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Pädagogin: Schüchternheit bei Kindern ist oftmals kein großes Problem

  • Ist mein Kind zu schüchtern? Geht es als stiller Vertreter in Kita oder Klassenzimmer unter? Solche Fragen stellen sich Eltern öfter.
  • Pädagogin Inke Hummel hat ein Buch über „wunderbare schüchterne“ Kinder geschrieben.
  • Im RND-Interview erklärt sie, warum Leisetreten durchaus als Stärke gesehen werden kann.
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Frau Hummel, was macht für Sie ein schüchternes Kind aus?

Ich spreche in meinem Buch vor allem von Kindern, bei denen Schüchternheit ein angeborener Wesenszug und nicht durch ein vielleicht traumatisches Erlebnis entstanden ist. Es sind Kinder, die im Alltag eher vorsichtig und zurückhalten sind und in neuen Situationen erst mal alles beobachten, statt sich gleich ins Getümmel zu stürzen. Bei ihnen springen die Areale im Gehirn, die für Angst, Vorsicht oder Risikobewertung zuständig sind, schneller an als bei anderen Kindern.

Inke Hummel ist Pädagogin und Inhaberin der Familienbegleitung „Sachtsam Hummel“, Leiterin für Eltern-Kind-Kurse und Bloggerin. Als pädagogischer Coach unterstützt sie Familien vom ersten Babyjahr bis zur Pubertät. Inke Hummel ist verheiratet und hat drei Kinder im Teenageralter. © Quelle: Humboldt Verlag
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Das sind aus meiner Sicht keine negativen Eigenschaften. Warum gibt es den Bedarf für ein Buch über diese stillen, aber durchaus sympathischen Zeitgenossen?

Anstoß für das Buch war meine Arbeit in der Familienberatung. Zu mir kommen immer wieder Eltern, die von der Schüchternheit ihres Kindes verunsichert sind. Sie machen sich Sorgen, dass vielleicht doch ein größeres, psychisches Problem dahintersteckt, oder dass sie selbst etwas in der kindlichen Entwicklung verpasst haben. Häufig kommen diese diffusen Sorgen gar nicht von den Eltern selbst, sondern aus dem Umfeld, zum Beispiel von Großeltern, Kita oder Schule. Ein Klassiker: Die Erzieher sprechen die Eltern an, weil das Kind oft sehr fokussiert in der Ecke vor sich hin puzzelt oder ganz in andere Welten abtaucht und sich gleichzeitig weniger im gemeinsamen Spiel beteiligt. Ein solches Verhalten sehen manche Pädagogen leider immer noch als Problem an.

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Aber ist das wirklich ein Problem?

In der Beratung schauen wir uns gemeinsam den Familienalltag an und sprechen über typische Situationen, in denen das Kind schüchtern ist. Oft stellt sich dabei schnell heraus, dass die Schüchternheit überhaupt kein großes Problem ist. Wenn ein Kind auf dem Spielplatz erst mal eine halbe Stunde die Altersgenossen beobachtet und erst dann ins Spiel einsteigt, ist das völlig in Ordnung. Gleiches gilt natürlich auch für das völlige Versinken in Fantasiewelten. Es ist eher eine große Gabe, so fokussiert auf eine Sache zu sein. Handlungsbedarf gibt es vor allem dann, wenn das Kind unter der Schüchternheit leidet. Also wenn es gerne mehr aus sich herausgehen würde, aber nicht weiß wie.

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Was sind die größten Sorgen von Eltern bezüglich der Schüchternheit ihres Kindes?

Vermutlich ist die größte Sorge, dass das Kind in der Schule untergeht und seine Stärken von den Lehrkräften nicht wahrgenommen werden, eben weil es so still und zurückhaltend ist. Diese Sorge entsteht gefühlt immer früher, bei manchen Eltern schon kurz nachdem sie den Brief zur Schulanmeldung bekommen – nicht selten mit viereinhalb Jahren. Sie übersehen dabei oft, dass ihre Kinder noch eineinhalb Jahre Entwicklungszeit bis zum Schulstart vor sich haben. Außerdem sind heute Eltern „besser“ informiert über mögliche Störungsbilder. Schnell haben sie Begriffe wie Autismus im Kopf, ohne genau über dieses „Krankheitsbild“ Bescheid zu wissen.

Wann gibt es wirklich Grund zur Sorge?

Die Eltern sollten schon genau hinsehen, ob sich das Kind ständig die Butter vom Brot nehmen lässt und immer nur ein „Mitläufer“ ist. Ein Kind muss nicht immer der Anführer sein, aber nur Unterordnen ist auch problematisch. Gleiches gilt auch, wenn die Schüchternheit zu Ängsten führt. Manchmal zeigen die sich in kleinen Ticks, die das Kind machen muss, weil es so angespannt ist. Ganz selten habe ich es sogar mit Fällen zu tun, in denen das ganze Familienleben unter diesem „Gehemmtsein“ leidet und jeder Gang vor die Tür zum Kampf wird. Das sind aber absolute Ausnahmen.

Wie können Eltern ihre schüchternen Kinder unterstützen?

Eltern sollten ihren schüchternen Kindern nicht alle Steine aus dem Weg räumen, sondern ihnen lieber Situationen ermöglichen, in denen sie ihre Ängste überwinden. Wenn ein Kind zum Beispiel Angst vor Wasser hat, könnte man sich für den Anfang einen ruhigeren See suchen, statt gleich ins Stadtbad mit seinen vielfältigen Eindrücken zu gehen. Je häufiger ein Kind erfährt, dass es seine Ängste überwinden kann, desto mehr traut es sich auch zu und wird automatisch selbstbewusster. Für solche Erwartungen dürfen die Eltern durchaus auch mal einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben. Gleichzeitig darf kein Zwang oder zu großer Druck entstehen, sonst wird die innere Anspannung des Kindes schnell zu groß und die Folge sind noch mehr Ängste.

Jetzt haben wir viel über „Probleme“ gesprochen. Was sind denn die Stärken von schüchternen Kindern?

Jedes Kind hat seine ganz eigenen Stärken und Talente. Bei ruhigeren Vertretern ist vielleicht noch wichtiger, genau diese Stärken herausfinden und zu fördern und eben nicht nur die Schüchternheit in den Mittelpunkt zu stellen. Ganz häufig höre ich von den Eltern, dass sie ihre Kinder als sehr empathisch erleben. Sie beobachten ihre Mitmenschen genauer und reagieren auf ihre Umwelt sehr sensibel. Das ist natürlich eine wichtige Eigenschaft.

Inke Hummel: Mein wunderbares schüchternes Kind. Mut machen, Selbstvertrauen stärken, liebevoll begleiten. Die besten Strategien für alle typischen Situationen. 216 Seiten – ISBN 9783842616479a, 19,99 Euro, Humboldt Verlag. © Quelle: Humboldt Verlag

Gibt es Hobbys, die sich für schüchterne Kinder besonders eignen?

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Ohne zu stark zu verallgemeinern, habe ich schon das Gefühl, dass schüchterne Kinder eher zu Einzelsportarten wie Leichtathletik oder Tennis tendieren als zu typischen Mannschaftssportarten. Häufig berichten die Eltern auch von Kunst oder Musik als Hobby oder einer besonders engen Beziehung zu einem Haustier. Eine weitere Beobachtung, die ich gemacht habe, ist das oft starke intellektuelle Interesse. Die Kinder denken viel über die Welt nach, sprechen vielleicht eher mit den Erwachsenen als mit Altersgenossen und sind dadurch oft weiter in ihrer Sicht auf die Welt. Das sind aber rein subjektive Beobachtungen aus meinem Beratungsalltag.

In der Corona-Pandemie und dem Lockdown erleben die Kinder ja schwierige Zeiten mit geschlossenen Schulen und Kontaktverbot zu Freunden. Wie gut kommen damit schüchterne, vielleicht auch sensiblere Kinder klar?

Das ist ganz unterschiedlich. Ich habe auch von Eltern gehört, dass ihre Schulkinder mit dem Lockdown und dem Homeschooling sehr gut umgehen. Der soziale Druck der Klassen ist etwas weg, mündliche Noten nicht mehr wichtig. Stattdessen können sie die Aufgaben in Ruhe und in gewohnter Umgebung erledigen. Plötzlich wird dieser Fleiß mehr belohnt. Bei den Kindern im Kita-Alter ist es noch etwas anders. Da berichten Eltern häufiger, dass sich Ängste und Unsicherheiten eher verstärken, und dass der Verlust des geregelten Alltags den Kindern sehr zu schaffen macht. Das geht manchmal sogar so weit, dass sie gar nicht mehr rausgehen wollen, nachdem sie solange zurückstecken mussten. Umso wichtiger ist es, den Kindern auch in der Pandemie soziale Kontakte und etwas Alltag zu ermöglichen.

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