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  • Rassismus: Vorträge an Schulen von ehemals Rechtsextremen - wirklich sinnvoll?

Umstritten: Sind Vorträge von ehemals Rechtsextremen in der Schule ratsam?

  • Mit ihren Vorträgen an Schulen möchten Aussteiger aus der rechtsextremen Szene Schülern die Augen öffnen.
  • Lehrer wollen so nachhaltig Demokratiefeindlichkeit in der Schülerschaft vorbeugen.
  • Experten fürchten allerdings eine seelische Beeinträchtigung von Schülern.
Insa van den Berg
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Ehemalige Rechtsextremisten sprechen vor Schulklassen über ihren Ausstieg aus der Szene. Lehrer hoffen, auf diesem Weg anschaulich und nachhaltig Demokratiefeindlichkeit in der Schülerschaft vorzubeugen. Inwiefern das gelingen kann, ist aber bisher unklar. Denn wissenschaftlich fundierte Einschätzungen zu den beabsichtigten Wirkungen auf die Jugendlichen gibt es kaum.

Vorträge sind eindrücklicher und schrecken ab

Dass Aussteiger seit mehr als 20 Jahren an Schulen referieren, ohne dass der präventive Nutzen belegt ist, hat die Kriminologin Maria Walsh und die Soziologin Antje Gansewig herausgefordert. Die Wissenschaftlerinnen haben im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Nationalen Zentrum für Kriminalprävention und dem Landespräventionsrat Schleswig-Holstein untersucht, welchen Eindruck Aussteiger-Vorträge bei den Jugendlichen hinterlassen. Lehrer glaubten bisher an den Erfolg: Solche Veranstaltungen seien viel eindrücklicher und abschreckender als klassischer Unterricht. Tatsächlich empfinden Jugendliche die Schilderungen als “krass” oder “wie im Film”, haben die Forscherinnen dokumentiert. Aber: Einen positiven Einfluss auf Einstellungen und Gewaltbereitschaft der Schüler konnten sie nicht belegen.

In ihrer Studie “Biographiebasierte Maßnahmen in der schulischen Präventions- und Bildungsarbeit” weisen Gansewig und Walsh auf weitere Probleme hin. Etwa die Hälfte der 490 befragten Schüler sagte, vor dem Aussteiger-Vortrag nichts über Rechtsextremismus gewusst zu haben. Offenbar hat das Thema im Unterricht also bisher keine Rolle gespielt. Fast zwei Drittel meinten, die Veranstaltung sei in der Klasse inhaltlich nicht vorbereitet worden. Demnach ahnten die Jugendlichen im Vorfeld scheinbar nicht, was genau sie erwartet. Weil sie einen ehemaligen Nazi sehr genau von Schlägereien und Hass haben reden hören, gaben 80 Schüler an, sich “unwohl gefühlt zu haben”. Solch detaillierte Beschreibungen von Gewalt während verpflichtender Schulveranstaltungen halten die Wissenschaftlerinnen wegen geltenden Kinder- und Jugendschutzbestimmungen für “fragwürdig”.

Vorträge könnten Schüler traumatisierten

Psychotherapeut Harald Weilnböck, Mitglied des europäischen “Experts on Extremism Network”, warnt vor seelischen Beeinträchtigungen der Schüler. Es bestehe zum Beispiel die Gefahr einer Retraumatisierung von gewalterfahrenen Schülern. Denn in den Aulen könnten Jugendliche zuhören müssen, die bereits Opfer von Rechtsextremen geworden sind. Außerdem könne ein Vortrag auch faszinieren und dem präventiven Ziel damit vollständig zuwiderlaufen, erläutert die Soziologin Ricarda Milke.

Auf Wunsch ihrer Schüler hat Michaela Prussas als Fachleiterin für Sozialkunde am Valentin-Heider-Gymnasium Lindau zwei Aussteiger-Vorträge organisiert. In Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung war begleitend eine Ausstellung zum Thema Rechtsextremismus zu sehen. “Wir wollten mit Hintergrundwissen und Biografie eine Nachvollziehbarkeit schaffen.” Das sei wichtig, um Anwerbemechanismen zu verstehen. An den Vorträgen haben mit Einverständnis der Erziehungsberechtigten Jugendliche ab 14 Jahren teilgenommen. “Wir haben das Thema im Unterricht aufgefangen und auch direkt nach den Vorträgen Gespräche in den Klassen geführt. Es gab massiven Redebedarf.”

Veranstaltungen müssen vor- und nachbereitet werden

Die Voraussetzung für Aussteiger-Vorträge an Schulen ist laut Tobias Lehmeier, dass sie in ein gutes Präventionskonzept eingebettet sind. Der Projektkoordinator der Bundesarbeitsgemeinschaft “Ausstieg zum Einstieg”, dem Dachverband zivilgesellschaftlicher Akteure der Ausstiegs- und Distanzierungshilfe aus extrem rechten Zusammenhängen, sagt: “Mein Eindruck ist aber, dass es dafür gelegentlich wenig Ressourcen an den Schulen gibt.”

Sinnvoll könnten derartige Vorträge jedoch nur sein, wenn sie intensiv vor- und nachbereitet werden. Es müsse Fachwissen vermittelt werden und nicht nur eine persönliche Geschichte. “Aussteiger sind vor allem Experten ihrer eigenen Biografie und nicht zwangsläufig Experten für Rechtsextremismus.” Die Lehrer sollten sich im Vorfeld ausführlich über den Referenten informieren. Fragen könnten sein, wie weit der Aussteiger im Reflexionsprozess sei, wie gewaltreich er sich ausdrücke, wer sehr die Person sich profilieren wollen und ob finanzielle Anreize eine Rolle spielen.

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Oft fehlt es an Transparenz

Darauf zu antworten, sei nicht immer leicht. Den Wissenschaftlerinnen Walsh und Gansewig zufolge fehlt es zum Beispiel an Transparenz bei derartigen Angeboten. Oft sind Informationen zu Qualitätssicherung, Methoden, Dauer oder Kosten des Vortrags nicht öffentlich zugänglich. “Das erschwert den Lehrern ein kritisches Hinterfragen.” Die Forscherinnen haben Handlungsempfehlungen formuliert, die den Schulen die Entscheidung erleichtern sollen und dabei die Bedürfnisse der Jugendlichen berücksichtigen.

“Wir haben großen Respekt vor Aussteigern”, sagen Gansewig und Walsh. “Aber wir wollen die Öffentlichkeit und insbesondere Lehrer für einen reflektierten Umgang mit solchen Veranstaltungen an Schulen sensibilisieren.” Nicht jeder Aussteiger sei als Referent für alle gleichermaßen geeignet, stellen die beiden heraus. Man müsse unterscheiden zwischen verschiedenen Zielgruppen: Was Schülern möglicherweise sogar schaden kann, könne Studierenden oder Fachpersonal durchaus nützen. Von der Kultusministerkonferenz heißt es: “In der Lehreraus- und fortbildung können Aussteiger-Vorträge im Rahmen eines professionellen und kritisch-reflektierten Diskurses ein Baustein neben anderen sein.”


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