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Trotz Master: Warum Dreifachmama Neele der Wiedereinstieg in den Job nicht so recht gelingt

  • Als Mutter dreier Kinder fällt Neele der Wiedereinstieg in den Job sehr schwer.
  • Trotz ihres Masterstudiums erhält sie immer wieder Absagen auf Bewerbungen.
  • Obwohl ihr Mann gut verdient, fühlt sich Neele unter Druck. Ein Interview mit einer ziemlich frustrierten Universitätsabsolventin.
Katharina Nachtsheim
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Liebe Neele, du hast drei Kinder, die Jüngste ist zwei Jahre alt und gerade in die Kita gekommen. Du möchtest nun wieder zurück in den Job, doch das ist gar nicht so einfach. Was hast du denn vor beziehungsweise zwischen den Kindern beruflich gemacht?

Ich habe mein erstes Kind noch während meines Masterstudiums bekommen und dann in der Elternzeit meine Masterarbeit (dank der großartigen Unterstützung meiner Eltern und meines Mannes) fertiggeschrieben. Mit einem Jahr ist mein Großer zur Tagesmutter, und ich hatte als Elternzeitvertretung in meinem ersten Job als Pressereferentin bei einem großen Verband eine Teilzeitstelle. Die explizite Ausschreibung der Teilzeitstelle war mein Glück, da dadurch viele andere Bewerber abgesprungen sind. Der Job war klasse, die Arbeitszeit mit Kind super, der Chef sehr verständnisvoll, und meine Stelle wurde sogar verlängert.

Nach zwei Jahren, zur Geburt meines zweiten Kindes, lief diese Stelle dann leider aus. Nach meiner Elternzeit ging der Bewerbungsmarathon wieder los und ich stellte fest: Ui, mit zwei Kindern ist das anscheinend gar nicht so leicht. Ich wurde auf keine passende Stelle eingeladen und war schon drauf und dran, die Kinder aus meinem Lebenslauf zu streichen. Dann hat es doch geklappt. Wieder eine Elternzeitvertretung als Fachreferentin in der Öffentlichkeitsarbeit, diesmal jedoch fast Vollzeit! Die Stunden konnte ich nicht reduzieren, und ohne Job wollte ich auch nicht bleiben, also Augen zu und durch. Die Zeit war jedoch echt heftig, der damals Kleine viel krank und mein Mann arbeitet ja auch Vollzeit. Auf dieser Stelle hatte ich aber über die Elternzeitvertretung hinaus keine Perspektive.

Wir bekamen dann unsere Tochter, und ich wollte bei meinem dritten Kind die Elternzeit etwas strecken und nicht gleich nach einem Jahr wieder einsteigen. Wir haben auch keinen Tagesmutterplatz bekommen, es sollte wohl einfach so sein. Nun ist sie in der Kita, und ich will wieder loslegen. Drei Kinder, immer zwischendurch gearbeitet, aber eben nie lange und durchgehend in einem Unternehmen, so ist der Status quo.

Auf welche Stellen bewirbst du dich jetzt und wie sind die Rückmeldungen bisher?

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Zurzeit bewerbe ich mich auf alles, was meiner Ausbildung und bisherigen Berufserfahrung entspricht. Dabei schaue ich gar nicht darauf, ob Teilzeit oder Vollzeit gewünscht ist, es sei denn, es steht explizit in der Ausschreibung, dass wirklich 40 Stunden gefordert werden. Ich rechne im Kopf natürlich mögliche Arbeitswege durch, aber auch hier denke ich: Berlin ist groß, lange Arbeitswege sind da nicht vermeidbar, dann muss ich notfalls mit den Stunden runtergehen.

Ich versuche, mich wirklich breit zu bewerben, um überhaupt erst mal zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Wenn da alles stimmt, kann man sich immer noch konkret über Organisatorisches unterhalten. So ist jedenfalls meine bisherige Erfahrung aus den vorherigen Jobs gewesen. Nur dazu muss ich erst mal so weit kommen, und bisher hagelte es sofort Absagen.

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Das ist sicher sehr frustrierend, zumal du ja gut ausgebildet bist. Was meinst du, warum ist es so schwer für viele Mütter, den Wiedereinstieg zu schaffen?

Es ist wirklich frustrierend, zumal ich den Kulturbereich schon ausklammere, in dem ja mein Studienschwerpunkt lag. Ansonsten gibt es eigentlich viele ausgeschriebene Stellen in meinem Bereich. Nur warum ist für Mütter der Wiedereinstieg so schwer? Ich denke, dass man mit Kindern im Lebenslauf sehr schnell aussortiert wird, da natürlich die Priorität nicht allein auf dem Job liegt, sondern zu einem Großteil im Privaten.

Zu einer bestimmten Uhrzeit muss ich den Stift fallen lassen und die Kinder abholen und dann komplett raus aus dem Job, auch mental. Das sind zwei Leben! Und viele Arbeitgeber wählen wahrscheinlich den vermeintlich sichereren Weg mit weniger organisatorischem Aufwand. Meinen zweiten Job hätte ich auch nicht bekommen, wenn der männliche Bewerber ihn nicht abgelehnt hätte. Dazu kommt, dass viele Mütter ja in Teilzeit wieder einsteigen wollen, solange die Kinder klein sind, und dass Arbeitnehmer in Teilzeit sehr effektiv arbeiten und im Vergleich mehr schaffen, belegen zwar Studien, das ist im Alltag aber nicht so präsent.

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Mit jedem weiteren Kind im Lebenslauf wird es komplizierter. Die gesellschaftliche Debatte darüber ist ja schon da, noch spüre ich persönlich aber kaum eine bis keine Veränderung.

Wenn man ständig Absagen kassiert was macht das mit dem Selbstwertgefühl?

Zweifel kommen da natürlich schon auf. Zweifel am gewählten Lebensweg und an manchen Entscheidungen. Ich habe studiert, einen Masterabschluss draufgesetzt, ein gutes Abi und frage mich schon manchmal, wofür das alles, wenn ich es nicht nutzen kann. Habe ich meine Kinder zum richtigen Zeitpunkt bekommen, oder hätte ich erst fest in Lohn und Brot stehen müssen? Setze ich mich zu viel unter Druck oder zu wenig?

Allerdings kommen diese Gedanken nur in schlechten Momenten. Im Großen und Ganzen versuche ich, positiv und optimistisch zu bleiben und mir vor Augen zu führen, was ich alles schon geschafft habe. Ich begleite drei Kinder auf ihrem Lebensweg und habe zwischendurch immer gearbeitet, mich sogar auf wechselnde Arbeitgeber eingestellt und dazugelernt. Mit etwas Geduld wird es auch diesmal klappen.

Du bekommst kein Elterngeld mehr, hast kein eigenes Einkommen. Somit bist du finanziell praktisch abhängig von deinem Mann. Verändert das die Beziehung, und wie gehst du damit generell um?

Das ist in der Tat eine neue Situation für mich, sonst habe ich ja schnell nach dem Elterngeld wieder ein eigenes Einkommen gehabt. Mein Mann verdient gut, hat eine sehr sichere Vollzeitstelle als Beamter, die ihn auch aus- und erfüllt. Das heißt, als Familie geht es uns finanziell gut, sodass keine Existenzängste bestehen.

Aber die eigene Abhängigkeit ganz konkret in der jetzigen Situation und auch im Hinblick auf das Alter belastet mich schon. Meine Oma hat immer Haushaltsgeld von meinem Opa bekommen, und so ähnlich fühle ich mich jetzt auch. Bei Ausgaben für die Kinder ist alles klar, aber ich selber habe gerade kein gutes Gefühl dabei, mir persönlich etwas zu „gönnen“. Das fällt komplett hinten runter. Als ich gearbeitet und verdient habe, habe ich darüber nicht groß nachgedacht. Beide Partner haben zum Lebensunterhalt beigetragen, beide Partner konnten auch Geld für sich ausgeben.

Und klar verändert sich in so einer Situation auch ein Stück weit die Beziehung. Einer ernährt und versorgt sozusagen die Familie, der andere fängt alles andere ab. Ich finde, es führt zu einem größeren Rechtfertigungsdruck aufgrund des Ungleichgewichts. Zumindest wenn das angestrebte Lebensmodell nicht von vornherein so aufgebaut ist, und auch da stelle ich es mir teilweise schwierig vor. Care-Arbeit zu Hause hat eben nicht den Stellenwert von einem bezahlten Job außer Haus in unserer Gesellschaft.

Hast du schon mal darüber nachgedacht, was ganz anderes zu machen?

Ich denke immer wieder darüber nach und komme dann ins Grübeln, ob ich mich beruflich nicht noch einmal komplett neu orientieren sollte. Ob nicht jetzt vielleicht der ideale Zeitpunkt wäre, noch mal alles zu verändern. Das bedeutet jedoch, entweder noch einmal richtig studieren oder von vornherein auf Gehalt zu verzichten, und eine Sicherheit gibt es dann ebenfalls nicht. Auch hier denke ich manchmal, es ist unfair, mich komplett ausleben zu wollen, auf den Schultern meines Mannes, der unser Leben dann finanzieren müsste.

Und ganz ehrlich, ich glaube, die Kraft habe ich zurzeit auch gar nicht. Die Kinder werden größer, brauchen mich aber immer noch sehr doll, und ich denke, es ist besser, erst mal den „bequemeren“ Weg zu gehen, sprich in meinem Bereich erst mal wieder beruflich Fuß zu fassen. Aber ganz los lässt mich das Thema nicht, gerade weil ich in der Jugend große Träume hatte und sich beruflich mein Leben komplett in eine andere andere Richtung entwickelt hat.

Wenn du etwas an eurer Familienaufteilung ändern könntest – was wäre das?

In der Babyphase aller meiner Kinder war ich ein richtiges Muttertier, ich hätte nur schwer auf eine gemeinsame Stunde mit ihnen verzichten können. Jetzt, wo die Kinder zunehmend älter und selbstständiger werden, kann ich mir aber in der Tat gut vorstellen, dass beide Partner reduziert und fast gleichwertig arbeiten. Das ist gut für die Kinder und für die Partnerschaft auch von Vorteil.

Beide Eltern sind zuständig, beide Partner bringen sich gleichwertig ein und wissen auch gleichwertig Bescheid. Meiner Meinung nach der beste Weg zur Gleichberechtigung. Das setzt natürlich voraus, dass beide ähnlich verdienen, sonst kann ich mir vorstellen, wird es vom Gesamteinkommen in vielen Familien knapp. Aber mein Mann und ich sind beide gleich gut ausgebildet, da dürfte das eigentlich kein Problem sein.

Fühlst du dich unter Druck, möglichst schnell einen Job zu finden?

Das trifft es auf den Punkt. Ich empfinde einen großen Druck. Ich habe schon regelrecht ein schlechtes Gewissen, die Kleine auch an schwierigen Tagen in der Kita abzuliefern, da ich ja „nur“ zu Hause bin, auch wenn ich dort Bewerbungen schreibe und den Haushalt wegschaffe!

Das ist schon komisch, gerade andere Mütter signalisieren mir, dass es mit drei Kindern schon toll ist, überhaupt wieder an einen Job auswärts zu denken. Von den Müttern bekomme ich also eher Verständnis und Aufmunterung, manche fragen sogar, warum ich überhaupt wieder arbeiten will. Vielleicht kommt es auch durch meine Eltern, die beide in der DDR voll berufstätig waren, was völlig normal war. Andererseits versuche ich, jetzt auch bewusst zu genießen, die Kinder früher abzuholen, die Kleine nach einem sehr anstrengenden Tag später zu bringen, bei Husten auch mal zu Hause lassen zu können und die Nachmittage freier mit anderen Müttern und deren Kindern zu verbringen, mich oft zu treffen.

Das wird mit Job dann alles schwieriger werden, und meine Zeit jetzt ist schon gut ausgefüllt. Ich habe auch viele produktive Hobbys, die ich dann weniger aktiv ausüben kann. Es wohnen sozusagen zwei Seelen in meiner Brust, zwischen denen ich permanent hin- und herschwanke.

Was wünscht du dir für 2020?

Gesundheit, Liebe und Freude für meine Familie und mich. Und ganz konkret einen erfüllenden Teilzeitjob, der mir auch weiterhin die Kraft und Zeit lässt, meine Kinder zu begleiten und an ihren vielen kleinen und doch so wichtigen Schritten teilhaben zu können!