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Sport für die Seele: “So fand ich nach dem Mord an meiner Schwester zurück ins Leben”

  • Vor sieben Jahren hat Katrin Biber ihre Schwester durch einen Mord verloren.
  • Mithilfe von professioneller Hilfe, Sport und ihrer Familie hat sie sich zurück ins Leben gekämpft.
  • Mit ihrem SeelenSport-Programm möchte sie auch anderen Trauernden helfen, nach dem Verlust eines geliebten Menschen ihre Seele zu heilen.
Gitta Schröder
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“Ich zeige euch nun eine wichtige Übung aus meinem SeelenSport-Programm.” Katrin Biber lächelt ihren virtuellen Followern zu. Dann legt sich die 34-Jährige auf eine Matte, streckt die Hände gen Himmel, zieht sich wie an einem imaginären Seil in die aufrechte Position, legt die Hände über dem Herzen zusammen und schließt die Augen. “Der ‘Sextant’”, sagt die Trainerin, die sich kurz Katy nennt, “stellt die Verbindung zum Verstorbenen dar. Eine Verbindung, die nie verloren geht.” Auch Katrins Verbundenheit mit ihrer Schwester Larissa blieb immer bestehen, obwohl diese 2013 von ihrem Freund ermordet wurde.

Die heitere, normale Welt brach in sich zusammen

“Larissas Vermächtnis” – mit dem autobiografischen Buch hat die Innsbruckerin ihrer jüngeren Schwester Larissa ein liebendes Andenken gesetzt. Sie beschreibt darin schonungslos die zermürbende Zeit, als gefühlt ganz Österreich – nämlich Freunde und Bekannte der Familie, die Polizei, Presse sowie soziale Netzwerke – nach der schönen 21-Jährigen suchte. Im September 2013. Angeblich sei sie nach der Party von ihrer Schwester Katy zu ihrem Freund gefahren – und dort in der Nacht verschwunden.

Erst als sich dieser in Lügen verstrickte und schließlich den Mord gestand, fand man Larissas Leichnam am Ufer des Inns. Für Katy und ihre Familie brach an diesem Punkt eine heitere, normale Welt zusammen. Das Leben davor war wie ausradiert. Verstört und unter Schock standen Katy, ihre beiden anderen jüngeren Schwestern, ihre Mutter und ihr Vater im unbarmherzigen Blitzlichtgewitter der Medien.

Alle Gefühle zu- und auch wieder loslassen

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“Zum Glück hatten wir damals Hilfe vom Kriseninterventionsteam der Polizei, das uns auch die furchtbare Nachricht überbrachte”, erinnert sich Katrin Biber. “Und es war gut, dass wir als Familie danach acht Monate lang zum Familientherapeuten gingen, um den Mord an Larissa zu begreifen und darüber zu reden, wie jeder von uns sehr unterschiedlich mit seiner Trauer umging.” Professionelle Unterstützung unbedingt annehmen – das empfiehlt die 34-jährige Autorin jedem Trauernden in ihrem Buch, das auch wie ein Art Ratgeber für Trauernde fungiert. Aus diesem Grund schildert Katrin Biber auch sehr schonungslos und ausführlich, wie die immer wiederkehrenden Wellen der Verzweiflung, der grenzenlosen Überforderung, der zähen Trauer und des trüben Nichts ihr altes, unbeschwertes Leben mit brachialer Wucht fortspülten und ein neues zunächst unmöglich machten. Die vielen Gesichter der Trauer werden in Katrin Bibers Buch so deutlich, dass auch Angehörige von Trauernden viel über deren Seelenleben erfahren können. Dazu zählen zum Beispiel auch Schuldgefühle der “Überlebenden”. Wie im Fall von Katrin Biber, die etliche Einzeltherapiesitzungen damit zubrachte, über ihre Schuldgefühle zu sprechen. Denn Larissa war an jenem besagten Tag ja zu ihr, der großen Schwester, gefahren, um eine Party zu feiern und um ihr den neuen Internetfreund vorzustellen. Und sie – Katy – hatte sogar noch mitbekommen, wie dieser Typ eifersüchtig und beleidigt abzog und wie ihm ihre kleine Schwester Larissa wenig später folgte. Heute weiß Katrin Biber, dass niemand ahnen konnte, wie diese Eifersuchtstirade enden würde. Und dass sie als große Schwester keinerlei Schuld trifft.

Erst gehen, dann laufen und schließlich die Seele heilen

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Eine Erkenntnis, die auch mithilfe ihres Tagebuches langsam reifte. Denn in dem Notizbuch hatte Katrin Biber nach Larissas Verschwinden all ihre Gedanken zu Papier gebracht und besprach diese wiederum mit ihrer Therapeutin. Auf diese Weise bildete das Tagebuch das Grundgerüst für das heute 300 Seiten lange Buch “Larissas Vermächtnis”. “Ich wollte damit eine Geschichte über Liebe, Trauer und Zuversicht schreiben. Und vor allem wollte ich meine lebensbejahende Schwester in den Mittelpunkt stellen – nicht den Täter”, betont die Autorin. Das Buch von Katrin Biber endet übrigens am Tag des Prozessendes – aber sehr ungewöhnlich. Wie genau, soll hier nicht verraten werden. Verraten werden darf allerdings, dass Katrin Biber ihren früheren Traumjob als Mittelalterhistorikerin an den Nagel hängte, um stattdessen als Trauer-Bloggerin und SeelenSport-Trainerin Katy neu durchzustarten (siehe Interview). Denn damals, etliche Monate nach Larissas Tod – als Katrin am Tiefpunkt ihrer Trauer angelangt war, büschelweise Haare verlor, Neurodermitis und Panikattacken bekam und ständig zum Alkohol griff, um den Schmerz wegzuspülen –, damals nahm sie sich ein Beispiel an ihrer extrem sportlichen Schwester Larissa. Mit Bewegung, Laufen und Krafttraining kam Katrin langsam wieder auf die Füße. Aus langsamem Gehen wurde geschmeidiges Laufen, aus gezieltem Krafttraining entsprang die Motivation für Fortbildungen in Pilates, Qigong, Yoga, Personal Training und Trauerbegleitung. Und aus zaghafter Freude wurde schließlich Begeisterung – auch für ihren Trainingskollegen Benni, mit dem sie heute glücklich zusammenlebt.


Mit Sport die Seele heilen

Sechseinhalb Jahre nach dem Mord an ihrer Schwester sprudelt Katrin Biber heute nur so vor Ideen, Lebensfreude und Kraft. Ganz im Sinne von Larissa, zu der sie nie die tiefe Bindung verlor. Im Interview beantwortet sie ein paar Fragen.

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Was steckt hinter SeelenSport – Ihrem Programm für Trauernde?

Das Hauptprinzip von SeelenSport ist, die Trauer über einen verstorbenen Menschen oder einen anderen Verlust durch die Kraft von Gefühlen und Bewegung zu verarbeiten. Mithilfe von über 50 Übungen, die ich mit positiven Geschichten kombiniere, werden Körper und Seele gleichsam gestärkt.

Wie sprechen Sie Betroffene an?

Einerseits mit meinem Buch “Larissas Vermächtnis”, über meine Homepage www.seelensport.at, mithilfe meiner Youtube- und Instagram-Accounts oder über mein Büro in Innsbruck, das an ein Bestattungsinstitut angedockt ist. Zudem gehe ich in Schulen, erzähle Larissas Geschichte und biete Anti-Gewalt-Trainings für Mädchen an.

Zuspruch von der Familie

Wie findet Ihre Familie Ihr sehr persönliches Buch?

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Mein Vater sagt, er habe nie etwas Besseres gelesen und ist sehr beeindruckt. Meine Mutter freut, dass ich sie zwar etwas unterkühlt geschildert hätte, aber so sei sie ja auch wirklich gewesen, weil sie für uns Kinder stark sein wollte. Und meine Schwestern haben mich sofort darin bestärkt, mein Buch zu veröffentlichen, an dem ich rund fünf Jahre gearbeitet habe.

Wie geht es Ihren Schwestern heute?

Zum Glück stehen meine beiden Schwestern wieder fest im Leben. Und sie haben wie ich gute Freunde und Partner, die plötzliche Trauereinbrüche verkraften, die oft aus heiterem Himmel kommen oder an Feier- oder Geburtstagen.

Welche Strafe hat der Mörder Ihrer Schwester eigentlich erhalten?

Er bekam 20 Jahre mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Wieder Vertrauen fassen – vor allem in Männer

War es schwer für Sie, einem Mann wieder zu vertrauen?

Ja. Als ich Benni Ende 2015 beim Sport kennenlernte, hatte ich große Angst vor Männern und konnte nur schwer Vertrauen aufbauen. Kochten Benni und ich zum Beispiel zusammen und er wollte mit einem Messer Gemüse putzen, reagierte ich sofort mit Fluchtgedanken. Und wenn er bei mir übernachtete, schlief ich an der Bettaußenkante und bei geöffneter Tür. Es dauerte, bis ich mich ganz auf Benni einlassen konnte, aber er ist zum Glück sehr einfühlsam und rücksichtsvoll.

Wann haben Sie ihm von Ihrer Schwester erzählt?

Nach etwa eineinhalb Monaten, als ich merkte, dass es ernst zwischen uns wird, erzählte ich vom Tod meiner Schwester, denn meine Trauer war ein wichtiger Teil von mir. Ich weinte so oft los oder zog mich zurück, weil ich Ruhe brauchte. Und wie gesagt war da diese Angst vor Männern. Damit Benni dieses Verhalten verstehen konnte, musste ich ehrlich zu ihm sein. Zum Glück bedankte er sich bei mir für meine Offenheit. Und er meinte: “Nun verstehe ich auch, warum du so lebendig wirkst und so intensiv lebst.”

“Staat, Sex, Amen”
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