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Pädagogin Blofeld: “Im Lehrerzimmer muss es bunter werden”

  • Caro Blofeld entspricht nicht gerade dem Bild einer typischen Lehrerin.
  • Tätowierter als Türsteher, Leidenschaft für laute Rockmusik sowie Selbstironie und Humor statt Strenge und Spießigkeit.
  • Wie die das bei Kollegen und Schülern ankommt und was sie über das Lehrerbild in Zeiten von Corona denkt, erzählt sie im Interview mit dem RND.
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In Baden-Württemberg sind Sommerferien. Blicken Sie mit Sorge auf das neue Schuljahr?

Caro Blofeld: Es ist schon beunruhigend, fast täglich von neuen Corona-Fällen in Schulen und den ersten Schließungen zu hören. Dazu kommt, dass die Vorsicht vieler Menschen in den letzten Wochen eher nachgelassen hat. An unserer Berufsschule wird es eine Maskenpflicht geben, mindestens auf den Fluren, dem Pausenhof und in der Mensa, vielleicht auch im Klassenzimmer. Ich weiß noch nicht, wie wir das Maskentragen bei mehr als 1000 Schülern durchsetzen wollen. Dazu kommt, dass wir uns Mensa und Schulhof mit einer weiteren großen Schule teilen. Da auf die Einhaltungen aller Regeln zu achten wird kaum möglich sein. Nur mit dem Lüften haben beide Schulen dank undichter Fenster kein Problem.

Homeschooling bleibt ja eine Option, im Fall von geschlossenen Schulen oder für Lehrkräfte und Schüler, die selbst zur Risikogruppe gehören. Wie gut hat das bei Ihnen geklappt?

Bei meinem Oberstufenkurs klappte das sehr gut. Da haben wir einfach schnell gehandelt – wenn auch mit Programmen, die datenschutzrechtlich inzwischen in Verruf geraten sind. Hätten wir allerdings auf die Programme und Empfehlungen der Schulbehörde gewartet, wäre zu viel Zeit verloren gegangen. Deutlich schwieriger war es bei Auszubildenden. Gerade im Handel wurden die oft so stark von ihren Betrieben in Beschlag genommen, dass wir sie kaum erreichen konnten.

Gerade über die digitalen Kompetenzen der Lehrkräfte wurde in Zeiten von Corona viel geschrieben, selten wirklich viel Positives. Hat die Pandemie unser Lehrerbild verändert?

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Ich weiß nicht. Das Lehrerzimmer ist nach wie vor ein Spiegel der Gesellschaft. Es gibt immer digitale Vorreiter, die diese Zeit sehr aktiv genutzt haben, um Neues auszuprobieren, und schnell Wege gefunden haben, Kontakt mit den Schülern zu halten. Es gibt eine große graue Masse, die sicher von diesen Vorreitern profitiert und sich mit der Situation arrangiert hat. Und es gibt natürlich auch Lehrkräfte, die untergetaucht sind und sich weiterhin neuen Techniken verweigern. Allerdings kommen in der Berichterstattung vor allem die “Extreme” vor – also digitale Vorreiter oder die Verweigerer. Über die breite, durchaus engagierte Masse wird kaum gesprochen. Dazu kommt, dass viel zu oft über Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler gesprochen wird, aber zu wenig mit ihnen. Auch die gern zitierten Vertreter der Lehrerverbände vertreten nur einen Bruchteil der Pädagogen. Dadurch entsteht ein Zerrbild. Zum Beispiel wirkt es so, als hätten wir Lehrkräfte selbst viel Gestaltungsfreiheit bei digitalem Unterricht. Leider stimmt das nicht. Mal abgesehen von fehlender Infrastruktur sind wir in der Wahl der Programme und Mittel sehr beschränkt.

Haben Sie die Hoffnung, dass die Corona-Krise die Schule nachhaltig und positiv verändert?

Auch die Wertschätzung gegenüber Bildung. Und überhaupt, an den grundsätzlichen Problemen von Schule werden auch ein paar neue Tablets oder schnelleres Internet kaum etwas ändern. Was mich aber wirklich freuen würde, wäre, wenn wir stärker über die Bedeutung von Wissenschaft und Aufklärung im Unterricht sprechen würden. Das beugt nämlich Verschwörungstheorien vor und rettet damit Leben. Das ließe sich ändern. Aber an eine grundlegende Änderung des Systems Schule glaube ich kaum.

Sie hören Metal, sind tätowiert, haben ein lockeres Mundwerk. Damit entsprechen Sie nicht gerade dem Bild einer typischen Lehrerin. Darum geht es auch in Ihrem Buch “Teach ʹEm All”. Warum haben Sie das “Anderssein” bewusst thematisiert?

Natürlich geht auch um meine ganz eigene Geschichte. Viel wichtiger war mir, etwas an unserem veralteten Lehrerbild zu rütteln. Einem Bild von Vorbildern und Experten im Klassenzimmer, allwissend, fehlerlos und unnahbar. Das ist ein Bild aus dem 19. Jahrhundert, das wir leider immer noch nicht losgeworden sind. Natürlich gibt es schon einige Kolleginnen und Kollegen, die nicht in die Schule gekommen sind, weil die Verbeamtung und das Gehalt so attraktiv erschienen, und die auch bereit sind, mit Konventionen zu brechen. Davon bräuchte es aber noch viel mehr. Wir erwarten schließlich von den Schülerinnen und Schüler auch Individualität. Doch dafür muss es auch im Lehrerzimmer bunter, unkonventioneller und vielfältiger werden – und zwar in alle Richtungen.

Schon an der Uni hat man angehende Lehrer von Weitem erkannt. Woran liegt das?

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Na ja, die Beamtenlaufbahn und das gute Gehalt zieht einen bestimmten Typ von Menschen an. Leider sind nicht alle wegen der Kinder oder der Liebe zu ihrem Fach in der Schule. Dazu kommt noch das System Schule. Vom ersten Schulpraktikum an steht man im Klassenzimmer ständig unter Beobachtung. Am schlimmsten ist das Referendariat, später kommen noch Laufbahnbewertungen oder die Eltern. Diese ewigen Beurteilungen führen dazu, dass sich viele Lehrkräfte Mühe geben, nicht anzuecken oder mit alten Mustern zu brechen. Ein gutes Beispiel ist unsere nicht vorhandene Fehlerkultur. Als Lehrer macht man keine Fehler oder man gibt es wenigstens vor den Schülern nicht zu. Das könnte ja die eigene Autorität untergraben – so ein Quatsch. Ich bin inzwischen der Meinung, dass ohne Vielfalt und unterschiedliche Denkansätze in der Lehrerschaft Bildungschancen verspielt werden. Das Klassenzimmer wird immer heterogener und vorne steht oft immer noch der gleiche Typ Lehrer. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.

Werden Sie von Ihren Schülern anders wahr- oder angenommen als der Deutschlehrer in Pullunder und Birkenstocks?

Ich laufe nicht den ganzen Tag durch die Schule und rufe “Schaut her, ich bin so unkonventionell”. Ich bin auch bei uns nicht die einzige Lehrerin, die aus dem Pädagogenklischee fällt. Trotzdem habe ich eigentlich ein ganz gutes Verhältnis zu meinen Schülerinnen und Schüler und selten größere pädagogische Probleme im Klassenzimmer. Aber ich glaube, dass liegt weniger am Metal oder den Tattoos, sondern eher daran, dass ich nicht viel von Hierarchien halte. Klar, muss ich eine Respektsperson im Klassenzimmer sein, anderseits darf ich meinen Schülern durchaus auf Augenhöhe begegnen. Ich glaube, das Gefühl, ernst genommen zu werden, bewirkt mehr als mein Aussehen.

Hatten Sie mit Ihrer Art und Haltung je Probleme im Lehrerzimmer?

Nee, eigentlich nicht. Im Referendariat war meine Devise, nicht auffallen und durchkommen. Danach hatte ich zum Glück immer sehr tolerante Schulleitungen. Außerdem weiß ich auch, dass ich vielleicht zum ersten Elternabend nicht in Band-T-Shirt und freiem Blick auf meine Tattoos auftauchen muss. Natürlich gab und gibt es vielleicht auch Eltern oder Kollegen, die über mich sprechen oder die Augen verdrehen. Davon bekomme ich aber wenig mit und es ist mir auch egal. Darüber nachzudenken, was andere von mir denken könnten, ist ohnehin Verschwendung von Lebenszeit. Nur weil jemand Tattoos hat oder Band-T-Shirts trägt, heißt das ja nicht, dass er weniger kompetent in seinem Beruf ist.

Was möchten Sie ihren Schülerinnen und Schülern mit auf den Lebensweg geben?

Gerade die jungen Erwachsenen in meinen Oberstufenkursen sind sehr darauf bedacht, in allem gut zu sein. Von ihnen selbst und ihren Eltern wird schon eine Drei als schlechte Leistung verstanden. Davon müssen wir wegkommen. Auch über eine Drei darf man sich ruhig freuen, immerhin geht die Skala bis sechs. Und auch eine wiederholte Klasse ist kein Weltuntergang. Ich habe auch drei Semester “World of Warcraft” studiert, weil mir das in dieser Zeit einfach mehr Spaß gemacht hat als so manche Vorlesung. Und am Ende hat es mir auch nicht geschadet. Deshalb ist die Botschaft an meine Schülerinnen und Schüler, mehr den eigenen Interessen zu folgen und sich von niemandem sagen zu lassen, dass man etwas nicht kann.

Über Caro Blofeld:

Caro Blofeld, Jahrgang 1982, hatte es damals mit Schule nicht so. Was lag also näher als ein Lehramtsstudium: Geschichte und Germanistik. Plus drei Semester “World of Warcraft” und nochmal zwei in “Betreutem Trinken”. Wahrscheinlich dank Letzterem überlebte sie wider Erwarten ihr Referendariat am Gymnasium und stellte völlig konsterniert fest: eigentlich ein toller Job! Also blieb sie dabei. Und hat es bisher noch nicht (oft) bereut. Inzwischen arbeitet sie seit fast zehn Jahren an einer Berufsschule in Baden-Württemberg. Dort unterrichtet sie die gymnasiale Oberstufe und kaufmännische Auszubildende.

“Teach ʹEm All” von Caro Blofeld, 224 Seiten, 16,95 Euro, EDEL Books. ISBN: 9783841907226. Das Buch erscheint am 4. September.

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