Rotz- und Trotzphase: Geduld ist eine Tugend

  • Wenn das Kind in die „Trotzphase“ kommt, müssen Eltern geduldig sein.
  • Denn Kinder, die in dieser Phase unbedingt ihren Willen durchsetzen wollen, bringen Mama und Papa oftmals an den Rand der Beherrschung.
  • Unser Familienkolumnist Birk Grüling weiß, wie er mit der „Trotz(demlieb)-Phase“ seines Sohnes am besten umgeht.
Birk Grüling
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Hamburg. Ich war nie ein sonderlich geduldiger Mensch. Ich hasse das Warten, die Schlangen beim Einkaufen und Senioren, die im Schritttempo durch die City cruisen. Daran schien sich auch mit zunehmendem Alter wenig zu ändern – bis ein trotziger Zen-Mönch in mein Leben trat. Klar, die Tage mit Baby vergehen oft zäh wie Kaugummi. Der eigene Geduldsfaden wird aber selten auf die Probe gestellt. Schnellen Schrittes kann man mit dem Kinderwagen durch die Straßen schieben. Beim morgendlichen Anziehen hält sich der Widerstand in Grenzen. Wirklich „spannend“ für den Geduldsfaden wird erst die Trotzphase – bindungsorientierte Eltern sprechen lieber von Autonomiephase. Ich persönlich finde „Trotz(demlieb)-Phase“ passender.

„Ich mach das“: Rebellion gegen die elterliche Vorherrschaft

Bei meinem Sohn äußert sich die Rebellion gegen die elterliche Vorherrschaft vor allem in dem gebetsmühlenartig wiederholten Satz: „Ich mach das.“ Licht anschalten nach dem Aufstehen, Kuscheltiere sortieren, Töpfchen in die richtige Position tragen, Schlafwindel aus, Hose runter, Hände waschen, anziehen, die Treppe runter, den Hochstuhl zurechtschieben, hinsetzen, Lätzchen anlegen, Lieblingskringel in die Müslischale kippen, Milch eingießen, verschüttete Milch aufwischen, endlich essen. Zack sind zwei Stunden um und der Aufbruch in die Kita noch längst nicht in Sicht! Und wehe dem, der helfend oder gar beschleunigend eingreifen möchte. Das unbedachte Eingießen der Milch führte gerade erst zu einem tränenreichen Tobsuchtsanfall samt im Wohnzimmer verteiltem Müsli. Mein müder Geist war danach wacher als nach einer ganzen Kanne Kaffee. Die Konsequenz: Ich folge meinem Sohn in engelsgleicher Geduld durch den Morgen, assistiere nur auf Nachfrage und verschiebe meine Arbeit großzügig auf den späten Vormittag. Immerhin lassen sich auf diese Weise morgendliche Trotzanfälle weitestgehend umschiffen. Oder, wie es die Oma sagt: „Das Kind tanzt euch ganz schön auf der Nase herum.“

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Wer jetzt denkt, meine Wandlung zum geduldigen Menschen wäre dank Kind erfolgreich vollzogen, liegt leider falsch. Auf dem Weg zur Kita hupe ich nach Herzenslust schleichende Autofahrer an und ärgere mich beim Zwischenstopp im Bäckerladen über träge Senioren, schließlich muss ich schnell zurück an den Schreibtisch.

Birk Grüling ist freier Bildungsjournalist und lebt mit Frau und Kind im Hamburger Speckgürtel.