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Ein SOS-Kinderdorf der besonderen Art: Hilfe in der “Hochburg der Alleinerziehenden”

  • Mit einem SOS-Kinderdorf verbindet man in der Regel Pflegefamilien und schwere Kinderschicksale.
  • Dem Hamburger Stadtteil Dulsberg sieht man seine Probleme nicht unbedingt an. Doch hier wächst jedes zweite Kind hier mit nur einem Elternteil auf.
  • Das SOS-Familienzentrum Dulsberg leistet wichtige Präventionsarbeit. Ein Besuch.
Birk Grüling
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Im Kinderkleiderladen Klecks - so etwas wie das Herzstück des SOS-Familienzentrums Hamburg Dulsberg - ist es an diesem Dienstagvormittag ruhig. Nur eine Mutter hat ihren Kinderwagen am Spielzeugregal geparkt und stöbert nach einer Jacke für den Herbst. Gaby Schuldt hat endlich Zeit, eine der großen Umzugskisten mit Kleiderspenden auszupacken. Feinsäuberlich faltet sie Bodys, Hosen und Pullover. 20 Cent kosten hier die meisten Kleidungsstücke, drei Euro nur ein fast neuwertiger Schneeanzug. Auch Kinderbücher, Schuhe und Spiele stapeln sich in den übervollen Regalen, preiswert und gut erhalten. Einkaufen kann im Kleiderladen jeder, ganz ohne Bedürftigkeitsprüfung.

Bis zu 40 Eltern kommen pro Tag hierher, zum Saisonwechsel im Frühling und Herbst bilden sich Schlangen bis auf die Straße. „Für viele unserer Kunden sind wir mehr als nur ein Laden. Beim Einkauf kommt man schnell ins Gespräch, hört von Sorgen und Nöten, hilft wo kann man“, sagt Schuldt.

Die Probleme stechen nicht gleich ins Auge

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Sorgen und Nöte, davon gibt es in Hamburgs kleinsten Stadtteil genug, auch wenn die Probleme nicht gleich ins Auge stechen. Die Straßen sind sauber, die historischen Fassaden aus den 1920er Jahren gut erhalten. Es gibt viel Grün. Doch die Arbeitslosigkeit ist deutlich höher als im Rest der Stadt, viele Familien beziehen staatliche Hilfen. Jedes zweite Kind wächst mit nur einem Elternteil auf - die Hochburg der Alleinerziehenden.

Gaby Schuldt arbeitet im Kinderkleiderladen Klecks.

Ein sozialer Brennpunkt sei Dulsberg trotzdem nicht, sagt Torsten Rebbe, Einrichtungsleiter des SOS-Kinderdorf Hamburg. Er spricht lieber von einem Dorf in der Stadt, von Hilfsbereitschaft, von Zusammenhalt. Seit fast 40 Jahren ist das SOS-Kinderdorf im Stadtteil präsent. Anfangs als Beratungsstelle für ehemalige Kinderdorfkinder, die volljährig den Sprung in die Großstadt wagten, heute als Familienzentrum mit breitem Unterstützungsangebot.

Neben dem Secondhandladen gibt es Bewegungs- und Musikkurse, eine Hausaufgabenbetreuung, eine offene Krabbelgruppe, Elterncoaching und Erziehungsberatung. An drei Tagen in der Woche öffnet außerdem das Familiencafé Krümel. Dienstags und mittwochs mit einem günstigen Mittagstisch und selbstgebackenen Kuchen, am Freitag mit Frühstücksbuffet. „Wir bündeln hier Angebote und Wissen für Eltern und wollen Anlaufstelle für Probleme sein. Dafür darf man niemanden überfallen, sondern muss eine vertraute Atmosphäre schaffen“, erklärt Rebbe das Konzept.

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SOS-Familienzentren in Großstädten

Präventionsarbeit, Engagement in sozialen Brennpunkten, Unterstützung für sozial benachteiligte Familien – seit den 2000er gehört genau das immer stärker zu der Arbeit von SOS-Kinderdorf Deutschland. Gerade in den Großstädten wie Berlin oder eben Hamburg entstanden SOS-Familienzentren mit Elternberatung, ambulanten Hilfe für Familien und teilweise sogar mit Kindergarten. „Dieser Teil unserer Arbeit ist nur unbekannter, weil lange das Bild der „Kinderdorffamilien“ stärker war“, erklärt Rebbe. Aus seiner Sicht sei die „Verbreiterung“ der Arbeit aber nur logisch: Kinder und ihre Familien stehen im Vordergrund, die Arbeit setze nur eben früher und anders an.

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Bereits in den 90er Jahren startete Hamburg in Dulsberg eins seiner ersten Stadtteilentwicklungsprogramme. Die Stadt wollte damals mehr Begegnungsorte im Viertel schaffen. Denn die Wohnungen hinter den schlichten Backsteinfassaden sind zwar günstig, aber oft sehr klein – zu eng für tobende Kinder, zu eng für ein Kaffee mit allen Nachbarn. Aus der Stadtteilarbeit entwickelte sich im Laufe der Jahre wohl eins der dichtesten Netzwerke für Familien in der Hansestadt. Heute engagieren sich neben dem SOS-Kinderdorf noch etwa 40 Sozialträger für die Familien in Dulsberg.

Zuhören ist ein wichtiger Teil der Arbeit

Auch das SOS-Familienzentrum und sein Familiencafé Krümel ist für viele Mütter (und wenige Väter) längst ein wichtiger Anlaufpunkt – für Gespräche mit Erwachsenen an zähen Elternzeit-Tagen, für einen Kaffee, wenn einem in der eigenen Wohnung die Decke auf den Kopf fällt, für unkomplizierte Hilfe bei allen Fragen rund ums Kind.

Der Milchkaffee von Claudia Töllner-Heinrich steht seit einer ganzen Weile unberührt auf dem Holztisch. Gerade unterhält sich die Projektleiterin der Stadtteilmütter Dulsberg mit einer jungen Frau, die auf dem Weg zum Einkaufen im Familienzentrum vorbeigeschaut. Ihr Kind schläft seelenruhig im Tragetuch.

Sie sei schon öfter an dem Café vorbeigekommen, erzählt die Mutter. Sie wohnt noch nicht lange im Stadtteil, ist auf der Suche nach Krabbelgruppen. Töllner-Heinrich nickt, wiegt mehrere Flyer in ihrer Hand, lächelt. Zuhören ist ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Gemeinsam mit sechs anderen, extra geschulten Stadtteilmütter engagiert sie sich für Familien aus Dulsberg - manchmal mit kleinen Tipps in Sachen Erziehung oder Babyernährung, manchmal begleitet sie auch zu Amtsterminen oder Elterngesprächen in der Schule. Manchmal sind sie einfach nur Gesprächspartnerinnen beim Mittagstisch.

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Immer ein offenes Ohr

Auch Katja F. ist heute für einen leckeren Chili-Eintopf und ein bisschen Quatschen vorbeigekommen. Konkrete Fragen an die Stadtteilmütter hat sie nicht, in Sachen Erziehung hat sie selbst Routine. Zwei Kinder hat die 33-Jährige alleine erzogen – typisch Dulsberg eben. Vor einigen Monaten kam das dritte Kind, ihre jetzige Beziehung hielt. Der kleine Junge räkelt sich vergnügt auf einer Spieldecke, während seine Mutter erzählt. Das Dritte sei etwas ungeplant gewesen, die Spiralverhütung versagte. Statt Berufseinstieg nach der dritten Umschulung heißt es nun Elternzeit. Mindestens einmal pro Woche schaut sie im Moment im Familiencafé vorbei. „Das erste Mal war ich mit meinem ältesten Kind hier, zur Rückbildung. Schon damals hat mir die familiäre Atmosphäre gefallen. Es ist frei und ungezwungen, ich kann fünf Minuten bleiben oder zwei Stunden“, sagt sie. Und bei Fragen gebe es immer ein offenes Ohr und einen gutgemeinten Rat.

Bald wird sie seltener kommen, in wenigen Wochen zieht sie mit den drei Kindern und ihrem neuen Mann in einen benachbarten Stadtteil, in eine größere Wohnung. Auch wenn die Vorfreude überwiegt, liegt auch etwas Wehmut in ihrem Abschied vom Familienzentrum, von dem Dorf in der Stadt, von der Hochburg der Alleinerziehenden.