Was Eltern nach einer stillen Geburt am meisten brauchen

  • Manchmal sterben Kinder schon im Mutterleib: ein Thema, über das in der Öffentlichkeit wenig gesprochen wird.
  • Die Hebamme Martina Eibl unterstützt Frauen bei einer stillen Geburt und begleitet verwaiste Eltern.
  • Immer mehr Hebammen bilden sich zur "Sterbeamme" fort.
Angela Stoll
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Immer wieder begegnet der Hebamme Martina Eibl mitten im Leben der Tod. Zum Beispiel dann, wenn das Herz eines ungeborenen Kindes auf einmal aufhört zu schlagen. "Es ist ein unbeschreiblicher Moment, wenn man einer hochschwangeren Mutter sagen muss: 'Wir können keinen Herzschlag mehr feststellen.'", sagt die 43-jährige Regensburgerin, die sich auf die Themen Sterben und Trauer spezialisiert hat. Eltern bei einem solchen Trauma zu begleiten, sieht sie als eine ihrer großen Aufgaben als Hebamme und Trauerbegleiterin.

Dank einer entsprechenden Fortbildung hat sie einen imaginären "Werkzeugkoffer", um Menschen in solchen Krisen beizustehen. Entscheidend ist für ihre Arbeit aber die tiefe Überzeugung, dass im Tod das Leben liegt. Und sich auch in katastrophalen Situationen hoffnungsvolle Momente erkennen lassen.

Für Eltern ist eine solche Nachricht ein Schock. Viele reagieren ungläubig, wollen sie nicht wahrhaben. Die meisten Mütter möchten dann, dass das tote Kind so schnell wie möglich per Kaiserschnitt geholt wird, wie Eibl berichtet. "Ich versuche aber vorsichtig, die Frauen von einer spontanen Geburt zu überzeugen. Oft gelingt das auch."

Für den Weg der Trauer sei es nämlich sehr wichtig, dass Frauen ihre "Sternenkinder" auf natürlichem Weg auf die Welt bringen: Sie können den Tod des Kindes dadurch eher begreifen und sowohl psychisch als auch physisch besser verarbeiten. "Meistens hilft die Natur dabei, dass die Geburten doch ganz gut verlaufen. Der Körper überfällt die Frauen sozusagen. Es ist erstaunlich, aber von irgendwoher kommt die Kraft."

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Den Abschied so schön wie möglich gestalten

Im Kreißsaal bekommen die Eltern Gelegenheit dazu, das Baby in den Arm zu nehmen. Eibl unterstützt sie behutsam beim Abschiednehmen: "Man muss vorsichtig herausfinden, welche Bedürfnisse sie haben. Zum Beispiel bieten wir an, Fotos vom Kind zu machen und Fußabdrücke zu nehmen. So etwas ist wichtig, damit die Eltern später die Gewissheit haben: Es war ja da." Die Hebamme fügt hinzu: "Ich versuche dafür zu sorgen, dass die Geburt in einer schönen Erinnerung bleibt. Bei all ihrer Trauer spüren Eltern dann auch Dankbarkeit, dass sie das erleben durften. Wenn die Dinge gut laufen, kann ihnen das später viel Kraft geben."

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Wenn Martina Eibl solche Sätze sagt, klingen sie keineswegs zynisch. Glaubwürdig machen sie auch ihre eigenen Erfahrungen: Ihr zweites Kind ist ebenfalls früh gestorben. Und kurz nachdem ihr drittes Kind auf die Welt gekommen war, verunglückte ihr Mann tödlich. Obwohl der Unfall viele Jahre her ist, holt sie die Trauer immer noch ein - zum Beispiel dann, wenn sie allein mit den Töchtern Geburtstag feiert. "Trotz des großen Schmerzes ist da die Freude, dass die Kinder da sind. Das ist ein ambivalentes Gefühl."

Geburt und Sterben als Prozess

Bereits während ihrer Ausbildung vor rund 20 Jahren war Martina Eibl immer wieder mit dem Tod konfrontiert worden. Wenn Frauen Fehl- oder Totgeburten hatten, fehlten ihr damals aber die Worte. "Ich wusste nicht, was ich den Müttern sagen sollte." Als ihr 2006 die Sterbeamme Claudia Cardinal bei einem Vortrag begegnete, dachte sie: 'Genau das habe ich gesucht!' Daher begann Eibl kurz darauf eine Fortbildung zur Sterbeamme in Bad Abbach. Die Hamburger Heilpraktikerin Claudia Cardinal, die selbst Menschen beim Sterben und Trauern begleitet, gründete 2001 eine entsprechende Akademie. An mehreren Standorten in Deutschland bildet sie Sterbeammen oder Sterbegefährten aus, die Menschen in Lebenskrisen beistehen. Dass das Wort an „Hebamme“ erinnert, ist dabei ganz in ihrem Sinn: Sie sieht Geburt und Sterben als Prozess, den niemand kontrollieren, sondern nur begleiten kann.

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Der Besuch von Cardinals Seminaren und das Leben mit der eigenen Trauer haben dazu geführt, dass Martina Eibl heute völlig tabulos über den Tod spricht. Das kann für Trauernde, die oft keine Worte für ihre Gefühle finden, eine Wohltat sein: "Ich rede einfach darüber. Dadurch öffnen sich Türen." Neben ihrer Arbeit als Beleghebamme am Krankenhaus Landshut-Achdorf begleitet die 43-Jährige Menschen bei Abschiedsprozessen aller Art, sei es der Tod eines Angehörigen oder eine Trennung. Außerdem betreut sie Schwangere, die Ängste haben – etwa weil sie schon eine oder mehrere Fehlgeburten erlitten haben. Während Außenstehende einen Verlust in der frühen Schwangerschaft kaum wahrnehmen oder herunterspielen, fordert Eibl Frauen ausdrücklich dazu auf, sich das Recht auf Trauer zuzugestehen. "Ich frage die Frauen dann, ob sie dem Kind einen Namen geben möchten. Das kann sehr wichtig sein, und zwar auch für die Geschwister", sagt Eibl. "Manchmal kann es auch beim Abschiednehmen helfen, ihm einen Brief zu schreiben. Das macht nochmal klar: Das Kind hat wirklich existiert." Auch sie selbst sagt stolz: "Ich habe drei Kinder."

Sterbe- und Trauerbegleiterin Claudia Cardinal im Interview:

Die Heilpraktikerin Claudia Cardinal aus Hamburg arbeitet als Sterbe- und Trauerbegleiterin. An ihrer Akademie, die inzwischen Standorte in ganz Deutschland hat, bietet sie eine Ausbildung zur Sterbeamme beziehungsweise zum Sterbegefährten an.

Stammt der Begriff "Sterbeamme" von Ihnen?

Ja, ich habe den Begriff absichtlich gewählt. Es gibt so viele Analogien von Geburt und Sterben. Das eine Mal gehen wir in das Leben hinein, das andere Mal hinaus. Das sind die zwei natürlichsten Start- und Endpunkte, die wir haben.

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Welche Reaktionen löst dieses Wort bei Leuten aus?

Vor ein paar Jahren habe ich noch öfter gehört: Was ist das denn für ein furchtbarer Begriff! Wenn ich heute mit jemandem im Zug ins Gespräch komme und gefragt werde, was ich beruflich mache, überlege ich mir dreimal, was ich sage. Sonst hat mir innerhalb der nächsten fünf Minuten jeder Manager die Todesfälle seines Lebens erzählt. Man sieht, dass da ein ganz großes Bedürfnis ist. Der Begriff bleibt demjenigen auf jeden Fall im Kopf.

Ist die Arbeit einer Hebamme mit der einer Sterbeamme vergleichbar?

Ja, Sterben ist ein anstrengender Prozess, so wie die Geburt auch. In beiden Fällen reicht es nicht, nur ein bisschen zu lächeln und zu streicheln. Manchmal muss man jemanden wie eine Trainerin begleiten. Das heißt, ich muss den anderen zur Aktivität anspornen – egal, ob er bettlägerig ist oder nicht. Denn wer weiter denken kann, kann auch weiter handeln. Ich sehe in allen Institutionen, dass die großen Probleme im Abschiedsprozess, nämlich Sorge, Furcht, Angst und Panik, fast immer medikamentös behandelt werden. Das ist für mich keine Begleitung. Es geht darum, die Ängste zu verwandeln. Eine Sterbeamme soll einen Menschen so begleiten, dass für alle Beteiligten der größtmögliche Frieden möglich wird.

Kommt es öfter vor, dass sich bei Ihnen Hebammen fortbilden?

Ich glaube, wir haben mehr Hebammen als Männer. Der Männeranteil liegt bei uns bei etwa zehn Prozent. Derzeit habe ich eine Gruppe, in der sogar gleich drei Hebammen sind.

Wie hat sich in den letzten Jahren das Interesse an Ihrem Angebot entwickelt?

Wenn die Bekanntheit wächst, nimmt auch das Interesse zu. Derzeit laufen dreizehn oder vierzehn Gruppen mit jeweils zehn, 15 Personen. Und das ist schon eine ganze Menge. Angefangen habe ich mit einer Gruppe in Hamburg, die sechs Teilnehmer hatte.