• Startseite
  • Familie
  • Schule und Kita im Lockdown geschlossen: Wieder leiden die Familien

Schulen bleiben geschlossen: Wieder einmal leiden die Familien

  • Der Lockdown wird verlängert, Schulen und Kitas bleiben zu großen Teilen geschlossen.
  • Eltern werden nun erneut vor die Herausforderung gestellt, die Kinderbetreuung und Arbeit parallel auszuüben.
  • Eltern müssen jetzt aufhören, sich auszubeuten, kommentiert Leonie Schulte.
|
Anzeige
Anzeige

Die Geschehnisse am Dienstagabend haben Eltern wohl aufmerksamer verfolgt als den Countdown in der Silvesternacht. Ab 19.15 Uhr blieb kaum eine Eltern-Whatsapp-Gruppe still. Nach wochenlanger Hängepartie haben sie nun Gewissheit: Die beschlossenen Maßnahmen treffen Familien besonders hart. Wieder einmal.

Kitas und Schulen bleiben geschlossen, Kontakte werden auch im Privaten stark eingeschränkt. Die Arbeit aber läuft weiter, die Türen der Büros und Fabrikhallen bleiben offen. Erst einmal für die kommenden drei Wochen, doch wie lange das wirklich dauern wird, vermag gerade niemand zu sagen. Damit werden Eltern erneut vor die unlösbare Aufgabe gestellt, Kinderbetreuung und Lohnerwerbsarbeit über Wochen parallel auszuüben. Kinder aus benachteiligten Familien werden wieder sich selbst überlassen, die Verantwortung wird erneut ins Private abgeschoben. Statt eines solidarischen „Wir schaffen das!“ wirkt die Botschaft an Eltern, Kinder und Betreuungspersonen wie ein „Ihr schafft das schon!“.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.
Anzeige

Schule, Bildung, Kinder und Familien haben keine Priorität

Die Entscheidung, Schulen und Kitas zu schließen und die Kinder ebenfalls mit Kontaktverboten zu belegen, zeugt nicht nur von großer Lebensferne, sie offenbart vor allem eine Haltung: Schule, Bildung, Kinder, Familien, sie haben keine Priorität – die wohl bitterste Erkenntnis des Dienstagabends.

Natürlich mussten angesichts der Infektionszahlen Maßnahmen beschlossen werden. Schnell verliert man sich dabei in einer Debatte darüber, welche Rolle Schulen und Kitas in der Pandemie spielen. Es gibt dazu inzwischen einige Studien, allerdings mit unterschiedlichen Ergebnissen. Man muss sich also damit abfinden, dass es gerade keine klaren Antworten gibt.

Was aber klar ist, ist, dass sich dauerhafte Schulschließungen in der Erwerbsbiografie bemerkbar machen werden, vor allem bei benachteiligten Kindern. „Ein verlorenes Jahr für unsere Kinder“, fasste neulich ein Hauptschullehrer aus einem sozialen Brennpunkt im Ruhrgebiet die Situation seiner Schüler zusammen. Die Bildungsinstanzen sind ein entscheidender Sozialraum für Kinder und Jugendliche. Schule und Kita sind, wie es die Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie und die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene in einer gemeinsamen Stellungnahme schreiben, für Kinder „systemrelevant“.

Schließung der Betreuungseinrichtungen muss letztes Mittel der Wahl sein

Die Betreuungseinrichtungen zu schließen muss also das letzte Mittel der Wahl sein. Die Entscheidungsträger aber haben längst nicht alle Mittel ausgeschöpft. Sie weigerten sich schlicht, bereits im Herbst in Maßnahmen zu investieren, um drohende Schulschließungen möglicherweise zu vermeiden, etwa durch die flächendeckende Beschaffung von Luftfiltern. Und auch jetzt könnte es noch Handlungsspielräume geben, wie beispielsweise die Einrichtungen zu öffnen und parallel die Freiheiten der Erwachsenen weiter einzuschränken. Eine Strategie wie sie Irland oder auch Frankreich verfolgen.

Die Frage nach der Kita- und Schulöffnung ist nur ein Teil des Problems, hat aber weitreichende Folgen. Das Konstrukt der Notbetreuung etwa ist ein Dilemma für alle Beteiligten. Hat die Krankenschwester mit Halbtagsstelle größere Betreuungsnot als die Alleinerziehende mit Vollzeitstelle im Homeoffice? Oder die fünfköpfige Familie in der Dreizimmerwohnung? Oder der Vater mit Depressionen? Oder soll das die Erzieherin vor Ort entscheiden? Statt die Bedürftigkeiten gegeneinander abzuwägen, braucht es praktikable Lösungen für die ganz unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der Familien. Und die braucht es schnell.

Homeoffice ist auch keine Lösung

Anzeige

Für die Situation benachteiligter Kinder gibt es diese Lösung gerade nicht. Auch die arbeitenden Eltern werden weitestgehend alleingelassen. Die beschlossene Aufstockung der Kinderkrankentage bei gleichzeitiger Schließung der Betreuungseinrichtung ist keine Lösung, die wochenlange Betreuungsengpässe kompensiert.

Auch das Homeoffice ist nicht die Lösung für die Betreuungsprobleme – auch wenn die Bundesregierung durch ihren Appell an die Arbeitgeber, Homeoffice weitestgehend möglich zu machen, das suggeriert. Es ist allenfalls ein Notnagel, denn die Divergenzen bleiben: Arbeit und Betreuung kleiner Kinder gehen nicht gleichzeitig. Darum wäre es genau jetzt an der Zeit, auch die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in die Verantwortung zu nehmen.

Eine Maßnahme, die Eltern helfen würde: Arbeitszeitreduktion bei vollem Lohnausgleich

Ja, Homeoffice-Möglichkeiten sollten nicht mehr von der Einstellung der Chefs abhängig sein. Vor allem aber brauchen Eltern die Chance, ihre Arbeitszeiten der Situation anzupassen. Wäre das wirklich eine so verrückte Idee? Arbeitszeitreduktion bei vollem Lohnausgleich, solange die Betreuungseinrichtungen geschlossen sind? Eine Aufstockung der Urlaubstage, die Eltern sich paritätisch aufteilen müssen, damit es nicht wieder nur die Frauen sind, die die Hauptlast der Betreuungsverantwortung tragen? Mindestens aber ist es Zeit für ein Signal der Arbeitgeber an die Eltern, das da heißt: Wir sehen eure Not, wir unterstützen euch – irgendwie!

Anzeige

Denn die beschlossenen Maßnahmen lassen arbeitenden Eltern kaum Spielraum. Durch die Kontaktbeschränkungen auch für Kinder und im privaten Bereich haben sie so gut wie keine Möglichkeiten, sich etwa die Betreuung mit einer anderen Familie zu teilen. In der Konsequenz müssen die Kinder in die Notbetreuung – was infektiologisch natürlich viel weniger sinnvoll ist. Oder jene werden erneut in die Betreuung eingespannt, die es doch ebenfalls zu schützen gilt, nämlich die Großeltern.

Eltern müssen jetzt aufhören, sich auszubeuten

An den beschlossenen Maßnahmen gibt es für Eltern gerade wenig zu rütteln, aber es ist durchaus eine Chance auch die eigene Rolle zu überdenken. Schließlich halten sie ein System, dass sich bislang einzig auf ihre Selbstaufgabe stützt, mit eben dieser auch am Laufen. Ihr Arbeitsethos, ihre Loyalität dem Arbeitgeber, den Kunden, den Patienten, ja vielleicht auch der Gesellschaft gegenüber lassen sie weiterhin im Job auf Hochtouren laufen. Vielleicht ist es auch der vorauseilende Gehorsam und die Sorge, der Job stehe zur Disposition, sobald sie nicht mehr wie gewohnt liefern.

Was auch immer Eltern dazu treibt sich auszubeuten, gerade jetzt wäre ein guter Zeitpunkt damit aufzuhören – am besten alle gemeinsam. Wie wichtig eine Lobby ist, wird eben dann am deutlichsten, wenn sie fehlt. Eltern und Familien brauchen gerade jetzt eine breite Bewegung, die sich für die Interessen einsetzt. Wie das geht, können sie auch von ihren Kindern lernen, die mit Fridays for Future den Prostest öffentlich sichtbar gemacht haben. Die Zeit wäre reif für eine Streikbewegung der Eltern. Vielleicht käme es dann von selbst, dieses gemeinsame Gefühl von „Wir schaffen das!“.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen