Stress, lass nach!

  • Kinder sind wie Schwämme: Den Stress der Eltern saugen sie 1:1 auf.
  • Das hat körperliche und seelische Auswirkungen.
  • Zeit, dass die Eltern den Druck aus dem Alltag nehmen.
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Perfektion kann auf Dauer ganz schön langweilig sein – wer hingegen zu seinen vermeintlichen Schwächen steht und sich auch mal eingesteht: “Bei uns läuft es gerade nicht rund!”, der wirkt authentisch und nahbar. Das finden auch die Stressexpertinnen Cordula Nussbaum und Rebecca Soetebier. Was Familie stresst und wie wir zu mehr Gelassenheit im Alltag finden, darüber sprechen sie im Interview.

In Gesprächen mit anderen Familien entsteht regelmäßig der Eindruck, dass sie kurz vorm kollektiven Burn-out stehen. Ist das so?

Nussbaum: Der Stresspegel steigt tatsächlich. Ich glaube aber, dass wir uns mittlerweile in zwei Lager spalten. Auf der einen Seite gibt es die Familien, die sich da reinreißen lassen, die denken, dass sie ihren Kindern möglichst viel bieten müssen. Die wollen nicht nur sich selbst, sondern auch das Leben ihrer Kinder optimieren. Und auf der anderen Seite gibt es eine ganz massive Gegenbewegung von Eltern, die sagen: “Mit mir nicht mehr” und die ganz massiv Termine reduzieren.

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Was stresst Familien am meisten?

Nussbaum: Der größte Stress entsteht dadurch, dass wir zu viel vergleichen. Die ganz massive Beschleunigung kam mit Social Media, mit der Möglichkeit, sich in heiler Welt zu zeigen. Klar, wir haben diese tolle bunte Welt von Social Media. Bei Erwachsenen führt sie allerdings dazu, dass wir uns noch mehr vergleichen und in der Folge unzufrieden werden, weil natürlich alle anderen immer nur ihre Bilder von der vermeintlich heilen Familie posten. Da kann man nur schlecht dastehen. Statt sich zu ärgern, sollte man sich als Familie die Frage stellen: Was liegt uns wirklich am Herzen? Und entsprechend handeln.

Soetebier: Diesen selbst gemachten Anspruch im eigenen Kopf erfüllen zu müssen, oder auch den der anderen, das stresst unglaublich. Das Bild der perfekten Familie im Kopf ist oft schon so utopisch, dass es sich gar nicht erfüllen lässt. Alles soll immer harmonisch sein, auf jegliche Stresssituation gelassen reagiert werden, keinerlei Emotionen wie Wut, Trauer, Angst und Ärger sollen gezeigt werden – all jene Emotionen, die in unserer Gesellschaft negativ belegt sind. Das macht Druck.

Überträgt sich Stress in der Familie?

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Nussbaum: Der überträgt sich eins zu eins von den Erwachsenen auf die Kinder. Kinder lernen durch das, was sie sehen. Nicht – oder nur wenig – durch das, was wir ihnen sagen. Jetzt entsteht natürlich die große Diskrepanz, dass wir verbal unseren Kindern mit auf den Weg geben, dass sie Pause machen sollen, dass sie sich richtig ernähren sollen, wir leben aber selbst etwas total anderes vor. Erwachsene müssen also so leben, wie sie ihre Kinder auch erziehen wollen.

Kinder lernen durch das, was sie sehen. Wer verlangt, dass sie mal Pause machen, muss das auch selbst vorleben. © Quelle: Armin Weigel/dpa
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Wie kommen Familien aus dieser (mentalen) Stressfalle raus?

Soetebier: Wichtig ist, sich die Dinge, die einen stressen, erst mal zu vergegenwärtigen und dann aufzuschreiben – ansonsten hat man so ein Ping-Pong-Spiel von Gedanken. Danach geht es darum, mit anderen ins Gespräch zu kommen, die Probleme mutig zu benennen und gemeinsam Lösungen zu finden. Auch Verständnis für die Bedürfnisse des anderen zu zeigen, ihm zu signalisieren: “Du bist okay, so wie du bist”, und nicht ständig alles verändern zu wollen, gehört dazu. Liebevolle Kommunikation und Selbstfürsorge bringen Lebensqualität. Das bedeutet, sich auch die Auszeiten zu nehmen, so wie man sie braucht (siehe Stresstypenmodell), bevor ich mich um die anderen kümmere.

Nussbaum: Vor allem Mütter und Frauen generell sollten stärker zusammenhalten und sich nicht noch gegenseitig Vorwürfe machen. Warum nicht einfach sagen: “Das ist mein Lebensmodell, das ist dein Lebensmodell. Und alles ist richtig.” Das wäre ein großer Schritt nach vorne. Gleiches gilt natürlich auch für die Männer und Väter. Um gar nicht erst in dieses Vergleichen zu kommen, gibt es eine schöne Übung: Schreiben Sie mal auf, mit welchen zehn Menschen Sie am meisten Zeit verbringen, mit denen eine gefühlte Nähe besteht. Und dann beurteilen Sie, wie gut Ihnen diese Menschen tun. Wichtig ist, den Kontakt zu Menschen, die das schlechte Gefühl nähren, oder Ihnen momentan nicht guttun, einzuschränken. Das ist manchmal schwierig. Aber es ist der einzige Weg, um aus diesem permanenten Getriggertwerden rauszukommen. Zer zweite Schritt wäre dann zu schauen, welche Menschen tun mir gut? Zu diesen Menschen sollte man mehr Kontakt suchen. Das ist wichtig, weil diese Menschen massiv bestimmen, was ich tue und wie ich es tue.

Bewusst abzuschalten und sich mit Menschen zu umgeben, die einem gut tun, hilft dabei, innerlich gelassener zu werden. © Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa

Wie entscheidend ist denn die innere Haltung?

Nussbaum: Wer eine gelassene innere Haltung gefunden hat und sagen kann: “Wir wuppen das alles, so gut es geht, wir sind nicht perfekt”, und wer vor allem die innere Messlatte auf ein Maß gelegt hat, das zum Familienalltag passt, der kann massiv entlastet werden. Wichtig ist auch herauszufinden, ob Sie eher der kreative Chaot oder der systematische Macher sind (Gratis-Check unter www.kreative-chaoten.com).

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Das entscheidet sehr darüber, wie Alltag organisiert wird. Systematische Macher sind die Eltern, die einen Wochenplan haben. Bei denen ist alles durchgetaktet. Die lieben das, so durchorganisiert zu sein. Die kreativen Chaoten sind da eher spontan, gucken morgens aus dem Fenster und entscheiden dann, heute mal auf den Spielplatz zu gehen. Wenn ich jetzt aber einen kreativen Chaoten zum systematischen Macher umerziehen will und umgekehrt, dann schnürt es dem anderen die Luft ab. Da steigt der Stresspegel. Jeder sollte seinen Familienalltag so planen, wie es eben typmäßig passt.

Wenn trotzdem nichts mehr geht, alles nur noch wütet. Was dann?

Nussbaum: Hinsetzen und durchatmen! Alles ausmachen. Wir vergessen im Alltag häufig das Atmen, also das tiefe Durchatmen. Je weniger ich atme, desto gestresster bin ich. Und danach kann ich mir die Frage stellen: Was muss jetzt wirklich nicht sein? Wenn Sie dann ad hoc drei Sachen streichen können, verschafft das auch die innere Ruhe, sich sagen zu können: “Ach ja, das ist eben Familienleben, es ist turbulent, es ist laut und chaotisch.”

Stresstypen-Modell nach Rebecca Soetebier

  • Der Aerobicwolf entspannt, wenn Geselligkeit und Bewegung zusammenkommen. Kann er nicht regelmäßig im “Rudel” losziehen, bekommt er einen Lagerkoller. Erst in der aktiven Gruppe kommen die Hummeln in seinem Hintern zur Ruhe.
  • Der Rennkuckuck findet nur allein seinen Flow und das mit möglichst viel körperlicher Action. Sport macht ihn nicht müde, sondern lädt ihn auf. Drängt man ihn bei Stress in eine gesellige Gruppe, geht ihm das schlicht auf die Nerven.
  • Geselligkeit genügt, damit sich die Schnattergans entspannt. Hauptsache, sie kann plaudern, während sie körperlich möglichst NICHT aktiv ist. Still sein zu müssen, macht der Schnattergans Stress. Nur mit dem Partner funktioniert der Stressabbau auch, wenn beide Schnattergänse sind.
  • Der Chillbär braucht Zeit für sich selbst und ruhige Tätigkeiten, um wieder Energie aufzutanken. Für diesen Typ ist eine permanente Geräuschkulisse eine echte Herausforderung. Wird er viel getriezt, dauert es mitunter Wochen, bis er wieder fit ist.

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Nachfrage nach Kuren steigt

Mütter und Väter reibt der Alltag zwischen Familie und Beruf häufig auf: Fast 40 Prozent der Eltern mit Nachwuchs unter 18 Jahren fühlen sich häufig oder sehr häufig gestresst. Das geht aus einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) aus dem vergangenen Jahr hervor.

Als Auslöser nennen die befragten Eltern zu jeweils 30 Prozent Konflikte und Probleme in der Familie sowie die Arbeitsbelastung im Haushalt. Gut jeden Vierten (27 Prozent) setzt das Gefühl unter Druck, ständig erreichbar sein zu müssen oder zu wollen. Dies gilt für das berufliche E-Mail-Postfach genauso wie für private Whatsappgruppen.

Beratungsstellen informieren über Kuren

In jungen Familien arbeiten zunehmend beide Partner annähernd Vollzeit – bei Alleinerziehenden würde das Gehalt einer Teilzeitstelle meist gar nicht reichen. Sie fühlen sich noch häufiger gestresst als Eltern, die mit ihrem Partner zusammenleben. Laut Müttergenesungswerk kommen immer mehr Eltern in Beratungsstellen, um sich über Kuren zu informieren. Arbeitgeber sind dazu verpflichtet, gestresste Mütter und Väter für eine vom Arzt verordnete Kur freizustellen.

“Der Druck ist sehr hoch, die Taktung anders als früher”, sagt Antje Krause, Leiterin einer Klinik in Bad Harzburg, die Mütter- und Mütter-Kind-Kuren anbietet. Eltern strebten danach, ihre Familien zu optimieren und ihren Kindern die besten Startchancen zu geben. Im Gespräch mit Freundinnen werde zwar auf die Partner geschimpft oder über die Kinder gestöhnt, wenige Frauen redeten aber über ihre totale Erschöpfung. In der Kur gehe es dann darum, sich auszutauschen und innezuhalten. “Eine Frau erzählte mir am Ende, das Schönste sei gewesen, ihrem Kind in Ruhe beim Spielen zuschauen zu können”, schilderte Krause gegenüber der Deutschen Presseagentur.

Der Stress ist hoch

Die Doppelbelastung von Familie und Beruf sei ein Faktor für erhöhtes Auftreten von Depressionen bei Frauen im Vergleich zu Männern, sagt Anette Kersting, Professorin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Dies sei durch Studien gut belegt. Die Haus- und Erziehungsarbeit bleibe meist Frauensache.

Gleichzeitig gibt es Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass Elternschaft vor psychischen Erkrankungen schützen kann. Die Ärztin betont: “Eltern müssen zwar sehr viel leisten, aber sie bekommen auch sehr viel zurück von ihren Kindern.”

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