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Ralph Caspers: „Meine Kinder finden, dass ich der strengste Vater von allen bin“

  • „Wie war die Schule?“ – „Gut.“ Ein klassischer Dialog am Abendbrottisch.
  • Kein Wunder, auf Standardfragen gibt es meist eben auch nur Standardantworten.
  • Darum hat „Wissen macht Ah“-Moderator Ralph Caspers ein Buch geschrieben, das Familien noch einmal ganz anders in den Dialog bringen könnte.
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Herr Caspers, Ihr neues Buch „99 harmlose Fragen für überraschende Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern“ ist kein klassisches Sachbuch und auch kein Ratgeber. Es ist ein Schubs, um Eltern mit ihren Kindern wieder mehr ins Gespräch zu bringen, oder?

Also zuerst wollte ich ja einen Ratgeber über moderne Verhörtechniken machen, aber die Prämisse war nicht so gut. Dann hab ich das ein bisschen umgemodelt und herausgekommen ist dann dieses Buch.

Wer verhört denn damit wen: Die Eltern die Kinder oder doch umgekehrt?

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Gedankenaustausch bedeutet ja, dass man die austauscht. Also der eine gibt etwas, der andere bekommt etwas und umgekehrt. Im besten Fall erfahren so beide etwas über ihr Gegenüber.

In Ihrem Buch sind witzige, mitunter auch sehr philosophische Fragen. Welche der 99 ist Ihre Lieblingsfrage?

Na, wenn ich Sie jetzt fragen würde, welches Ihr Lieblingskind ist, und Sie das Mittlere nennen, dann würden die anderen total sauer sein – und das ist bei den Fragen genauso. Jede Frage ist besonders auf ihre Art und Weise.

Wie die Frage: „Was ist eigentlich das Jetzt?“

Ja, das ist doch total interessant! Das kennt jeder, aber was genau bedeutet das? Ist das Jetzt zum Beispiel so lange, wie ich die Augen zulassen und weitergehen kann, bevor ich irgendwo gegen krache? Tatsächlich gibt es sogar unterschiedlich lange Jetzts. Das Jetzt bedeutet Gleichzeitigkeit und ich kann beim Hören zwei Impulse unterscheiden, die viel näher zusammenliegen, als beim Sehen zwei Lichtblitze zu unterscheiden. In der Forschung ist das Jetzt in der Regel drei Sekunden lang. Das wusste ich gar nicht!

Wie kommen Sie auf Ihre Fragen?

Durch Nachdenken und Ausprobieren, und teilweise sind das Fragen, die ich mir halt selbst auch gestellt habe. Viele Fragen, etwa in Freundebüchern, finde ich oft ein bisschen plump. Zumal sich das ja auch ständig ändert. Meine Lieblingsfarbe zum Beispiel ändert sich täglich. Ich wollte Fragen finden, auf die es keine richtige oder falsche Antwort gibt, sondern die zu interessanten Gedanken führen.

Interessante Fragen, tiefgründige Gespräche – im Familienalltag bleibt erschreckend wenig Zeit dafür, finden Sie nicht?

Fehlende Zeit gemeinsam ist grundsätzlich ein Problem. Aber oft hat man auch so Leerlaufphasen, man steht im Stau oder an der Ampel. Und statt das Radio lauter zu machen, könnte man auch einfach anfangen, Fragen zu stellen. Oder man sitzt in der Küche und kocht und die Kinder sitzen auch da. Und statt „Wie war’s denn heute in der Schule?“ zu fragen, fragt man mal etwas ganz anderes. Das irritiert die Kinder vielleicht erst, aber ist doch auch dann ganz nett, weil dann eben auch nicht die Standardantworten kommen. Fünf Minuten Leerlauf können schon reichen, um etwas anzustoßen.

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Haben wir Erwachsenen vielleicht auch verlernt, uns ungewöhnliche Fragen zu stellen?

Bei vielen Erwachsenen hat sich der Eindruck verfestigt, dass Fragen zu stellen ja eben bedeutet, etwas nicht zu wissen. Das wiederum könnte bedeuten, dass man für doof gehalten wird – und wer möchte schon für doof gehalten werden?! Dabei ist Fragen zu stellen das Allerwichtigste! Dass wir nach Antworten suchen, ist das, was uns Menschen ausmacht. Aber danach kann man ja erst suchen, wenn man eine Frage gestellt hat.

Ralph Caspers. © Quelle: SWR - Südwestrundfunk/SWR/WDR/L

Sie sind Vater von drei Kindern. Wann hat eines Ihrer Kinder Ihnen mal eine Frage gestellt, auf die Sie keine Antwort hatten?

Das passiert eigentlich ständig. Ich muss aber auch gestehen: Sie sind ein bisschen vorgeschädigt. Die wissen, wenn sie mich etwas fragen und ich das nicht weiß, dann nötige ich sie, das herauszufinden. Vielleicht stellen sie dann manche Fragen schon gar nicht mehr. Aber wenn man längere Zeit unterwegs ist, zum Beispiel bei Urlauben, und kein Telefon klingelt, das Internet ein bisschen brüchig ist, kommt man ja automatisch mehr ins Gespräch und dann fängt man an, über so Fragen nachzudenken, zum Beispiel, ob es Zufall gibt oder nicht.

Meine Kinder fragen immer, woher die Namen kommen. Etwa: Warum heißt Baum „Baum“?

Das ist eine super Frage! Es könnte ja auch Tisch heißen… Sich über solche Sachen Gedanken zu machen, das macht mir total Spaß. Dieses total nutzlose Rumspinnen ist so wichtig.

Nehmen Sie sich dafür bewusst Zeit?

Ich mach das nicht bewusst. Ich bin eigentlich sehr faul und verbringe viel Zeit mit Rumtrödeln. Ich fürchte, ich könnte viel produktiver sein, wenn ich sehr diszipliniert arbeiten würde. Aber in der Zeit des Rumhängens passiert ja etwas ganz Wichtiges, weil man unbewusst über ganz viele Sachen nachdenkt. Das Gehirn arbeitet ja im Hintergrund weiter. Das muss man am Ende dann eben nur zusammenbringen.

Und wenn Ihre Kinder nur noch rumhängen, nervt Sie das nicht?

Natürlich! Es wäre total verlogen, wenn ich sagen würde, es würde mich nicht nerven. Wenn die nichts machen, denke ich auch: „Du vergeudest doch dein Leben!“ Wenn man dann aber einen Schritt zurückgeht, sieht man, dass sie noch ihr ganzes Leben vor sich haben. Sie werden wahrscheinlich dreimal den Beruf wechseln, da muss man nach dem Abi nicht sofort wissen, wie es weitergeht. Und man muss das auch nicht immer mit den Eltern besprechen. Wir Eltern müssen den Kindern zugestehen, dass sie auch ihre eigene Entscheidung treffen müssen.

In einem Interview haben Sie mal gesagt, Kinder sollten lernen, dass es Wichtigeres als Schule gibt. Was sind die wichtigen Fragen, die man den Kindern mitgeben sollte?

Um was es geht, ist ja, dass du selbst ein Leben führst, in dem du zufrieden sein kannst mit dem, was du hast und wie du bist. Dass du nicht anfängst, dein Gefühl von Wertigkeit dadurch auszugleichen, dass du zum Beispiel unglaublich viele Sachen kaufst. Das klingt jetzt blöd und esoterisch, aber Zufriedenheit kommt von innen und nicht von außen. Das muss man erst mal verstehen. Noten und Schule helfen da aber nicht unbedingt.

Sind Sie zufrieden mit sich als Vater?

Das ist tagesformabhängig. Mal finde ich mich total super, mal total scheiße.

Sie wirken so wahnsinnig ausgeglichen. Können Sie Ihre Kinder wirklich mal zur Weißglut bringen?

Wenn es einer schafft, dann sind es meine Kinder. Die finden sowieso, dass ich der strengste Vater von allen bin.

Jetzt kommt es raus…

Glücklicherweise sagen das alle ihre Freunde auch über die eigenen Eltern.

Gibt es denn etwas, bei dem Sie zu Hause kategorisch einen Riegel vorschieben?

Nein. Ich will ja schon, dass die Kinder lernen zu kämpfen. Es ist jetzt auch nicht so, dass ich sage, sie dürften nach 20 Uhr kein Fernsehen mehr gucken oder so was. Es könnte ja auch sein, dass eine ganz wichtige Sendung mit dem Vater läuft und sie das sehen müssen.

© Quelle: Dudenverlag

Das hat ja dann vielleicht auch den umgekehrten Effekt und sie wollen dann nichts mehr gucken…

Lange Zeit durften sie eh nur Sachen gucken, wo ich dabei bin.

Sie sind in Ihrem Leben ja ein bisschen herumgekommen. Geboren auf Borneo, diverse Auslandsaufenthalte. Sie scheinen keine klassische Kindheit gehabt zu haben. Hat das Ihren Forscherdrang geprägt?

Ehrlich gesagt hat es bei mir geprägt, dass ich voll der Stubenhocker bin und gar nicht gerne rausgehe.

Forschen Sie dann lieber nur durchs Denken?

Es wird ja oft gefragt, wie man sich das Kindliche bewahren kann, und ich denke mir: Was ist das denn für eine Frage?! Ich bin da wohl ähnlich wie Kinder. Die wollen ja keine Veränderung, die wollen, dass alles gleich bleibt. Gleichzeitig sind Kinder super darin, sich in neue Situationen hineinzufinden. So ist das bei mir auch. Ich glaube, deshalb schickt mich die Maus-Redaktion so gerne in fremde Länder für diese Sonderaufgaben, weil die wissen, dass ich da raus aus meiner Komfortzone muss. Und gleichzeitig macht mir das ja total Spaß.

Und wie können wir Eltern uns so eine kindliche Neugierde bewahren?

Ich glaube, das Wichtigste ist, keine Angst davor zu haben, für dumm gehalten zu werden. Ich habe zum Glück überhaupt kein Problem, Fragen zu stellen, auch weil das zu meiner Rolle gehört. Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden und zum Sprechen gehört eben auch das Fragen.


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