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Schwimmenlernen in der Corona-Krise: “Die Gefahr für Unfälle wird deutlich größer”

  • Schwimmenlernen wird unter Corona-Bedingungen schwieriger.
  • Ein ehemaliger Schwimmlehrer übt Kritik an deutscher Schwimmausbildung: Unfälle könnten durch besseren Unterricht vermieden werden.
  • Sportpädagoge Uwe Legahn ist überzeugt: Kinder könnten schon früh das Schwimmen lernen – verzichtete man aufs Brustschwimmen.
Leonie Schulte
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Herr Leghan, wegen Corona waren die Schwimmbäder über Monate geschlossen. Wenn Sie jetzt auf den Sommer schauen, was sind da Ihre größten Sorgen?

Aufgrund der Schließungen fehlt den Kindern jetzt ein Vierteljahr, vielen sogar noch mehr. Dass die Gefahr deutlich größer wird, in diesem Jahr dadurch ein paar mehr Unfälle zu haben, liegt ja fast auf der Hand. Hinzu kommt, dass die Monate ohne Einnahmen für die privaten Schwimmschulen existenzgefährdend waren. Einige kommunale Badbetreiber sind dagegen sogar froh, wenn die Bäder geschlossen sind, weil sie damit weniger Minus machen. Die sind daher oft gar nicht so hinterher, dass die Schwimmbäder wieder öffnen. Wirtschaftlich mag das verständlich sein, aber wenn es um die Sicherheit der Kinder geht, ist das nicht so lustig.

Wie wirkt sich ein Vierteljahr ohne Schwimmunterricht für die Kinder aus?

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Gerade Kinder, die nicht ganz so robust mit dem Wasser umgehen, fangen wieder ganz von vorne mit dem Schwimmenlernen an.

Zum Lernen nicht ins freie Wasser

Jetzt öffnen viele Bäder langsam wieder, mitunter aber mit besonderen Regeln. In unserem Bad hat nur das Sportbecken auf, dort gilt Überholverbot im Wasser. Wie kann ich da mit meinen Kindern üben?

Gar nicht, vermutlich. Wenn Ihr Kind noch Anfänger ist, ist es praktisch unmöglich. Das Schwimmenlernen ist im Wesentlichen ein Vertrauensprozess. Das können Sie aber nicht auf der 50-Meter-Bahn draußen im Freibad bei 24 Grad Wassertemperatur machen. Es sei denn, Sie haben einen Wonneproppen, der zehn Zentimeter Speck auf den Rippen hat. Andere Kinder frieren sich dumm und dösig. Wenn dann in manchen Fällen nicht einmal der richtige Erwachsene dabei ist, dem die Kinder voll und ganz vertrauen, kann man auch sagen: Bleib lieber zu Hause!

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Kann ich mit Kindern auch in freien Gewässern schwimmen?

Zum Lernen würde ich das nicht machen. Es sei denn, Sie gehören zu den absoluten Superschwimmern, die sicher sind, dass sie sich selbst und nebenher auch das Kind rausretten können, wenn es kritisch wird.

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Bringt seit über 40 Jahren Kindern das Schwimmen bei: Sportpädagoge Uwe Legahn. © Quelle: privat

Die meisten Unfälle passieren in freien Gewässern. Liegt es daran, dass wir Erwachsenen unsere Schwimmkünste überschätzen?

Und damit gleichzeitig auch die Schwimmkünste der Kinder, ja.

Kinder am Pool immer im Auge behalten

Hier bei uns springen die Jugendlichen gerne in den Kanal. Ist das eigentlich eine gute Idee?

Wenn ich sicher schwimmen kann und genau weiß, welche Wassertiefe ich da habe und sehen kann, was für ein Schrott da auf dem Grund liegt, dann ist das für sichere Schwimmer bestimmt eine sehr lustige Idee. Aber bitte nicht mit Anfängern und Kindern, die noch nicht schwimmen können. Die Gefahr ist groß, dass sie es den Großen nachmachen und blindlings hinterher springen.

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Viele setzen gerade in diesem Sommer auf den eigenen Pool im Garten. Ab wann können Kinder da unbeaufsichtigt spielen?

Ich sage immer mit einem ernsten Hintergrund: wenn sie verheiratet sind! Das ist natürlich übertrieben, aber man sollte mit einem Auge die Kinder non stop im Blick haben. Oft werden Kinder etwa in Hotelpools von anderen, meist aus Versehen, unter Wasser gedrückt und ertrinken still und heimlich. Also Aufsicht solange, bis die Kinder wirklich sicher im Wasser sind.

Das Seepferdchen sagt nichts über das Schwimmen aus

Woran erkenne ich, wie sicher mein Kind tatsächlich ist? Ist es das Seepferdchen, das mir das bescheinigt?

Nein, bitte nicht! Das Seepferdchen ist ganz eindeutig so eine Art Motivationsabzeichen. Es sagt noch nichts über das tatsächliche Schwimmen aus. Ich gehe sogar so weit – und deswegen streite ich mich auch ständig mit den großen Organisationen – und sage, dass selbst Bronze und manchmal auch Silber noch nichts darüber aussagt, ob Kinder kritische Situationen im Wasser beherrschen können. Das, was ich den großen Organisationen, sprich Schwimmmeister, Vereinssport, DLRG, aber auch der Schulausbildung vorwerfe, ist, dass es nur darum geht, schnell Abzeichen zu machen und in einer Statistik gut dazustehen. Sie könnten es besser wissen, weil ich es seit 20 Jahren propagiere, aber sie versäumen es, die tatsächlichen Lebensversicherungen den Kindern mitzugeben.

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Welche Lebensversicherungen meinen Sie?

Da geht es zum Beispiel um die sogenannte Schreckreflexumkehr. Die meisten Schwimmunfälle geschehen nicht, weil irgendein Dummkopf auf die Idee kommt und sagt: Ich will von Cuxhaven nach Helgoland schwimmen und auf halber Strecke stellt er fest: Jetzt geht es nicht mehr. Was aber immer wieder passiert ist, dass jemand am Beckenrand spielt und plötzlich reinfällt. Dann nimmt das Unglück seinen Lauf, denn in Schrecksituationen atmen wir reflexhaft ein. Und dann ist das Wasser sofort da, wo es mehr als ekelhaft ist, wo es wehtut und wo jeder normale Mensch in Panik gerät. Deswegen habe ich schon als Sportlehrer Wert darauf gelegt, dass die Kinder immer wieder gesprungen und gefallen sind und dabei immer ausgeatmet haben. Wenn man das oft genug macht, kann man diesen Reflex umdrehen.

“Kinder müssen an das wirkliche Leben im Wasser gewöhnt werden”

Und was noch?

Der zweite Punkt ist das passive Schwimmen. Wenn ich mich übernommen habe, wenn etwas Kritisches passiert, muss ich mich auch im Wasser kurz ausruhen können. Deswegen machen wir viel Rückenschwimmen mit den Kindern. Die dritte Lebensversicherung ist, dass die Kinder an das wirkliche Leben im Wasser gewöhnt werden, also wo es spritzt, wo viel los ist und wo Wellen sind. Und viertens gibt es bei uns kein Abzeichen mit Schwimmbrille. Auch hier geht es darum, dass die Kinder im echten Leben, also ohne Schwimmbrille, klarkommen sollen.

Sie kritisieren auch das Brustschwimmen. Warum eigentlich?

Weil es unheimlich schwer zu lernen ist und diese Beinbewegung ist zusätzlich auch noch gesundheitlich riskant. Da werden die Kniegelenke in eine unnatürliche Bewegung gepresst. Drei-, vier-, fünfjährige Kinder sind feinmotorisch zu dieser Bewegung noch gar nicht in der Lage. Die meisten Organisationen fangen erst mit Kindern im Alter von fünf oder sechs Jahren mit dem Schwimmenlernen an, weil die Jüngeren das angeblich noch nicht können. Beim Brustschwimmen ist das auch vollkommen richtig.

Wirklich sicher erst nach drei bis fünf Jahren Übung

Wie lernen die Kinder das Schwimmen bei Ihnen?

In einer Mischform. Mit den Armen machen sie die Bewegung wie beim Brustschwimmen. Mit denen sind sie eh viel geschickter als mit den Füßen. Bei den Beinen sagen wir: Mach das, was du sowieso kannst, also laufen, strampeln, Fahrrad fahren. Daraus kann man dann ganz locker auch mit kleinen Kindern den Kraulbeinschlag machen.

Ab wie viel Jahren können Kinder frei schwimmen?

Das kommt natürlich drauf an, wann man mit ihnen anfängt. Wenn die Kinder schon früh ans Wasser gewöhnt werden, können sie mit knapp drei Jahren in unsere Schwimmlernkurse. Die allermeisten Kinder schaffen nach 21 Stunden locker ihr Seepferdchen. Wirklich sicher im Wasser sind sie aber erst nach weiteren drei, vier oder auch fünf Jahren Übung.

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