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Autorin Sarah Diehl im Interview

„Immer mehr Frauen entscheiden sich für das Alleinsein, weil sie keinen Bock mehr auf eine lieblose Ehe haben“

Das Alleinsein ist wichtig, um uns selbst und unsere echten Bedürfnisse besser kennenzulernen.

Das Alleinsein ist wichtig, um uns selbst und unsere echten Bedürfnisse besser kennenzulernen.

Frau Diehl, Ihr Buch trägt den Titel „Die Freiheit, allein zu sein“. Was ist damit gemeint?

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Ich will damit ausdrücken, dass das Alleinsein nicht nur etwas ist, was man vermeiden und vor dem man Angst haben muss. Es wird zwar oft als ein passiver Zustand wahrgenommen, man fühlt sich ausgeschlossen von der Gemeinschaft. Man kann es aber auch als Raum erleben, den man aktiv gestalten kann. Es gibt Handlungsoptionen, um sich mit sich selbst komplett zu fühlen.

In Ihrem Buch erzählen Sie auch von Menschen, die sich monatelang allein in die Natur zurückziehen. Das ist doch sicher nicht für jeden das Richtige?

Solche Beispiele habe ich gewählt, weil sie gut illustrieren, dass das Alleinsein als Bereicherung empfunden werden kann. Es müssen ja aber nicht immer gleich Wochen in der Einsamkeit sein. Manchmal kann es schon genügen, einen Tag lang allein eine Fahrradtour zu unternehmen.

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Sarah Diehl ist Buchautorin und setzt sich als Aktivistin für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen ein. 2012 erschien ihr Buch „Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich“. Seit 2020 gibt Diehl Seminare, in denen Männer und Frauen herausfinden können, wie groß ihr Kinderwunsch ist. In ihrem neuen Buch „Die Freiheit, allein zu sein. Eine Ermutigung“ beschäftigt sie sich mit der Frage, welche Chancen Zeiten des Alleinseins bieten, und schlägt neue Modelle des gemeinschaftlichen Zusammenlebens vor.

Sarah Diehl ist Buchautorin und setzt sich als Aktivistin für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen ein. 2012 erschien ihr Buch „Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich“. Seit 2020 gibt Diehl Seminare, in denen Männer und Frauen herausfinden können, wie groß ihr Kinderwunsch ist. In ihrem neuen Buch „Die Freiheit, allein zu sein. Eine Ermutigung“ beschäftigt sie sich mit der Frage, welche Chancen Zeiten des Alleinseins bieten, und schlägt neue Modelle des gemeinschaftlichen Zusammenlebens vor.

Sie glauben, dass das Alleinsein vielen auch deshalb schwerfällt, weil es gesellschaftlich und in unseren Köpfen so negativ besetzt ist. Warum ist das eigentlich so?

Wir lernen schon früh, dass wir durch die Anerkennung anderer einen Wert bekommen. Das ist in der Familie so, und auch das Schulsystem trägt dazu bei. Das internalisieren wir: Um uns wertvoll zu fühlen, müssen wir die Wertmaßstäbe anderer erfüllen. Ich kann mir aber auch selbst einen Wert geben, das sind nur die meisten von uns nicht gewohnt.

Ich liege abends immer eine halbe Stunde einfach nur so da und kann beobachten, wie sich die Eindrücke des Tages wie von selbst sortieren.

Sie kritisieren, dass die Arbeitswelt und unser gesellschaftliches System uns wenig Freiräume lassen, um uns auf uns selbst zu besinnen.

Das System gibt uns das Gefühl, wir müssten immer performen. Muße und sich Zeit für sich selbst oder zum Nichtstun zu nehmen wird mit Faulheit und Wertlosigkeit assoziiert. Das sieht man am Beispiel Schlaf: Viel zu schlafen wird als etwas Negatives gesehen, und unsere Schlafenszeiten werden uns von unseren Arbeitgebern diktiert. Das ist eigentlich unglaublich, da es ein so wichtiges körperliches Bedürfnis ist, und wir müssen es ständig disziplinieren. Nichts tun kann übrigens sehr erholsam sein. Ich liege abends immer eine halbe Stunde einfach nur so da und kann beobachten, wie sich die Eindrücke des Tages wie von selbst sortieren.

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Ihre Theorie lautet: Nur, wenn man auch mal allein ist, gibt es Raum für Individualismus.

Ja, das Alleinsein kann uns helfen, unser eigenes Potenzial zu entdecken. Weil wir dann besser Zwänge der Gesellschaft erkennen, die uns einschränken. Alleinsein und Gemeinschaft müssen aber keine Gegensätze sein: Wenn ich durch den gelegentlichen Rückzug meine eigenen Bedürfnisse besser erkenne, wird es mir auch leichter fallen, die Bedürfnisse anderer zu respektieren.

Ich wende mich ausdrücklich gegen die Vorstellung, wie sie zum Beispiel Staatstheoretiker wie Thomas Hobbes vertreten haben, dass der Mensch von Natur aus egoistisch sei und durch die Gesellschaft diszipliniert werden muss. Es ist doch genau andersherum: Der Staat und die Wettbewerbs­gesellschaft fördern Egoismus, weil wir uns so abstrampeln müssen, um zu bestehen. So bleibt uns kein Raum für eigene Bedürfnisse und erst recht nicht, um sich um die anderer zu sorgen.

Wenn Frauen ihr eigenes Ding machen wollen, wird ihnen hingegen viel schneller als Männern Egoismus vorgeworfen.

Vor allem bei Frauen sei es gesellschaftlich gar nicht gewollt, dass sie gern allein und auch kinderlos und unverheiratet zufrieden sind, sagen Sie.

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Da kommen die Interessen des Patriarchats und der kapitalistischen Gesellschaft zusammen, die der Frau eine bestimmte Rolle zuweisen: Als unbezahlte fleißige Arbeiterin, die die Betreuung von Kindern und den Haushalt übernimmt, und als Begehrensobjekt für Männer. So wurde unser Frauenbild kreiert: Frauen haben angeblich keine eigenen Bedürfnisse, sondern sollen nur für andere da sein, für Wärme und sozialen Kitt sorgen. Viele identifizieren sich damit, denn es verspricht auch Anerkennung. Und Frauen müssen Anerkennung immer noch mehr im Privaten suchen, weil sie ihnen im beruflichen und im öffentlichen Raum weniger zugestanden wird. Sie suchen diese dann durch einen Mann an ihrer Seite oder in der Mutterrolle.

Wenn Frauen ihr eigenes Ding machen wollen, wird ihnen hingegen viel schneller als Männern Egoismus vorgeworfen: Es ist schließlich auch eine ökonomische Ressource, dass Frauen zu Hause die Arbeit leisten, und deshalb erwünscht. Auch deshalb wird ihnen dieses perfektionistische Mutterideal vorgehalten, diese übertriebene Bindungstheorie mit Fixierung auf die Mutterrolle. Natürlich brauchen Kinder Bindungen, aber das geht auch mit mehreren Bezugspersonen.

Was ist an der Fixierung auf die Mutterrolle so schlimm. Irgendwann sind die Kinder ja groß?

Wir haben Frauen jahrzehntelang aktiv vereinsamt, indem wir sie aus dem öffentlichen Leben herausgehalten haben. Daraus entsteht auch das Problem der Altersarmut. Durch eine Gesetzesänderung von 2008 sind Frauen, die wegen der Kinder zu Hause geblieben sind, bei den Renten wieder schlechtergestellt.

Und um dem Mutterideal zu entsprechen, stellen viele Frauen ihre persönliche Entwicklung stark zurück, es gibt kaum Raum für ihre eigenen Bedürfnisse wie Freunde, Beruf oder Hobbys, keinen Platz für eigene Ideen und Genuss. Manche hält das inzwischen sogar vom Kinderkriegen ab. Ich gebe ja auch Seminare, in denen es um das Erkunden des eigenen Kinderwunsches geht. Da stelle ich fest, dass viele Frauen zwar grundsätzlich gern Kinder hätten, aber Angst haben, sich durch ihre Rolle in der Kleinfamilie eingeengt zu fühlen.

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Sie sehen die Fixierung auf die Kleinfamilie als einen der Gründe für Isolation in unserer Gesellschaft. Warum?

Die Familie wird gern als Ort der Gemeinschaft gesehen. Es heißt oft, wir vereinzeln, weil die Familie wegbricht. Das Festhalten an solchen alten Strukturen verhindert aber auch, dass neue entstehen können. Durch die Idealisierung des Modells der Kleinfamilie gibt es heute zu wenig andere Formen von Gemein­schaft. Ich will die Kleinfamilie ja nicht abschaffen, aber es sollte daneben Raum für andere Modelle geben, bei denen Menschen mit oder ohne Kinder Gemeinschaft leben können.

Was ist Ihre Vision einer neuen Organisation der Gesellschaft, in der weniger Menschen isoliert und einsam sind?

Dazu gehört das Schaffen von Mehrgenerationen­häusern, aber auch das Modell der sozialen Elternschaft. Das besagt, dass mehrere Erwachsene zusammen verbindlich Verantwortung für ein Kind übernehmen können und nicht nur dessen biologische Mütter oder Väter.

Damit neue Formen von Gemeinschaft möglich werden, brauchen wird aber die politischen Rahmen­bedingungen: mehr Wohnraum, bezahlbare Mieten und flexiblere Arbeitszeiten. Sonst ist es schwer zu gestalten. Und wir müssen insgesamt die Fürsorgearbeit stärken und nicht als etwas betrachten, das Frauen so nebenher stemmen können. Also nicht nur die Versorgung von Kindern, sondern auch von alten und kranken Menschen. Hier brauchen wir ein neues Bewusstsein, dass das etwas Wertvolles ist, und einen sichtbaren Betreuungsausbau.

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Warum denkt man, dass so etwas wie die Elternrolle nur im Rahmen einer sexuellen Beziehung erfüllt werden kann?

Das Modell der sozialen Elternschaft bedeutet: Die Elternrolle wird nicht nur von Mutter und Vater, auch nicht zwangsläufig von einem gleichgeschlechtlichen Paar übernommen. Es kann stattdessen auch einfach eine Gruppe enger Freunde rund um einen biologischen Elternteil sein.

Genau, in meinen Seminaren höre ich oft, dass Frauen ihre Kinder nicht in der klassischen Zweierbeziehung aufziehen wollen. Weil sie Angst haben, dass das nur Streit geben wird, wollen sie das lieber im Freundeskreis machen. Warum denkt man, dass so etwas wie die Elternrolle nur im Rahmen einer sexuellen Beziehung erfüllt werden kann? Das ist doch komisch und etwas, was das Familienmodell auch brüchig macht. Wenn man sich die Trennungsraten anschaut, sieht man, dass Freundschaften da sogar stabiler sein können.

In Ihrem Buch schildern Sie auch eine Gruppe von Personen, die sich regelmäßig an Wochenenden sexuell gemeinsam auslebt in einer Art freundschaftlicher Verbundenheit. Das klingt interessant, aber ist das Modell der freien Liebe nicht schon in den Sechziger- und Siebzigerjahren gescheitert?

Das Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit ist etwas so Individuelles, das man nicht sagen kann, nur das eine Modell sei für alle das richtige. Es wäre aber schade, wenn jemand sieht: „Die klassische Zweierbeziehung ist nichts für mich“, dass der dann kein anderes Modell finden soll, um sich auszuleben. In den Siebzigerjahren war das Modell der freien Liebe übrigens für die Frauen keineswegs so frei wie für die Männer. Es war eher männlich dominiert, und die Männer haben sich damals oft nicht gut gegenüber den Frauen verhalten. Klar werden solche Modelle oft auch missbraucht. Das kann beim Modell der Ehe aber genauso passieren.

Ein immer größerer Anteil der Frauen über 50 entscheidet sich ganz bewusst für das Alleinsein, weil sie keinen Bock mehr auf eine lieblose Ehe haben.

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Sie widerlegen in Ihrem Buch auch das Klischee, dass alleinstehende Frauen besonders unglücklich seien.

Das Schreckgespenst der Einsamkeit wird gern auf Frauen projiziert, es soll Frauen Angst machen, damit sie in der Ehe landen und die klassischen Aufgaben übernehmen. Tatsächlich haben Frauen meist bessere soziale Fähigkeiten, auch ohne Partner gut zu leben, als Männer. Das erkennen immer mehr von ihnen auch im Alter. Ein immer größerer Anteil der Frauen über 50 entscheidet sich ganz bewusst für das Alleinsein, weil sie keinen Bock mehr auf eine lieblose Ehe haben. Und sie haben meist noch so viel Potenzial und Energie, etwas Neues anzufangen, während Männer eher dazu zu neigen scheinen, mit dem Alter passiver zu werden. Vereinsamte Männer sind eigentlich ein viel größeres Problem, auch gesundheitlich geht es ihnen schlechter. Der Gesell­schaft sind diese Männer aber scheinbar egal.

Living apart together

Ein Paar, ein Haus – aber zwei Wohnungen: Ist das die neue Form von Freiheit?

Silke und Luise trennen zwei Stockwerke. Florian und Rebecca sagen, sie brauchen viel Freiheit. Die Paare leben „living apart together“ – also nah beieinander, aber jede und jeder in der eigenen Wohnung. Nicht als Notlösung, sondern aus freien Stücken. Warum?

Sie sagen, das Alleinsein tue uns auch gut, fordern aber trotzdem Konzepte gegen die Vereinzelung in der Gesellschaft. Ein Widerspruch?

Uns allen sollte Raum für die eigene Entfaltung zugestanden werden, damit wir uns besser um uns selbst, aber auch um andere kümmern können. Aber natürlich leiden viele Menschen auch unter unfreiwilliger Einsamkeit und Isolation, wobei Armut oft eine Rolle spielt, weil diese isoliert. Nur: Gerade weil Einsamkeit negativ besetzt ist, fühlt man sich dann schnell als Loser. Wenn ich es schaffe, mich in der Einsamkeit gut genug mit mir selbst zu fühlen, traue ich mich auch eher wieder, aktiv in die Gemeinschaft zu gehen. Dazu möchte ich mit meinem Buch auch ermutigen.

Was ist eigentlich Ihr eigenes Lebensmodell?

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Ich habe einen Partner, der zwei Kinder hat. Wir leben nicht zusammen, haben aber eine sehr innige und loyale Beziehung. Mir gefällt diese Modell des „living apart together“, ich wohne stattdessen in einer Zweier‑WG mit einer Bekannten. Neulich zum Beispiel hab ich sieben Wochen lang eine Fahrradtour zum Schwarzen Meer gemacht. Mein Freund war nicht dabei, aber in derselben Zeit auch verreist. Wir waren nicht am selben Ort, aber ständig in Kontakt, und wir haben uns erzählt, was wir so machen, das war sehr schön.

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