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Ungleiche Bildungschancen: “Lehrer lernen, Michael zu unterrichten, Muhammed aber nicht”

  • Ex-Lehrerin Melisa Erkurt deckt in ihrem Buch “Generation haram” schonungslos ungleiche Bildungschancen für Migranten in der Schule auf.
  • Die 29-Jährige weiß genau, wovon sie spricht: Sie entstammt selbst der “Verlierergeneration”.
  • Im Interview spricht sie über die Diskriminierung von Migranten – und darüber, was sich im Bildungssystem Schule ändern muss.
Jutta Rinas
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Die Ex-Lehrerin und Journalistin Melisa Erkurt zeigt in ihrem Buch “Generation haram”, wie systematisch Migranten und Muslime im Bildungssystem Schule benachteiligt werden. Die 29-Jährige weiß genau, wovon sie spricht: Sie entstammt selbst der “Verlierergeneration”. Denn Erkurt wurde 1991 in Sarajevo geboren und ist als Flüchtlingskind mit ihren Eltern aus Bosnien-Herzegowina nach Österreich gekommen. Sie ging in Wien auf ein Gymnasium und studierte dort in der Universität Deutsch, Psychologie und Philosophie. Ein Jahr lang unterrichtete Erkurt an einer allgemeinbildenden höheren Schule.

Frau Erkurt, das große Thema in Ihrem aktuellen Buch “Generation haram” ist Bildungsungerechtigkeit an Schulen. Ihre These ist: Nur Kinder mit bildungsnahen Eltern haben überhaupt eine Chance. Warum?

Die meisten Schulen setzen voraus, dass es zu Hause Eltern gibt, die helfen. Dabei ist es egal, ob es sich um Hausaufgaben handelt, lernen für Tests oder Referate. Als selbstverständlich gilt auch, dass man daheim gewisse Dinge zum Lernen hat, einen Schreibtisch, einen Computer, das Internet. Der tatsächliche Normalzustand ist aber ein ganz anderer. Gerade Kinder aus ärmeren Familien mit nicht so gebildeten Eltern haben das alles oft nicht – und scheitern.

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Sie haben selbst einen Migrationshintergrund, kamen als Flüchtlingskind 1992 während des Jugoslawien-Kriegs aus Bosnien-Herzegowina. Sie betonen in Ihrem Buch, dass auch Sie der “Verlierergeneration” entstammen. Warum ist Ihnen das wichtig?

Weil man sonst Menschen wie mich hernimmt und sagt: Schaut, es geht doch. Das ist die Melisa, 29 Jahre alt, Lehrerin, Journalistin, sie hat es geschafft. Die Bedingungen können also nicht so schlecht sein. Das stimmt aber nicht. Die meisten meiner Schülerinnen beispielsweise werden den Aufstieg nicht schaffen. Verliererkindern wird zudem oft eingeredet, sie seien Einzelfälle. Sie sind es aber nicht. Ihre Diskriminierung, der Rassismus gegen sie, hat System. Die vielen Reaktionen auf mein Buch zeigen auch: Fast alle Migranten teilen – wie ich – diese Erfahrungen.

Ihr Weg war offenbar hart. Obwohl Sie lauter Einsen auf dem Zeugnis hatten, war nicht klar, ob Sie auf ein Gymnasium oder die Hauptschule kommen. Wie kann das sein?

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Es war einfach selbstverständlich, dass Migrantenkinder auf die Hauptschule oder sogar, wie meine Cousins, auf die Sonderschule geschickt wurden. Dabei waren sie nicht schlechter als ich. Meine Eltern haben gedacht, wenn alle Migrantenkinder in die Resteschule gehen, ist es wohl das Beste für sie. Auch die Lehrer, Mitschüler, die Eltern meiner Mitschüler – alle fanden das normal. Ich habe es meiner damaligen Lehrerin zu verdanken, dass sie im letzten Moment bestimmte: Das Mädchen gehört aufs Gymnasium. Meine gesamte Bildungskarriere hing im Grunde von einer Einzelperson ab.

Ihr Abitur liegt zehn Jahre zurück. Gibt es diesen Automatismus Migrant gleich Hauptschule noch?

Er ist da, das zeigen schon die Zahlen darüber, wer in welchem Schultyp ist. Dazu kommt: Ich war selbst ja Lehrerin an einem Gymnasium mit einem Anteil von mehr als 80 Prozent Kindern aus ärmeren Familien oder mit Migrationshintergrund. Dort war es nicht besser für sie. Die Lernbedingungen zu Hause sind einfach zu schlecht. So viele haben in der Wohnung keinen Platz zum Lernen, müssen nachmittags ihren Eltern helfen, dolmetschen, Behördengänge machen, auf Geschwister aufpassen. Klasse für Klasse werden mehr aussortiert.

In ihrem Buch “Generation haram” deckt Melisa Erkurt schonungslos ungleiche Bildungschancen für Migranten in der Schule auf. © Quelle: Vedran Pilipovic

Sie zitieren einen Brief Ihrer jüngeren Schwester, die mit zwölf Jahren schreibt: “Ich tue alles, um nicht aufzufallen, spreche sogar mit meiner Mama vor meinen Freunden Deutsch. Trotzdem finden sie immer etwas, um mich wegen meiner Herkunft und meiner Religion zu ärgern.”

Ja, zur strukturellen Diskriminierung kommt noch die individuelle. Wenn man es irgendwie geschafft hat, sich schulisch durchzuboxen, hat man trotzdem noch mit individuellen Diskriminierungen zu kämpfen.

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Nennen Sie mal ein Beispiel.

Bei mir fing es an, kurz nachdem ich aufs Gymnasium gewechselt hatte. Kaum jemand hat sich die Mühe gemacht, meinen Namen richtig auszusprechen, dabei ist er wirklich nicht schwer. Es wurde mir an den Kopf geworfen, dass meine Leute, die Muslime, eh Terroristen sind. Ich wurde von Lehrpersonen gefragt, ob ich ein Kopftuch tragen muss, ob mein Vater überhaupt erlaubt, dass ich studieren darf. Meine Schwester wurde von Mitschülern aufgefordert, sich hinzuknien und zu zeigen, wie wir beten. Dann wurde sich über sie lustig gemacht. Das überfordert und ist zugleich unglaublich rassistisch. Dass man es als Jugendlicher schafft, da seine Motivation nicht zu verlieren, grenzt an ein Wunder.

Sie kritisieren, dass Lehrer lernen, Michael zu unterrichten, Muhammed aber nicht. Was meinen Sie damit?

Ich habe selbst Lehramt studiert, ich hatte kaum Pflichtveranstaltungen zu Mehrsprachigkeit und Multikulturalität. Wie aber soll der Rassismus in der Schule verschwinden, wenn wir ihn im Studium gar nicht thematisieren? Wenn es keine Supervision für Lehrer gibt, nicht einmal eine Stelle, wo man jemanden melden kann, der sich falsch verhält? Es bleibt alles hinter verschlossener Klassenzimmertür. Dabei bringen auch Jungen wie Muhammed Ressourcen mit, die man nutzen könnte: Mehrsprachigkeit, Selbstständigkeit. Die Muhammeds füllen mit zwölf Jahren Behördenformulare aus, die andere mit 20 zum ersten Mal sehen.

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Sie empfehlen mehr Personal mit Migrations-, mit muslimischem Hintergrund. Nun gibt es das Gegenargument, dass für Kinder mit Migrationshintergrund gerade Vorbilder wichtig sind, die die Werte der Mehrheitsgesellschaft teilen: Emanzipation, Freiheit, freien Umgang mit Körperlichkeit. Was sagen Sie ihnen?

Das schließt sich nicht aus. Auch viele Migranten und Muslime teilen diese Werte. Jugendliche vertrauen Menschen, die ihnen ähneln, aber viel mehr an. Sie haben das Gefühl, dass Personen mit bürgerlichem Hintergrund sie gar nicht verstehen. Umgekehrt gilt auch: Wenn muslimische Jungen sich beispielsweise muslimischen Mädchen gegenüber sexistisch verhalten, dann erklären sie meinen Kollegen oft: Sie verstehen das nicht, das ist unsere Kultur. Mir als Muslima können sie damit nicht kommen. Ich verstehe sie sehr gut, und weiß gerade deshalb, dass sie sich nicht richtig verhalten.

Ihr Buch heißt “Generation haram”. Worauf spielt es an?

“Haram” heißt “verboten”. Ich habe 2016 eine Reportage mit diesem Titel gemacht, weil mir in vielen Brennpunktschulen immer wieder dieses Wort begegnete. Muslimische Burschen wollten muslimische Mädchen damit einschränken. Wenn Mädchen einen tiefen Ausschnitt hatten, wenn sie im Biologieunterricht über Menstruation redeten, hieß es “haram”, um sie zum Verstummen zu bringen. Erst nachdem ich mit einigen Jungen gesprochen hatte, wurde mir klar, dass sie sich gar nicht auf den Islam beziehen. Sie fühlen sich verloren, abgestempelt, von Arbeitslosigkeit bedroht. Sie nutzen die einzige Chance, Macht zu fühlen, indem sie nach unten treten. Die Generation haram steht für mich für eine, von der wir denken: Sie ist ein Problem. Aber wenn wir tiefer schauen, merken wir, sie hat ein Problem, das wir lösen müssen. Wenn wir den Diskurs in diese Richtung drehen, haben wir schon etwas erreicht.

Sie schreiben, Corona habe die Bildungsungerechtigkeiten durch das Homeschooling weiter verschärft. Was kann man tun?

Eine Ganztagsschule würde helfen. Sie müsste kostenlos sein, dürfte keine Strafe für Ali, Melisa und Hülya sein, sondern es müssten alle hingehen. Lernen findet auch am Nachmittag statt, und es ist ungerecht, wenn Eltern mit Geld ihren Kindern den privaten Musik- oder Theaterunterricht bezahlen, während die Ärmeren im Park herumhängen und Blödsinn machen. Es müsste klar sein, dass die Kinder daheim nichts mehr brauchen, keine Unterstützung von den Eltern, keinen Schreibtisch. Dazu wäre eine Lehrerausbildung wichtig, die sich an die Kinder von heute anpasst. Die Gesellschaft hat sich gewandelt, die Ausbildung ist seit vielen Jahren dieselbe geblieben. So funktioniert das nicht.

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