das heile Herzen und schaffe Frieden. Den Weg dorthin lehrt er an seinem International Forgiveness Institute (IFI), in Büchern und bei Vorträgen.

Laut Enright sinken bei denjenigen, die verzeihen könnten, Zorn, Angst und Depression. Von solchen Erfahrungen berichten auch Menschen, die auf der IFI-Website ihre “Forgiveness-Story” veröffentlichen. Darunter ist die Geschichte einer jungen Isländerin: Sie hat dem Mann verziehen, der die damals 16-Jährige nach einer Party vergewaltigt hat. Mittlerweile haben sie und der Mann ein Buch über die Ereignisse geschrieben.

Ist die Ermordung des eigenen Kindes verzeihbar?

Auch Sandra und Reinhard Schlitter haben ein Buch zum Thema geschrieben, “Mirco. Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen”. 2010 verschwand ihr Sohn Mirco; 145 Tage lang suchte die Polizei nach dem Zehnjährigen, der missbraucht und ermordet wurde. Später traten die Eltern in mehreren Talkshows auf und erklärten, sie hätten dem Mörder ihres Sohnes verziehen.

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Vielen Fernsehzuschauern und Lesern ist die Haltung des (gläubigen) Paares fremd. Und manch einer fragt sich, ob es nicht geradezu übermenschlich sei, dem Mörder des eigenen Sohnes zu verzeihen. Hat denn jeder Verzeihen verdient?

“Kein Mensch hat ein Recht darauf, dass ihm verziehen wird, und niemand ist verpflichtet, erlittenes Unrecht zu verzeihen”, sagt Susanne Boshammer, Philosophieprofessorin an der Universität Osnabrück. “Aber jeder Mensch hat es verdient, dass man ihn nicht auf das reduziert, was er getan hat – das gilt für uns selbst genauso wie für alle anderen. Wenn wir unseren Blick dafür öffnen und zwischen Tat und Täter trennen, kann das ein erster Schritt auf dem Weg zum Verzeihen sein.”

Boshammer: Nichts ist unverzeihlich

Diesen Prozess lotet Boshammer in ihrem Buch “Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten”, das gerade im Rowohlt-Verlag erschienen ist, unter ethischen Gesichtspunkten aus.

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Laut Boshammer gibt es gute Gründe, die dagegensprechen, erlittenes Unrecht zu verzeihen. “Manchmal verlangt unser Sinn für Gerechtigkeit, dass wir jemanden nicht ‘ungeschoren’ davonkommen lassen. Auch Selbstschutzüberlegungen spielen hier eine Rolle: Wer zu früh, zu oft oder zu bedenkenlos verzeiht, riskiert, dass der andere seine Rechte auch in Zukunft missachtet. Mitunter sind wir es auch der Achtung vor uns selbst schuldig, hart zu bleiben.” Doch gibt es aus ihrer Sicht nichts, was an sich unverzeihlich wäre. “Wir dürfen alles verzeihen, auch wenn wir nicht immer verzeihen sollten.”

Amerikaner diskutieren über Entschuldigung für Rassismus

Psychologe Enright plädiert dafür, dass sich auch Gesellschaften, die durch (Bürger-)Krieg oder andere Konflikte wie beispielsweise Rassismus geprägt sind, im Verzeihen üben sollten. So geben seine Mitarbeiter Workshops für Lehrer etwa in Nordirland und Israel. Das erinnert an die Haltung des südafrikanischen Bischofs und Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu, der mehrere Jahre Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Aufarbeitung der Verbrechen des Apartheidregimes war. Er ist der Überzeugung: Jedes Verbrechen, auch jedes politische, könne vergeben werden.

Das setzt jedoch eine bestimmte Haltung der Täter voraus: Die Bitte um Vergebung oder zumindest um Entschuldigung muss aufrichtig sein. Dann kann sie für die Opfer wichtig sein. Viele US-Bürger diskutieren derzeit, ob eine Entschuldigung der Weißen für Sklaverei und Rassismus angebracht wäre und die Wut und Verbitterung vieler Afroamerikaner lindern könnte. Und für viele Menschen war und ist es von zentraler Bedeutung, dass deutsche Politiker für Kriegsverbrechen und Völkermord um Entschuldigung gebeten und so diese Untaten anerkannt haben.

Nur “Opfer” von Unrecht können zweite Chance geben

Die meisten von uns haben, zum Glück, mit eher alltäglichen, nicht lebensbedrohlichen Kränkungen zu tun. Ob wir etwas verzeihen, entscheidet sich dabei selten durch langes Nachdenken, sondern ist meist ein emotionaler Prozess, oft auch eine einsame Angelegenheit. Bei einer Versöhnung nach einem Streit reichen sich zwei, tatsächlich oder sinnbildlich, die Hände.

Verzeihen ist allerdings auch einseitig möglich: Der Freundin, die mich vor Jahren hintergangen hat, kann ich verzeihen – auch wenn ich mit ihr weder Kontakt habe noch aufnehmen möchte. Egal jedoch, wie schwer oder leicht eine Kränkung ist: Verzeihen sei ein Privileg der “Opfer” von Unrecht, meint Boshammer. Sie allein hätten die Macht, eine zweite Chance zu geben. Entschuldigen kann man nicht sich selbst, sondern nur den Geschädigten darum bitten.

Verzeihen ist Akt der Humanität

Diese Macht, eine Chance zu geben, kann mit einem Gefühl der Selbstermächtigung verbunden sein: Jetzt entscheide ich – auch über die Zukunft einer Beziehung. “Schuld und Scham, Hass und Groll verhindern, dass Menschen einander auf Augenhöhe begegnen und die Vergangenheit hinter sich lassen können. Verzeihen beinhaltet die Chance, einander von dieser Last zu befreien”, sagt Susanne Boshammer.

Es sei ein Akt der Humanität, meint die Philosophin, und es sei eine Haltung. “Sie zeigt sich in der Bereitschaft, in jeder Person, die uns begegnet, den ganzen Menschen zu sehen, also ein Wesen, das mehr ist als das, was es tut. Im Akt des Verzeihens kommt diese Haltung zum Ausdruck: Wir anerkennen, dass der andere eben auch (nur) ein Mensch, und dass er – trotz seiner Fehler – immerhin ein Mensch ist.”

Doch ist die Frage, ob wir verzeihen wollen oder können, nicht unbedingt eindeutig zu beantworten. In ihrem Buch “Verzeihen. Vom Umgang mit Schuld” beschreibt die Philosophin und Journalistin Svenja Flaßpöhler, wie sie lernen wollte, ihrer Mutter zu verzeihen. Die hatte die Familie verlassen, als Flaßpöhler 14 Jahre alt war. Am Ende des Buches erzählt die Autorin, wie sie von ihrer Schwester gefragt wird, ob sie der Mutter denn jetzt verziehen habe. Nun, meint Svenja Flaßpöhler, sie habe ihr zumindest nicht nicht verziehen.

“Staat, Sex, Amen”
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