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Unterwegs in der Welt: Wie eine 78-Jährige dem Coronavirus trotzt

  • Gisela, 78, reist seit elf Jahren im Wohnmobil um die Welt.
  • Den Lockdown überbrückte sie auf einer portugiesischen Olivenfarm.
  • Hier päppelt sie noch immer mutterlose Lämmer auf und ist froh, dass es nicht mal dem Coronavirus gelang, ihr die Freiheit zu nehmen.
Silia Wiebe
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Niedersachsen im Frühjahr: In Dankelshausen, gut 260 Einwohner groß, bemüht sich das ganze Dorf um die Älteren. Wochenlang verhindert Corona, dass die Mitglieder aus Sportvereinen und Kirchenchören zusammenkommen. Großmütter winken aus den Fenstern ihren Enkeln zu, engagierte Landfrauen nähen ehrenamtlich Atemschutzmasken für betagte Nachbarn und kochen Spargelsuppe, die sie in Becher füllen und den älteren Herrschaften vor die Tür stellen. Die zählen neuerdings zur Risikogruppe – und bleiben zu Hause.

Derweil steht auf einem Berg in Portugal ein Wohnmobil in Blau. Es gehört Gisela, 78 Jahre alt, in ihrem früheren Leben Bewohnerin eines kleinen Reihenhauses in Nordrhein-Westfalen. Hätte sie auf ihre Ärzte gehört, würde sie heute in einem Pflegeheim leben. Sie litt unter Rheuma, überstand zwei Infarkte und mehrere Hörstürze. Jahrelang lagen auf ihrem Frühstücksteller bunte Pillen, die sie schlucken musste, um den Tag zu schaffen. Vor elf Jahren tut sie etwas Ungewöhnliches, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben.

Sparsamkeit ist sie gewöhnt – aus ihrer Kindheit mit 13 Geschwistern

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Sie verkauft die eigene Haushälfte, Möbel und Bücher und lässt sich auf einer Automesse einen Kastenwagen zu einem Miniaturwohnraum umbauen inklusive Bett, Kleiderschrank und Bad. Dann verabschiedet sie sich von ihren Freunden und fährt los. Sie will die Welt sehen, sagt sie. Ab in den Süden. Ihre Tabletten lässt sie gegen den Rat der Ärzte ausschleichen und kommt gerade so mit dem Leben davon. “Ich fühlte, dass mich die Nebenwirkungen der Medikamente immer kränker machten”, sagt sie heute.

Gisela reist alleine, bestimmt selbst über Zeit und Ort. Die deutschen Winter verbringt sie seit Jahren in Marokko. Die Sonne tut ihr gut und außer Licht, Freiheit, Bewegung und Natur braucht sie nicht viel. Sparsamkeit ist sie von klein auf gewöhnt, ihre Kindheit mit 13 Geschwistern war entbehrungsreich. Weil ein Wohnmobil kein Ort ist für Ansammlungen von Kleidern, Büchern und sonstigem Kram, kauft sie fast nichts außer Essen. Sie fährt gerade durch Spanien, als das Abgasrückführungssystem ihres Autos streikt und Covid-19 die Welt überrollt.

Die Polizei stoppt sie: Menschen über 70 sollen zu Hause bleiben

Die Werkstätten müssen plötzlich schließen. Obwohl Kühlwasser ausläuft, schafft Gisela es noch nach Portugal. Dort piept ihr Handy. Die Polizei hat sie geortet und informiert per SMS, dass Menschen über siebzig ihr Grundstück jetzt nicht mehr verlassen dürfen, zum Schutz ihrer Gesundheit. Ein Taxifahrer werde Giselas Einkaufsliste abarbeiten und ihr das Wichtigste zum Wohnmobil liefern. Bezahlen könne sie entspannt per Kreditkarte.

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Gisela will keine Einkaufshilfe, sie will weiterfahren auf eine abgelegene portugiesische Farm, wo sie seit Jahren im Herbst bei der Olivenernte hilft und wo ihr alter Freund, der Landwirt Sepp, 69, wegen seiner kaputten Hüfte Unterstützung braucht beim Füttern seiner vierzig Schafe, zwölf Hühner und sechs Pferde.

Gisela ist 78 und reist seit elf Jahren im Wohnmobil um die Welt. Die Corona-Pandemie hat sie in Portugal erlebt. © Quelle: privat
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Gisela wehrt sich gegen die Polizei

Wenig später spitzt sich die Situation zu: Die Polizei versucht, Gisela aus Portugal auszuweisen. Sie wehrt sich entschieden. “Herr Kommissar, ich bin müde, und müde kann man nicht Auto fahren”, sagt sie und versucht, erst mal Zeit zu schinden. Am nächsten Tag schafft sie es tatsächlich auf die Farm vom Sepp. “Unter Sepps Schutz holt mich keiner weg”, das weiß sie.

Seitdem klingelt morgens um 5 Uhr der Wecker. Gisela marschiert den Berg hinunter, füttert die neugeborenen Lämmer mit der Flasche, teilt den großen Tieren Futter zu, entfernt Zecken, sammelt Hühnereier ein und bringt die Herde aus dem Steinmauerpferch auf die Weide. Am Gatter klatscht sie in die Hände. “Kommt, Lämmchen, kommt!” Ihre kraftvolle Stimme klingt über das Tal. Abends ist sie erschöpft, die Beine sind schwer. Nur eine letzte Aufgabe muss sie erledigen: Trinkwasser aus der Quelle holen und in einer Karaffe den Berg hinauftragen zum Wohnmobil, ihrem fahrenden Zuhause.

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Die Pandemie wird vieles verändern

Dort angekommen, setzt sie sich ins Gras und atmet tief durch. Während die Sonne untergeht, fühlt sie das große Glück, mit fast 80 Jahren ihr Leben noch aktiv gestalten zu können. Seit drei Monaten ist sie jetzt schon beim Sepp auf der Farm, so lange war sie schon lange nicht mehr an einem einzigen Ort. “Aber wer weiß”, sagt Gisela, “ob ich überhaupt wieder nach Marokko reise und was die Pandemie noch alles verändern wird. Nicht nur in der Welt, auch in mir selbst. Eigentlich kann es doch gar nicht schöner werden.”

Vielleicht hat das Virus einem Menschen in Portugal auf einer abgelegenen Farm ein neues Zuhause gegeben. Und sicher ist Gisela offenbar auch in Portugal: Bis heute ist sie gesund geblieben.

Gisela ist 78 und reist seit elf Jahren im Wohnmobil um die Welt. Die Corona-Pandemie hat sie in Portugal erlebt. © Quelle: privat

Buchtipp: Mehr über Giselas ungewöhnliches Leben im Wohnmobil erzählt ihre Tochter in dem Buch unserer Autorin Silia Wiebe: “Unsere Mütter – Wie Töchter sie lieben und mit ihnen kämpfen”. Klett-Cotta 2019. 20 Euro.

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