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Sozialarbeiter über Corona und Familien: “All das wird schnell zu einer explosiven Mischung”

  • Steffen Müller arbeitet in der sozialpädagogischen Familienhilfe.
  • Derzeit sind der Sozialpädagoge und seine Kollegen oft die Einzigen, die Familien in schwierigen Lebenssituationen unterstützen.
  • Ein Protokoll aus einem Job, der durch das Coronavirus noch wichtiger geworden ist.
Birk Grüling
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In Zeiten, in denen Kindertagesstätten und Schulen weitestgehend geschlossen sind und das Jugendamt vor allem zum Telefon greift, sind meine Kollegen und ich oft die Einzigen, die regelmäßig Familien mit großem Unterstützungsbedarf besuchen. Wir sind quasi der Notfallplan der Jugendämter. Konkret bedeutet das: Ich besuche die Familien zu Hause und unterstütze sie in ihrem Alltag. Die Bandbreite der Fragen ist groß.

Es geht um stärkende Familienrituale wie ein gemeinsames Abendbrot, Probleme in der Schule oder eine kindgerechte Freizeitgestaltung abseits von Youtube und Playstation. In manchen Familien muss ich auch darauf achten, dass die Wohnung sauber und kindersicher ist, die Kinder regelmäßige Mahlzeiten bekommen oder täglich in die Schule gehen.

Natürlich habe ich auch mit “ganz klassischen“ Familienkonflikten zu tun – Konflikte in der Pubertät, Stress um Schulnoten oder Trennung der Eltern. Ganz wichtig: Ich stelle mich nicht mit erhobenem Zeigefinger vor die Familien, sondern leiste Hilfe zur Selbsthilfe. So kommen die Ziele, an denen wir gemeinsam arbeiten, auch von den Eltern selbst. Ich helfe ihnen dabei, sie auch in die Tat umzusetzen. Natürlich steht bei all dem das Wohl der Kinder im Mittelpunkt.

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Bisher nicht mehr Anfragen durch die Corona-Krise

Ganz freiwillig ist meine Unterstützung meistens nicht. Besteht eine akute Gefahr für Kindeswohlgefährdung, kann die Betreuung zum Beispiel durch ein Familiengericht angeordnet werden. Oft kommen die Eltern auch auf mehr oder weniger sanften Druck durch das Jugendamt zu uns. Wir sind in diesen Fällen so etwas wie die letzte Bewährungschance, bevor die Kinder aus den Familien genommen werden. Natürlich haben wir auch Fälle, in denen die Eltern sich selbst ans Jugendamt wenden und um Hilfe bitten. Das Ziel ist immer das gleiche: Wir sollen die Probleme lösen und das System Familie so weit stabilisieren, dass das Wohl der Kinder nicht gefährdet ist und sie bei ihren Eltern bleiben können.

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Einen starken Anstieg der Fallanfragen erleben wir bisher noch nicht. Wie in vielen Bereichen der Jugendhilfe liegt das aber vor allem an den fehlenden Kontrollinstanzen. Normalerweise werden die Jugendämter durch Schulen, Kitas oder Sportvereine auf die Situation in den Familien aufmerksam gemacht und schalten uns danach ein. Dieser Blick auf die Kinder fällt im Moment weg. Ähnliches beobachten wir auch in den Sommerferien. In dieser Zeit der Schul- und Kita-Schließungen bekommen wir auch nur sehr wenige Fallanfragen.

Vermutlich werden wir den großen Anstieg an Fällen erst erleben, wenn die Schulen und Kita wieder weitgehend geöffnet sind. Umso froher bin ich über die ersten Schritte in diese Richtung. Mit jeder weiteren Woche der Kita- und Schulschließung steigt aus meiner Sicht die Gefahr für Kinder, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden – längst nicht nur in den Familien, die als “sozial benachteiligt“ gelten.

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Viele Familien werden täglich besucht

Die eigentliche Arbeit mit den Familien hat sich dagegen durch die Corona-Pandemie kaum verändert. Homeoffice oder Beratung per Videochat sind in der ambulanten Familienhilfe eher die Ausnahme. Alle Gefährdungsfälle – also Familien, in denen das Kindeswohl akut gefährdet ist – müssen wir sogar regelmäßig besuchen. Einige meiner Klienten besuche ich im Moment täglich und schaue nach, ob es den Kindern gut geht und die Wohnung sauber ist. Bei den “leichteren“ Fälle reicht manchmal auch ein Anruf, um nach der Stimmung in der Familie zu fragen und ein paar akute Fragen zu klären. Aber auch bei ihnen schaue ich wenigstens einmal pro Woche vorbei.

Auch bei Eltern, die nur wenig Deutsch sprechen, ist der persönliche Kontakt immens wichtig. Ihnen helfe ich zum Beispiel dabei, Elternbriefe aus der Schule oder Kita zu verstehen oder Anträge für die Behörden auszufüllen. Ihnen solche komplizierten Dinge am Telefon zu erklären, wäre kaum möglich. Das ist auch im persönlichen Gespräch, mit Händen und Füßen, schon schwer genug. Natürlich versuche ich während der Gespräche Abstand zu halten, einen Mundschutz trage ich aber nicht. Dafür ist mir die Mimik und Gestik im täglichen Umgang mit den Menschen einfach zu wichtig. Weil ich die Familien oft über Monate, wenn nicht sogar Jahre begleite, brauche ich ihr Vertrauen und ihre Bereitschaft, mit mir zusammenzuarbeiten. Und das geht nur über eine intensive Beziehungsarbeit – gerade in so angespannten Zeiten wie diesen.

Gleiches gilt übrigens auch für meinen zweiten Arbeitsbereich, den Erziehungsbeistand. Hier arbeite ich mit Jugendlichen in schwierigen Lebensphasen. Auch hier ist der persönliche Kontakt wichtig, Telefonate würden in den meisten Fällen ins Leere laufen. In Zeiten von Corona verabrede ich mich oft zum Spaziergang. Dabei kann man gut reden und Abstand halten. Außerdem kommen viele Jugendliche wenigstens mal vor die Tür und sitzen nicht nur in ihrem Zimmer vor der Playstation.

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Jugendliche leiden unter Corona-Beschränkungen

Sowohl die Familien als auch die Jugendlichen leiden stark unter den derzeitigen Einschränkungen des Alltags. Viele von ihnen hatten auch schon vor Corona 100 Baustellen. Und nun kommt noch einiges dazu: Existenzängste durch Kurzarbeit oder die Pleite von Betrieben, die Sorge um ältere Angehörige, das Wegfallen der Kinderbetreuung in Schule und Kita, der tägliche Spagat zwischen Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung. Viele der Familien leben außerdem auf sehr beengtem Wohnraum. All das wird schnell zu einer explosiven Mischung.

Ganz ähnliche Beobachtungen mache ich auch bei den Jugendlichen. Die lange Zeit ohne Freunde und Schule zerrt auch an ihren Nerven. Die Konflikte mit den Eltern nehmen zu. Deshalb arbeite ich derzeit mit den Familien vor allem “Entlastung-Strategien”. Zum Beispiel dürfen in solch besonderen Zeiten auch besondere Regeln gelten. So ist es einfach mal ok, wenn die Kinder eine Stunde länger vor der Playstation verbringen und es dafür keinen Streit um Medienzeiten gibt.

Ein weiteres wichtiges Thema ist es, Auswege für Situationen zu finden, in denen die Eltern merken, dass sie nicht mehr weiterwissen und kurz davor sind,aus der Haut zu fahren. Hier suchen wir nach kurzen Entlastungen in den eigenen vier Wänden – einmal kurz auf den Balkon oder in die Küche zu gehen und durchzuatmen, wirkt oft Wunder.

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Manche Familien entdecken aber auch positive Aspekte der Krise – zum Beispiel mehr gemeinsame Zeit für Spiele oder Gespräche. Dinge, die sonst in einem sehr hektischen Alltag manchmal hinten runterfallen.

Protokolliert von Birk Grüling

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