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Umzug in fünf Akten: Wie der Weg ins neue Heim mit Kindern gelingen kann

  • Steht ein Umzug als Familie bevor, müssen Eltern nicht nur eine Reihe logistischer Fragen klären, denn das gewohnte Heim zu verlassen kann für Kinder schwierig werden.
  • Umso wichtiger ist es, dass Eltern diesen Prozess eng begleiten.
  • Experten geben Tipps, wie das gelingen kann.
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Hannover. Ob in eine andere Stadt oder doch nur zwei Straßen weiter — für Kindergartenkinder ist jeder Umzug eine Reise in eine neue Welt. Und doch ist gerade mit den Kleinen das Umziehen manchmal deutlich leichter, denn solange Mama und Papa in der Nähe bleiben, ist ihre Welt in Ordnung. Das wird mit jedem Lebensjahr allerdings anders.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Umziehen und wie bereite ich die Kinder vor?

„Für Kinder ist die Vorhersehbarkeit ein ganz wesentliches Moment“, sagt Wilfried Griebel, ehemaliger Diplom-Psychologe am Staatsinstitut für Früh­pädagogik in München „Sie müssen zumindest eine Ahnung davon bekommen, was da auf sie zukommen wird.“

Statt eines abrupten Wechsels in eine neue Umgebung empfiehlt Griebel ein Herantasten an die neue Situation: Die Kinder sollten früh in die Umzugspläne eingeweiht werden. Gemeinsam mit den Kindern können Eltern die neue Nachbarschaft erkunden und später einen Plan machen, wo etwa die Spielsachen unterkommen könnten.

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Laut Statista ziehen die meisten Menschen der Liebe und der Familie wegen um. Aber nicht immer sind die Gründe für den Umzug schön: Manchmal sind Trennungen vorausgegangen oder die große Wohnung ist schlicht nicht mehr zu bezahlen. Auch wenn Eltern selbst mit dem Wohnortwechsel hadern, sollten sie versuchen, mit den Kindern gemeinsam nach den positiven Dingen im neuen Heim zu suchen, raten Experten. Kein eigener Garten mehr? Vielleicht ist der Schulweg aber kürzer. Oder länger? Dann könnte vielleicht ein neues Fahrrad helfen.

Wer darf was entscheiden?

Kinder können auch in der Gestaltung ihres neuen Zuhauses einbezogen werden – so richtig allerdings erst ab dem Grundschulalter, empfiehlt Wohnpsychologin Antje Flade. „Drei- und Vierjährige treffen Augenblicksentscheidungen. An einem Tag wollen sie blaue Wände, am nächsten Tag grüne. Ab dem Grundschulalter geht es los, dass sie bei den grundsätzlichen Dingen mitentscheiden können. Man kann ihnen dann auch einen Plan zeigen und sagen: Das ist dein Zimmer, diese Dinge wie Bett und Schrank müssen rein, was würdest du mit dem Rest machen? Volle Freiheit geht allerdings nicht, es ist ja auch ein Funktionsraum.“

Hat der Teenager überhaupt keine Lust auf Umzug, hat er schlechte Karten. Nina Straßner, bekannt als bloggende „Juramama“ und Rechtsanwältin: „Bis Kinder 18 sind, haben die Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht und entscheiden gemeinsam, wo das Kind lebt. Will der 15-Jährige nicht mit, hat er also schlechte Karten gegen seine Eltern. Es ist ein Gerücht, dass Kinder das irgendwann selbstständig entscheiden können. Ausnahmen gibt es nur in extremen Fällen, etwa wenn Gewalt im Spiel ist, vielleicht auch bei einem Umzug ins Ausland.

Bei Trennungsgeschichten bekommt der Wille des Kindes immer mehr Gewicht, je älter sie werden, im Zweifel gilt aber auch hier das elterliche Aufenthaltsbestimmungsrecht. Grundsätzlich gibt es also kein von den Eltern losgelöstes Recht, sein eigenes Ding zu machen bevor man volljährig ist.“

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Wer kann wie mithelfen?

„Ein Umzug ist ein Familienerlebnis, über das man gemeinsam spricht und an dem alle teilhaben sollten“, meint der Frühpädagoge Griebel. Deswegen hält er die Einbeziehung der Kinder auch beim Umzug selbst für wichtig. „Das Kind eine Woche lang wegschicken und es erst wieder abholen, wenn der Umzug vollzogen wurde, ist für das Kind nicht so schön“, glaubt Griebel. Denn schon Dreijährige können beim Möbelaufbauen das Werkzeug reichen, Vierjährige verstauen Puppen und Bausteine in Kartons und Fünfjährige schaffen es auch schon, Kleidung zu falten und Schränke einzuräumen. Vielleicht gibt es Oma, Opa oder Freunde, die am Umzugstag gemeinsam mit den Kindern kleine Kisten tragen.

Wie kommen wir gut an?

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Bleibt das Umfeld gleich, ist es für die Kinder meistens halb so wild. Müssen Teenager allerdings ihre gewohnte Umgebung aufgeben, kann der Umzug zur echten Belastung werden. Hier ist besonderes Fingerspitzengefühl gefragt. Autonomie spielt im Leben eines Teenagers eine große Rolle. Sie brauchen ihre Privatsphäre — und die sollte man bei der Gestaltung des neuen Kinderzimmers und auch beim Umzug selbst achten. Vielleicht möchten sie lieber selbst die Kisten ein- und auspacken, um Tagebücher oder andere private Schätze vor den neugierigen Blicken der Erwachsenen zu schützen. Und beim neuen Kinderzimmer ist die Devise: Hauptsache allein. Natürlich ist ein großes Kinderzimmer auch für Teenager wünschenswert, aber nicht immer ist das möglich. Viel wichtiger ist es, dass sie ihren eigenen, abschließbaren Bereich haben.

Was tun, wenn die Eingewöhnung schwer fällt?

Wissenschaftler aus England und Dänemark haben herausgefunden, dass sich mit jedem Umzug im Kindesalter das Risiko erhöht, als Erwachsener psychische Probleme zu bekommen. Gerade zwischen 12 und 14 Jahren könnten Kinder sehr sensibel auf den Wohnortwechsel reagieren. Vermutlich, weil der Verlust der gewohnten Umgebung in eine Lebensphase fällt, in der durch die Pubertät ohnehin vieles ins Wanken gerät. Trotzdem gilt: Ein Umzug ist erst einmal kein traumatisches Erlebnis für ein Kind. Entscheidend ist dabei auch, wie Erwachsene diesen Prozess begleiten.

Auch schon im Kindergartenalter können Kinder enge Freundschaften zu Gleichaltrigen knüpfen. Steht ein Umzug mit Ortswechsel bevor, sind die Kinder darauf angewiesen, dass die Eltern diese Freundschaften im Blick behalten. Ein Brief oder eine Whatsapp an die Freundin aus dem alten Kindergarten? Das geht nur mit Mamas oder Papas Hilfe.

Solange die Kindheit währt, werden die Kinder noch viele Erinnerungen an ihr altes Zuhause haben, die mit der Zeit allerdings verblassen. Die meisten Erwachsenen erinnern sich an Ereignisse aus ihrem dritten oder vierten Lebensjahr – gut möglich also, dass der Umzug mit 3 oder 4 Jahren als vage Erinnerung hängen bleiben wird. Damit das mit einem positiven Gefühl verbunden ist, empfiehlt Wilfried Griebel eine Erinnerungskultur für die Familie, vielleicht auch ein Abschiedsfest oder ein Willkommensfest im neuen Heim.

Kinder brauchen emotional verfügbare Eltern

Wie wir Erwachsenen brauchen Kinder und Jugendliche ihre Zeit, um im neuen Heim anzukommen. Und nicht immer klappt das gleich zu Beginn. Ab wann sollte man sich als Eltern Sorgen machen? „Da gibt es keinen Zeitpunkt“, sagt Griebel. „Wie lange ein Kind braucht, um sich mit der neuen Situation zu arrangieren, ist höchst unterschiedlich.“ Ist das Kind unglücklich, seien die meisten Eltern durchaus in der Lage, ihren Sohn oder ihre Tochter zu beruhigen, meint der Experte. „Allerdings bringt ein Umzug viele Veränderungen mit sich und schnell ist man mit dem neuen Arbeitsplatz beschäftigt und den ganzen anderen Dingen. Kinder brauchen aber Eltern, die emotional verfügbar sind. Das ist wichtiger als die Fertigstellung der Einrichtung“, so Griebel.


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