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Sollte man als Eltern länger um eine zerrüttete Beziehung kämpfen?

  • Wenn man jahrelang verheiratet ist und gemeinsame Kinder hat, schläft die Beziehung manchmal ein.
  • Aber was, wenn die Beziehung gar nicht mehr intakt ist? Eine Trennung oder wegen der Kinder um die Beziehung zu kämpfen, auch wenn es schon zu spät scheint?
  • Unsere Paartherapeuten Marga Bielesch und Daniel Konermann raten auf jeden Fall zu Reflexion und Ehrlichkeit.
Birk Grüling
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Leserfrage – Kämpfen, Ja oder Nein

Meine Frau und ich haben zwei gemeinsame Kinder und sind seit über zehn Jahren verheiratet – wie bei allen Paaren mit Höhen und Tiefen. In letzter Zeit überwiegen aber die Tiefen. Ich habe das Gefühl, dass wir uns auseinandergelebt und uns immer weniger zu sagen haben. Manchmal denke ich sogar über eine Trennung nach. Auch meine Frau hat im Streit schon öfter gesagt, dass sie eigentlich die Scheidung möchte. Das würde ich nur ungern meinen Kindern antun. Aber lohnt es sich wirklich, um eine Beziehung zu kämpfen?

Eltern sein, Paar bleiben: In unserer Kolumne "Lass uns reden" unterstützen die Paartherapeuten Daniel Konermann und Marga Bielesch Eltern und Paare in ihrer Rolle und helfen dabei, leidige Konflikte hinter sich zu lassen. © Quelle: Gina Patan
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Marga Bielesch meint:

Dass du dich fragst, ob es überhaupt Sinn macht, um die Beziehung zu kämpfen, kann ich gut verstehen – gerade, wenn die Situation ausweglos erscheint. Und überhaupt: Sich schwierigen partnerschaftlichen Themen zu stellen und nicht einfach einen Schlussstrich zu ziehen, bedarf einer gehörigen Portion Mut und Ausdauer. Dass es, wenn man einen Weg gemeinsam beschreitet, auch mal steinig sein wird, ist normal. Auseinandersetzungen und Reibung gibt es in jeder Beziehung, manchmal dauern sie nur wenige Stunden, manchmal auch Tage oder Wochen. Krisen haben immer auch etwas Gutes. Wenn Paare eine gemeinsame Krise überwinden, wird sich die Beziehung zueinander vertiefen. Damit aus einer Mücke kein Elefant wird, ist es wertvoll solche Alltagskonflikte zeitnah anzusprechen. Alles, was sich nämlich anstaut, kommt irgendwann doppelt so heftig wieder raus.

So entstehen oft auch jene Momente, in denen die Situation besonders aussichtslos ist und die Trennung als einziger Ausweg erscheint. Gründe dafür gibt es viele: Manchmal hat man zu wenig Zeit füreinander oder die Vorstellungen über Erziehung oder Lebensmodelle gehen zu weit auseinander. Auch wenn Partner sich nicht weiterentwickeln und die Beziehung nicht mehr wächst, wird es schwierig. Jedes Paar geht anders mit solch einer Situation um. Einige tragen ihre Konflikte offen aus und gehen in den Angriff - andere ziehen sich eher zurück. Aus der Krise führen beide Wege allerdings nicht.

Zur Person: Marga Bielesch ist Paartherapeutin und lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Weimar. In ihrer Praxis begleitet sie Paare und Familien in schwierigen Lebenssituationen. Sie ist Mitgründerin der THEKLA -Thüringer Eltern Kind Lern und Aktivkurse. © Quelle: Susann Mueller
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Ohne Veränderung keine Verbesserung

Um Krisen zu überstehen bedarf es einer neuen Form, neuer Energie, neuer Kraft und einer neuen Vision. Streitpaaren ist zu empfehlen aus ihren Konflikten das Tempo rauszunehmen. Es ist wichtig, dass Dialoge entschleunigt werden, damit der Schlagabtausch der Streitgespräche beherrscht, weniger Raum bekommt. Richtig streiten zu lernen, braucht Durchhaltevermögen und jede Menge Übung. Wesentlich dabei ist, den anderen ausreden zu lassen, langsamer miteinander zu kommunizieren und Ich-Botschaften zu senden. Paare, die sich nur noch anschweigen, dürfen versuchen, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Das ist manchmal gar nicht so leicht. Um partnerschaftliche Sprachbarrieren zu überwinden, reichen anfangs kurze Gespräche, gerne auch über leichte Themen. Schritt für Schritt bewegt man sich so wieder aufeinander zu. Später und bei einer spürbaren Verbesserung des Miteinanders dürfen sich Partner an die schweren Themen wagen. Aber Achtung: Beide sollten die persönlichen Grenzen des Partners immer im Blick behalten! In Krisen gilt außerdem: Alles, was bis jetzt gut funktioniert und gestärkt hat, darf so bleiben wie es ist. Alles andere braucht eine Veränderung. Schnelle Lösungen können zwar kurz zielführend sein, richtige Veränderungen aber brauchen Zeit. Gebt euch die! Sich schwierige Themen einmal genauer anzuschauen, lohnt sich. Schafft ihr es als Paar nicht allein, könnt ihr euch gerne Hilfe von außen holen – und zwar von einer neutralen Person und keinem Familienmitglied oder Freund*in. In dem ganzen Prozess ist es wichtig, die Ursache für die Krise nicht nur beim anderen zu suchen, sondern selbst Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen. Stellt euch mal selbst die Frage: Was ist mein Anteil am großen Ganzen? Was habe ich dazu beigetragen, dass es aktuell so ist wie es ist?

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Daniel Konermann meint:

Auf eine so allgemeine Frage lässt sich natürlich keine gültige Antwort geben. Ohne Details der Situation zu kennen, kann man von außen kaum beurteilen, ob es sich für euch lohnt, zu kämpfen. Grundsätzlich gilt, dass die aktive Arbeit an der Partnerschaft auf jeden Fall und immer wieder unumgänglich ist, um sie auf lange Sicht lebendig und gesund zu halten. Und das verhindern natürlich nicht automatisch, dass es auch mal längere oder kürzere Durststrecken gibt. Dann ist die Frage wichtig: Wofür bin ich bereit meine Energie weiter einzusetzen? In meine Beziehung? Oder doch eher in ein neues Leben?

„Auseinandergelebt“ – Was heißt das eigentlich? Wenn die Kontaktflächen und Möglichkeiten zum gemeinsamen Erleben in der Beziehung fehlen, kann das viele Gründe haben. Habt ihr euch innerlich abgewandt, also den Fokus woanders hingerichtet – auf die Arbeit, die Kinder oder auf einen andere, attraktiver erscheinenden Menschen, dann verliert die Beziehung irgendwann ihre Lebendigkeit. Es fließt kein frisches Blut mehr durch ihre Adern, es kommt keine neue Energie hinein. Dann kann es sich lohnen, nach all dem, was exkommuniziert wurde, also aus dem Kontakt herausgenommen wurde, zu schauen: Was habt ihr euch verschwiegen und vorenthalten? Vielleicht auch, um den anderen zu schonen, oder weil ihr dachtet: Es bringt nichts, drüber zu sprechen?

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Je mehr Dinge zwischen euch geschehen, die nicht in Kontakt gebracht werden, desto blutleerer wird euer Kontakt. Wenn sich Paare in Restaurants schweigend gegenüber sitzen, liegt das häufig nicht daran, dass sie sich nichts mehr zu sagen hätten, sondern daran, dass die Dinge, die sie sich zu sagen hätten, zu heikel sind. Häufig werden dann gewisse verletzliche Themen verschwiegen, auf eigene Bedürfnisse verzichtet, Phantasien oder Träume nicht mehr geteilt, aus Angst vor Frustration oder Zurückweisung. Stattdessen bewegt man sich in den wohlbekannten Gebieten der gefühlten rechtmäßigen, vorwürflichen Frustration, die sich in den immer gleichen Streitthemen wiederholen.

Zur Person: Daniel Konermann ist psychologischer Psychotherapeut und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Heidelberg. Er hat eine Praxis für Einzel- und Paartherapie und gibt regelmäßig Fortbildungen zum Thema Achtsamkeit & Burnoutprophylaxe. © Quelle: Thilo Ross

Ersetzt die Entweder-Oder-Frage doch einmal mit einer offenen Forschungsfrage. Statt „Soll ich mich trennen oder nicht?“ fragt Euch doch einmal: Welche Aspekte meiner Selbst halte ich bislang aus der Beziehung heraus oder habe den Eindruck, ich kann sie in der Beziehung nicht leben? Die Erkundung dieser Frage veranlasst möglicherweise eher zur Neugier, was geschieht, wenn ich mich immer vollständiger gegenüber meinem Partner zeige. In der Regel empfinden wir wieder „Zukunft“, wenn in diesen Bereichen eine Veränderung oder einfach nur Bewegung zu spüren ist. Hoffnung und Zuversicht in der Beziehung sind also weniger davon abhängig, ob wir eine Lösung gefunden haben, sondern vielmehr ob wir das Gefühl haben, dass sich unser Schiff in die richtige Richtung bewegt.

Hierfür kann es helfen, das Gespräch noch einmal neu miteinander zu suchen. Nehmt euch die Zeit, um euch behutsam den verschwiegenen Themen anzunähern und nach und nach die Dinge wieder auszusprechen, die euch ausmachen und die ihr euch in einer Partnerschaft wünscht. Dabei kann Reibung und auch Angst entstehen - wenn sie Lebendigkeit erzeugt, muss das nicht schlecht sein. Es kann natürlich auch zu Enttäuschung und Frustration kommen, aber dann bekommt ihr mehr Klarheit darüber, wo es sich lohnen kann, sich einzusetzen und wo nicht.

Man muss seine inneren Gefühle erforschen

So oder so: Wenn wir um etwas kämpfen, ist immer auch die innere Haltung entscheidend: Wer in mir kämpft da eigentlich? Manchmal ist es in Partnerschaften so, dass die inneren Kinder dafür kämpfen, dass der Partner einen nicht verlässt und zwar indem man versucht, ihm oder ihr alles recht zu machen und sich unterordnet. Das ist selten dauerhaft von Erfolg gekrönt, auch weil es auf den Partner oft nicht attraktiv wirkt. Und Mitleid ist in der Regel kein guter Grund, um zu bleiben. Erwachsen sein heißt: Ich bin bereit, Verantwortung für meine Bedürfnisse zu übernehmen. Ich habe etwas zu geben und kann aus meiner Komfortzone herausgehen, Dinge riskieren, vielleicht auch Dinge opfern, aber ich weiß, dass ich im Zweifel auch alleine leben kann. Wenn wir uns das bewusst machen, sind wir wieder frei zu entscheiden, ob wir diese Partnerschaft wirklich noch wollen.

RND/aufgezeichnet von Birk Grüling

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