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Überlastete Mütter in der Corona-Pandemie: „Manche weinen nur noch“

  • Homeschooling, Arbeit, Haushalt: Viele Mütter stehen in der Corona-Krise unter einem noch größeren Druck.
  • Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks, sagt im RND-Interview, vor allem die Perspektivlosigkeit mache vielen Sorge.
  • Sie vermisst öffentliche Appelle an die Väter.
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Frau Schilling, wie geht es den Müttern, die eine Kur in Anspruch nehmen, gerade?

Frauen, die zur Mutter-Kind-Kur oder einer Mütterkur fahren, waren immer schon sehr erschöpft. Die aber, die jetzt zu uns kommen, sind am Anschlag. Manche weinen einfach nur noch. Sie fühlen sich ausgebrannt und überfordert. Neben den alltäglichen Belastungen reduziert die Corona-Pandemie das Leben der Mütter und ihrer Familien auf die eigenen vier Wände. Das verändert, potenziert Ängste und Probleme, und die Gesundheit leidet.

Wie macht sich das bei den Müttern bemerkbar?

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Die Frauen brauchen deutlich länger, um an- und runterzukommen. Und obwohl es vor Ort in den Kliniken durchaus Einschränkungen gibt, etwa Masken tragen und Hygieneabstände, Therapien in Kleingruppen und Schichten im Speisesaal, sind viele von ihnen unglaublich dankbar für ihre Kur. Denn plötzlich sind sie nicht mehr allein mit den Sorgen. Corona hat die Mütter zutiefst verunsichert und fordert sie extrem.

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Warum sind die Mütter so verunsichert?

Zum einen machen sie sich in diesen Zeiten natürlich Sorgen um ihre Familie. Aber: Wir haben eine hohe Erwerbsbeteiligung von Müttern, gleichzeitig übernehmen sie aber über 80 Prozent der Hausarbeit und überwiegend auch Kinderbetreuung und Homeschooling. Der Gesellschaftsvertrag, den wir eigentlich haben, wird gerade über den Haufen geworfen. Die Politik verlässt sich darauf, dass die Frauen trotzdem zu 100 Prozent als Mutter funktionieren. Wir brauchen also mehr denn je mehr Gleichberechtigung in der Familie.

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Ein Aushandlungsprozess, für den es Kraft braucht – die oft fehlt.

Ja. Auch die Perspektivlosigkeit der Frauen macht uns Sorgen. Sie leiden darunter, dass nichts mehr planbar ist: Kitas geschlossen, Wechselunterricht, dann wieder nicht. Das ist nicht nur anstrengend, es setzt den Frauen auch immer mehr zu. Es geht ja schließlich auch um was: die eigene Berufstätigkeit, die Bildung ihrer Kinder, um die ganze Familie. Was mir fehlt, sind öffentliche Appelle an Väter.

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Also eine Aufforderung, sich mehr zu kümmern?

Anfangen müssen wir damit, die Dinge klar zu benennen. Man tut immer so, als würden Paare oder Familien gerade die Lasten der Corona-Krise schultern, aber alle wissen, dass es in den allermeisten Fällen die Frauen sind. Mir fehlen die Appelle an die Väter, ihren Teil in der Familie beizutragen, zu Hausarbeit, Homeschooling, Kinderbetreuung – und dafür auch ihre Stunden zu reduzieren.

Anne Schilling ist Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. © Quelle: Müttergenesungswerk
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Wollen sich Paare nicht oft genauso aufteilen?

Mit der Geburt des ersten Kindes entscheiden sich 85 Prozent der Paare für ein traditionelles Familienmodell. Aber nicht immer freiwillig. Die Mütter wollen in erster Linie, dass es ihren Kindern und ihrer Familie gut geht. Dafür bezahlen sie einen Preis mit unglaublich hoher Verantwortung, Einbußen im Berufsleben und schließlich starker Erschöpfung. Ein Umstand übrigens, der sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Die Mehrfachbelastungen kommen bei jeder Mutter an, unabhängig von ihrem sozialen Kontext. Wir haben immer noch ein Mutterbild aus den 50er-Jahren, das den Frauen vermittelt: Deine Bedürfnisse zählen nicht. Dabei wollen Väter heute durchaus ein anderes Verhältnis zu ihren Kindern, trotzdem aber sind sie kaum involviert in die Familienarbeit. Dabei sollte es einen Vater, der keine Hausarbeit macht, im Zuge der Gleichberechtigung heute eigentlich gar nicht mehr geben. Wir verlassen uns aber darauf, dass die Paare das alleine aushandeln – und lassen die Frauen damit im Stich. Corona zeigt das ganz deutlich.

Wie könnte Familien und eben vor allem den Müttern geholfen werden?

Wir brauchen Kampagnen für Gleichberechtigung, die auch Väter adressieren. Wir müssen Frauen den Rücken stärken, dass es selbstverständlich wird, dass auch der Mann seinen Anteil am Mental Load trägt. Und wir müssen die Frauen aus diesem Rollenspagat befreien. Dass sie gleichzeitig die moderne Frau und die aufopferungsvolle Mutter sein sollen. Es bekümmert mich zu sehen, wie viele Frauen daran verzweifeln.

Und was würde im Corona-Alltag helfen?

Da wir immer noch nicht genau wissen, wie die Ansteckungsrisiken in Kita und Schule sind, müssen natürlich Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Aber gerade weil wir nicht genug wissen, würde ich mir wünschen, dass wir über die Dinge, die Kinder betreffen, nicht mit dem Rasenmäher drübergehen. Wir können die Familien nicht sieben Tage die Woche alleine lassen. Die Mütter müssen auch mal Luft holen.

Und nach Corona eine Mutter- oder Vater-Kind-Kur für jeden Elternteil, der das braucht?

Ja, das wäre eine gute Idee. Aber schon jetzt werden die Wartelisten bei uns immer länger. Der Bedarf wächst immens. Gleichzeitig kämpfen die Mütter- beziehungsweise Vater-Kind-Kliniken ums Überleben. Aufgrund der Hygieneauflagen und der allgemeinen Verunsicherung gibt es meist eine geringere Belegung. Um den Rettungsschirm, der die Kliniken in der Pandemie unterstützt, müssen wir kämpfen, und er ist zeitlich sehr begrenzt. Ende Februar droht er erneut auszulaufen. Wir brauchen vor allem für die Mütter diese Kuren aber jetzt – und auch nach Corona.

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