Pflege: Wir sind die Generation Sandwich, na und?

  • Die meisten Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – vor allem von Frauen, aber auch von Männern
  • Wenn die Helfer zusätzlich Kinder im Haus haben, spricht man von der Sandwich-Generation.
  • Doch fühlen sich die Menschen wirklich so eingeengt, wie es das Bild nahelegt?
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Berlin. Der Wochenplan von Jule Walter ist vollgepackt mit Terminen – so vielen, dass sie kürzlich einen schulfreien Brückentag übersah. Also schickte sie ihren Sohn in den Unterricht. Das Leben der 36-Jährigen aus Ortenberg in Baden ist eng getaktet: Sie arbeitet 15 Stunden wöchentlich als Sozialversicherungskauffrau bei einer Krankenkasse. Sie kümmert sich um ihre drei und sieben Jahre alten Jungs. Sie kümmert sich um den Haushalt. Und lange hat sie sich auch um die kranken Großeltern ihres Mannes im selben Haus gekümmert. Der Schwiegeropa ist vor Kurzem verstorben.

Unterstützung kann gute Laune machen: Bei dem, der sie nötig hat, und bei dem, der sie leistet. © Quelle: imago images/Westend61

„Ich bin von den alten und den jungen Menschen meiner Familie gleichermaßen gefordert und versuche, alles unter einen Hut zu bringen“, sagt Jule Walter.

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Damit ist sie eine typische Vertreterin der sogenannten Generation Sandwich, die von Kindern einerseits und zunehmend kränkeren Eltern oder Großeltern andererseits in Anspruch genommen wird. Das Phänomen fand Anfang der Neunzigerjahre Eingang in den deutschen Sprachschatz. Demnach bezeichnet es die mittlere Generation, die Verpflichtungen gegenüber der jüngeren und der älteren Generation hat – also wie eine Scheibe Schinken zwischen zwei Brotscheiben eingeklemmt ist.

Namensgeber dieser Gruppe ist der britische Diplomat John Montagu, 4. Earl of Sandwich. Er soll im 18. Jahrhundert einen solchen Imbiss bestellt haben, weil er, je nach Legendenversion, beim Kartenspielen oder bei der Arbeit keine Zeit mit längeren Mahlzeiten verplempern wollte.

Zeit ist extrem knapp

Zeit – das ist auch für die zweifache Mutter Jule Walter etwas Rares. Sie gehört zu der großen Gruppe der Menschen, die Angehörige in den eigenen vier Wänden betreut. In Deutschland leben nach offiziellen Zahlen rund 3,4 Millionen Pflegebedürftige. Von denen werden gut drei Viertel zu Hause versorgt, zumeist allein durch Angehörige. 74 Prozent der Pflegenden sind Frauen.

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Die Doppelbelastung wird meist Menschen zwischen dem 30. und 44. Lebensjahr zugeschrieben. Aber späte Familiengründung und der Hang der Heranwachsenden zum „Hotel Mama“ vergrößern den Zeitkorridor immens.

Nach den Ergebnissen einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2015 unterstützen fast alle Frauen mittleren Alters ihre Eltern beziehungsweise Schwiegereltern in irgendeiner Form. Und etwa jede Fünfte dieser Frauen hat demnach auch schon die Pflege eines Eltern- oder Schwiegerelternteils übernommen, sei es vorübergehend oder auf Dauer. Tendenz steigend, urteilt Silke Niewohner, Beraterin für Work-Life-Balance. „Das Phänomen nimmt zu“, sagt sie.

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Das habe mehrere Gründe: Frauen gebären im höheren Alter. So sind die Kinder noch recht klein, wenn deren Großeltern womöglich der Fürsorge bedürfen. Der Trend werde dadurch verstärkt, dass Kinder später flügge werden als vor 20 Jahren: Auch weil Wohnungen vielerorts knapp und teuer sind, bleibe der Nachwuchs länger im Jugendzimmer.

Nesthocker sind vor allem junge Männer. Das belegt der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes 2017: Mit Erreichen der Volljährigkeit leben noch fast alle jungen Männer als ledige Söhne im Elternhaus. Mit 23 Jahren sind es noch 50 Prozent.

Auch der Sohn des 51-jährigen Felix H., der seinen richtigen Namen nicht in den Medien lesen möchte, wohnt zu Hause. Der Vater kann mit dem Bild von der Generation Sandwich viel anfangen. Er kümmert sich um seine krebskranke Mutter und fühlt sich auch für den 19-jährigen Sohn verantwortlich.

Für seine in einer 30 Kilometer entfernten Gemeinde lebende Mutter erledigt er Einkäufe und Behördenkorrespondenz. Er begleitet die 75-Jährige zu Ärzten und besucht sie, wenn sie ins Krankenhaus muss. Der Zeitaufwand ist für den Selbstständigen aus der Region Stuttgart misslich. „In der Zeit müsste ich eigentlich arbeiten“, sagt er.

Auf der anderen Seite beobachtet Felix H., dass sein Sohn null Bock auf Hilfe im Haushalt hat: „Zu jedem kleinsten Dienst, etwa Mineralwasserkisten holen oder Terrasse kehren, muss man ihn auffordern – meist mehrmals.“ Von selbst komme der 19-Jährige überhaupt nicht darauf, ihm und seiner voll berufstätigen Frau unter die Arme zu greifen.

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Zwischen Dreirad und Rollator: Jule Walter mit ihren Kindern. © Quelle: Uli Deck/dpa

Freiheit ist eingeschränkt

Die Konstellation hat für Felix H. gravierende Folgen. „Meine persönliche Freiheit wird eingeschränkt. Die Beine hochlegen kann ich nur selten“, schildert er. Freie Zeit für sich und seine Frau ist Luxus. Ausnahme: Morgendliche gemeinsame Spaziergänge sind den beiden heilig. Auch gelegentliche Verabredungen zum Essen oder fürs Kino helfen dem Paar, die Partnerschaft nicht zu sehr unter der Last der Pflichten zu vernachlässigen.

Damit tun sie genau das Richtige, meint Albrecht Wehner vom Gesundheitsmanagement der Techniker Krankenkasse (TK). Er sagt: „Menschen, die unter einer Doppelbelastung leiden, müssen ganz besonders darauf achten, ihre Ressourcen zu stärken.“ Dazu gehöre, sich bewusst Auszeiten von jeglicher Betreuung zu nehmen: Um das zu machen, was einem guttut – Sport, sich mit Freunden treffen und einfach mal ein entspannter Kulturabend. Außerdem sollte man gelassener werden. „Keiner kann immer 100 Prozent geben. Es ist völlig in Ordnung, auch mal um Hilfe zu bitten“, betont Gesundheitsmanager Wehner.

Auch Jule Walter hält an ihrem Hobby Handball fest. Sie verbrachte bis zum Tod des Großvaters ihres Mannes jeden Tag mindestens eine halbe Stunde bei den pflegebedürftigen Großeltern. Sie schaute nach dem Rechten, stellte sicher, dass beide ordentlich gegessen haben. Ihre Schwiegermutter und ein Pflegedienst rundeten die Unterstützung ab.

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„Delegieren ist wichtig“, meint die Gesundheitswissenschaftlerin Niewohner aus Recklinghausen. Denn wenn die Pflegenden zusammenbrechen, schadet das auch den Pflegebedürftigen.

Bei Jule Walter hinterlässt die Sorge für die ältere Generation trotz des engen Hilfenetzes ihre Spuren. „Da bleibt vieles auf der Strecke, nicht nur die Kinder, sondern auch bei Ehe und Partnerschaft“, sagt die Frau mit schulterlangen Haaren und Brille. „Das ist auch für einen Mann nicht so einfach, wenn die Frau immer nur wegrennt und nach allen anderen guckt.“ Ihrem ein Jahr älteren Mann Thomas fehlt die Spontaneität früherer Jahre, die Kurztrips auch ohne Absprache mit anderen Helfern erlaubte.

Arbeitgeber ist wichtig

An ihrem Arbeitsplatz stößt Jule Walters Engagement auf großes Verständnis. „Wenn ich mal wegen Kindern oder Schwiegergroßeltern früher weg muss, wird das akzeptiert“, erzählt sie. „Die fragen mich eher, woher ich meine Energie nehme.“

Ein verständnisvoller Arbeitgeber ist für Menschen mit Mehrfachbelastung Gold wert. Die Techniker Krankenkasse sieht die Chefs in der Verantwortung. „Was Eltern von Kindern und/oder pflegende Angehörige besonders brauchen, ist eine ausgewogene Work-Life-Balance“, sagt TK-Gesundheitsexperte Wehner. Arbeitgeber können das etwa mit flexiblem Zeitmanagement wie Gleitzeit unterstützen.

Der Softwareentwickler SAP ist bereits auf der richtigen Spur. „Aus unserer Sicht ist Flexibilität auch hier der Schlüssel. Bei uns gelten daher zwei Prinzipien: Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensarbeitsort“, sagt Björn Emde, Sprecher des Walldorfer Unternehmens. Ersteres gelte seit Firmengründung. Stechuhren habe es bei SAP noch nie gegeben. Im Jahr 2017 sei die sogenannte Teilzeitfalle abgeschafft worden, noch bevor die große Koalition eine vergleichbare Regelung umgesetzt hatte: Wer wegen Elternzeiten oder aus anderen Gründen wie Pflege seine Stundenzahl reduziert, kann bei SAP problemlos wieder zum ursprünglichen Umfang zurückkehren.

Politik ist aktiv geworden

Auch der Gesetzgeber hat erkannt, dass er den Kümmerern das Leben leichter machen muss. So wurde die Arbeitsverhinderung, also die Freistellung von bis zu zehn Tagen für akute Fälle, im Jahr 2015 ergänzt durch Pflege- und Familienpflegezeit. Es besteht seitdem ein Anspruch auf Familienpflegezeit, also auf eine teilweise Freistellung bei einer Mindestarbeitszeit von 15 Wochenstunden. Die Pflegezeit ermöglicht es den Arbeitnehmern, sich bis zu sechs Monate vollständig oder teilweise vom Job befreien zu lassen.

Für die längerfristigen Einkommensverluste kann ein zinsloses Darlehen, für die Arbeitsverhinderung ein Unterstützungsgeld beantragt werden. Angesichts finanzieller Einbußen rät Coach Niewohner, Tabus anzusprechen: Welche Ressourcen haben die Eltern, welche man selbst, wie viel sollen die Kinder erhalten?

Grob geschätzt bekommen nach Angaben des Familienministeriums 9000 bis 13 000 Helfer pro Jahr Pflegeunterstützungsgeld. Viel weniger Interesse besteht an den zinslosen Darlehen: Seit Inkrafttreten der Regelungen wurden nur 1217 Anträge gestellt. Beim Ministerium vermutet man, dass die Betroffenen versuchen, die Kosten irgendwie selbst zu decken. Sich zu verschulden sei die letzte Option. Das Statistische Bundesamt schätzt grob, dass rund 80 000 Menschen Pflegezeit oder Familienpflegezeit pro Jahr in Anspruch nehmen.

Als Alternative zum unpopulären Darlehen nannte Familienministerin Franziska Giffey in einem Interview ein Familienpflegegeld. Es könnte wie das Elterngeld über einen gewissen Zeitraum gezahlt werden. „Wir haben dafür noch keine Finanzierung, und das ist sicherlich auch nichts für diese Legislatur“, sagte die SPD-Politikerin im August.

Besonders schwierig gestaltet sich die Sandwich-Situation oft für Selbstständige. Felix H. erlebt es so. Auch der 56-jährige Benedikt M., der eigentlich anders heißt, muss mit den Folgen reduzierter Arbeitszeit allein klarkommen – ohne staatliche Hilfen wie die Pflegezeit. Selbstständige müssen abgesprungene Kunden, die den Zeitmangel nicht hinnehmen, mühsam zurückgewinnen.

Seit Kurzem leben in der geräumigen Wohnung von Benedikt M. im Großraum Stuttgart drei Generationen und ein Hund. Da sind er und seine Frau, der 23-jährige, berufstätige Sohn und neuerdings seine 86-jährige Mutter. Der Sohn hat zwar eigene Freunde. Er ist bei beruflichen Fragen aber noch auf die Hilfe des Vaters angewiesen. Auch das Wäschewaschen wird gern der Mama überlassen. Er ermuntere den Sohn zum Ausziehen, sagt der Vater. Aber der Komfort zu Hause mit dem immer gefüllten Kühlschrank und der angespannte Wohnungsmarkt ließen ihn das Ausziehen auf die lange Bank schieben.

Manchmal muss man in Familien den Älteren helfen – manchmal aber spielen Jung und Alt einfach zusammen. © Quelle: Andreas Arnold/dpa

„Das ist Familie“

Nach dem Tod seines Vaters war es für Benedikt M. eine Selbstverständlichkeit, die Mutter aufzunehmen. „An eine Heimunterbringung haben wir gar nicht gedacht“, erzählt der Mann, der keine Geschwister hat. Es gehe ihm nicht um Pflicht. „Das ist Familie. Da, finde ich, muss Familie auch zusammenhalten“, sagt er. Der IT-Spezialist musste sich erst daran gewöhnen, dass nun immer jemand daheim ist. Möchte er mal allein sein, verzieht er sich ins Homeoffice, wohin ihm die Mutter wegen einer steilen Treppe nicht folgen kann. Zudem helfe die alte Dame beim Kochen, bügle, backe Kekse und Kuchen. M. fühlt sich mit dem Geben und Nehmen jedenfalls wohl.

Verschiedene Studien zeigen, dass auch andere es so empfinden, dass das menschliche Miteinander durchaus ein positiver Faktor ist. Der eigentliche Stress besteht meist darin, Familie und Beruf zu vereinbaren. Nach der Allensbach-Studie etwa sind die Frauen aus der doppelt und dreifach geforderten Altersgruppe überwiegend zufrieden.

Unerträglichen Druck von beiden Seiten auf die mittlere Generation sieht auch der Altersforscher Harald Künemund nicht. Der Begriff Sandwich suggeriere, dass es eine Last sei, Eltern und Kinder zu haben. „Faktisch können aber beide Generationen in Belastungssituationen helfen: Wenn die eigenen Kinder klein sind, sind die Eltern in aller Regel noch nicht hilfe- oder pflegebedürftig, und die Kinder sind meist schon erwachsen, wenn die Pflege der Eltern ansteht“, sagt er.

Nicht zerdrückt, sondern stabil

Natürlich könne die Pflege von Mutter und Vater sehr belasten, aber Kinder verschlimmerten die Situation nicht automatisch. Der Professor von der Universität im niedersächsischen Vechta fügt hinzu: „Oft sind sie dann schon eine Hilfe, und nur in seltenen Ausnahmefällen eine zusätzliche Belastung.“

Vielleicht erdrücken die Scheiben des Sandwichs den Aufschnitt nicht, sondern geben dem Leben Halt, Orientierung und Bedeutung. Jule Walter aus Ortenberg macht den Eindruck, dass ein souveräner Umgang mit dem gleichzeitigen Betreuen von Kindern und älteren Angehörigen möglich ist. Sie ist zwar stark eingespannt, aber mit sich und ihrem derzeitigen Leben im Reinen. „Alles, was ich tue, mache ich von mir aus und freiwillig, nicht weil irgendjemand etwas von mir erwartet.“

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