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Balanceakt am Rande des Wahnsinns: Familien brauchen mehr Anerkennung

  • Familien haben keine Lobby, das zeigt sich am “Tag der Familie” nur allzu schmerzlich.
  • Das Kümmern um Kinder und die Hausarbeit brauchen dringend höchste gesellschaftliche Anerkennung.
  • Ein Kommentar von Birk Grüling.
Birk Grüling
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Wir sind eine Familie, wir halten zusammen. Mit diesem Satz könnte eine schwülstige Liebeserklärung an unser kleines Universum beginnen oder bedeutungsschwangere Zeilen darüber, wie wichtig familiärer Zusammenhalt gerade in Zeiten von Corona ist. Doch nach Familienromantik ist mir längst nicht mehr zumute. Denn mal ehrlich: Über den “Ach, ist das eine schöne Zeit”-Moment sind die meisten von uns lange hinweg. Wir machen das Beste daraus oder besser: Wir funktionieren irgendwo zwischen Homeschooling, einer möglichst kreativen und schönen Kinderbetreuung, Haushalt und Homeoffice.

Ein täglicher Balanceakt am Rande des Wahnsinns und Burn-out. Pause, Müßiggang, Erholung? Fehlanzeige. Und nein, wir beschweren uns nicht über die Zeit mit unseren Kindern. Wir beschweren uns darüber, dass sich die Politik ungefragt auf unsere Kraft, unsere “Wir sind eine Familie, wir halten zusammen”-Haltung verlässt. Über hirnrissige Sätze wie “Weiter so” oder “Wir sind stolz auf euch”, denen seit Wochen keine Taten folgen.

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Unterstützung aus der Politik? Fehlanzeige

Wir – oder besser vor allem die Mütter – basteln, malen, spielen, lesen vor, kochen, putzen, wuppen nebenbei noch unsere Jobs – systemrelevant oder nicht. Dass wir dabei Unterstützung gut gebrauchen können, scheint trotz wachsender Proteste von #Coronaeltern bei der Politik noch nicht ganz angekommen zu sein. Minister sprechen von einer schwierigen Situation für alle Kinder und Eltern und öffnen Gaststätten und Bundesliga-Stadien mit besser durchdachten Konzepten als Schulen und Kindertagesstätten. Die Häme und Gleichgültigkeit, die wir Eltern dieser Tage erleben, zeigen sich auch im RBB-Bürgertalk.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach befand im Gespräch mit einer Mutter, dass wir uns als Familien ja nicht in einer “Wahnsinn-Ausnahmesituation” befinden würden. Immerhin dauere die Krise erst zwei Wochen länger als die Sommerferien. Er würde sich freuen, wenn die Eltern mal ihre Kinder wieder richtig kennengelernt haben. Der Zorn der Eltern ist ihm sicher, doch ändern wird es kaum etwas.

Milliardenhilfen für sämtliche Industrien - nur nicht für Eltern

Während Autoindustrie, Handwerk oder Gastronomie Milliardenhilfen bekommen – es sei ihnen gegönnt –, während sich absurde Schlangen vor Shoppingcentern bilden, sollen wir Eltern schon über die Rückerstattung der Kita-Gebühren glücklich sein. Wirkliche Entlastungen für Alleinerziehende oder Familien mit Kindern mit Behinderungen sind nicht in Sicht. Genauso wenig wie Konzepte für die Kitas und Schulen als Schutzraum für Kinder, die jetzt noch stärker Gewalt erleben, oder Kinder aus einkommensschwachen Familien, die in Zeiten von Homeschooling noch weiter den Anschluss verlieren, weil sie zu Hause kein Tablet oder Kinderzimmer haben.

Bundestag: Eltern finden kaum Gehör

Auch Ideen wie ein Corona-Elterngeld finden im Bundestag kaum Gehör. Schließlich wurde ja schon das Absperrband an den Spielplätzen entfernt. Auch die schrittweise Öffnung von Kindertagesstätten und Schulen ist für viele Familien im Land keine echte Entlastung. Nun müssen die Kinder an verschiedenen Tagen in die Schule, oft gefahren mit dem Elterntaxi. Und die restliche Zeit wird zu Hause gelernt – stets unterstützt von uns Eltern. Gleiches gilt für die Kitas. Wenn die Notbetreuung für 50 Prozent der Kinder geöffnet wird, sind immer noch 50 Prozent aller Familien ohne Entlastung.

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Die unerschöpfliche Kraft der Familie?

Die Kraft der Familie ist ja nicht nur kostenlos, sondern auch schier unbegrenzt – jedenfalls scheinen das viele Politiker weiterhin zu glauben. Dabei wäre eine Entlastung der Familien durchaus möglich. In Dänemark und den Niederlanden durften nach dem Corona-Shutdown zuerst die Kitas und Grundschulen öffnen. Familien mit Kindern mit Behinderung wurden besonders entlastet. Auch in Sachen Social Distancing in der Schule gehen diese Länder voran – mit viel Unterricht unter freiem Himmel oder eingespielter digitaler Bildung. Natürlich hilft uns Eltern der sehnsüchtige Blick auf andere Länder auch nicht weiter. Aber das Träumen zwischen zwei “Paw Patrol”-Folgen wird ja wohl erlaubt sein.

Keine Zeit für Träume

Doch wie kommen wir aus diesem Dilemma? Meiner Meinung nach und damit kommen wir zurück zum Satz des Anfangs, nur mit Zusammenhalt. Wir sind alle Familien und wir halten zusammen. Man stelle sich mal vor, die Mütter und Väter hätten eine so mächtige Lobby wie die Automobilbranche, einen so starken Zusammenhalt wie die Fußball-Verbände. Corona-Elterngeld wäre längst auf dem Weg, das Kümmern um Kinder oder die Hausarbeit würde höchste gesellschaftliche Anerkennung genießen, vermutlich müssten wir alle weniger arbeiten und hätten mehr Zeit für die Familie. Vereinbarkeit wäre kein Problem mehr.

Doch genug geträumt! Weil uns die Kraft für echte Lobbyarbeit und die Solidarität für eine gemeinsame Stimme fehlen, sollen wir nun alternative Betreuungskonzepte finden, mit zwei bis drei Tagen Entlastung Beruf und Familien langfristig vereinbaren und uns stumm und still aufreiben, bis endlich ein Corona-Impfstoff gefunden ist – oder wie die Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums es nennt: “Gemeinsam gegen Corona”.

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