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Offener Brief nach Tod des Kindes: „Eine Bitte an die Behörden, eine Bitte um mehr Mitmenschlichkeit“

  • Dörte Dörschner hat im vergangenen November ihren dreijährigen Sohn Johann verloren. Eines Morgens lag er tot in seinem Bettchen.
  • Die Staatsanwaltschaft zeigt bei den anschließenden Ermittlungen kaum Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Trauernden.
  • In ihrer Wut und Trauer hat Dörte einen offenen Brief an die Behörden geschrieben.
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Sehr geehrte Kollegen der Ermittlungsbehörden und des Amtsgerichts, sehr geehrte Mitarbeiter der Rechtsmedizin,

eine wichtige Klarstellung zu Beginn dieses Briefes: Er ist keine Anklage. Er ist eine Bitte, eine Bitte um etwas mehr Mitmenschlichkeit in einem System, welches mit größtmöglicher Objektivität arbeiten soll, dabei aber immer Menschen betrifft. Menschen, die mit ihren schlimmsten Alpträumen konfrontiert werden.

Mein schlimmster Alptraum ist vor wenigen Wochen Realität geworden. Ich habe morgens, an einem Freitag, meinen dreijährigen Sohn leblos in seinem geliebten Bettchen gefunden. Er war nach allen Erkenntnissen, die wir bislang haben, ein gesunder, fröhlicher kleiner Junge. Ja, er kam als Frühchen zur Welt, aber er hatte alle Herausforderungen, die ihm in seinem viel zu kurzen Leben begegnet sind, mit seinem unbändigen Kämpferherzen bewältigt.

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In dieser für uns alle völlig unfassbaren Situation begannen nun die gesetzlich vorgesehenen staatlichen Ermittlungsmaßnahmen zur Aufklärung der Todesursache bzw. zum Ausschluss eines möglichen Fremdverschuldens. Das verstehe ich. Ich bin als Richterin selbst Teil des Rechtsstaats und ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt, dass er für unser aller friedliches Zusammenleben unabdingbar ist. Was ich hingegen nicht verstehen kann und will, ist, dass ein staatliches Verfahren, hier konkret das staatsanwaltschaftliche Todesermittlungsverfahren betreffend ein Kleinkind, verbunden mit einer Leichenöffnung, wie sie das Gesetz vorsieht, durchgeführt wird, ohne dass die Eltern im gesamten Ablauf auch nur ein einziges Mal mitfühlend, strukturiert und ohne das Fehlen essentieller Informationen einbezogen werden.

Es hat eine Woche gedauert, bis der kleine Körper meines Sohnes zur Bestattung freigegeben wurde bzw. bis wir uns von ihm verabschieden konnten. Alle Informationen, die ich im Laufe dieser schrecklichen Woche erhalten habe, habe ich bekommen, weil ich es war, die unablässig und ja, auch penetrant und unbeherrscht, danach gefragt hat. Einige der Informationen waren unvollständig und verwirrend. Die Beteiligten, Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft ebenso wie die Rechtsmedizin, haben aufeinander verwiesen und darauf, dass sie wegen der jeweils anderen Stelle keine Auskünfte erteilen würden oder dürften. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, dass der erforderliche richterliche Beschluss für die Obduktion meines Sohnes Mitte der Woche vorlag und diese durchgeführt wurde. Meine verzweifelte Bitte an die Mitarbeiter der Rechtsmedizin, ihn nicht aufzuschneiden, ohne, dass ich mein Einverständnis gebe, wurde nicht gehört. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass das Todesermittlungsverfahren ein objektives Verfahren ist und dabei auch ein fehlendes Einverständnis der Angehörigen durch eine Beschlagnahme des Körpers überwunden werden kann. Selbst in diesen dunklen Stunden hat mein Juristengehirn das nicht vergessen. Alles, was ich wollte, war, dass man mich in meinem Leid, in meinem Schmerz wahrnimmt. Ich bin doch seine Mutter. Es hätte mir geholfen, wenn man zu mir gesagt hätte: „Ihr unermesslicher Schmerz tut uns entsetzlich leid. Wenn Sie es möchten, führe ich Sie Schritt für Schritt durch das, was nun mit Ihrem Sohn passiert. Nein, leider werden Sie es faktisch nicht verhindern können, dass wir ihn untersuchen werden, um herauszufinden, woran er gestorben ist. Gibt es dessen ungeachtet irgendwas, was Sie mir mitgeben wollen, was Ihnen wichtig ist, bevor wir mit seiner Untersuchung beginnen?“ Die beständig wiederholte Aussage, dass das, was wir Eltern sagen, für das Verfahren letztlich ohne Belang ist, entspricht meinem Verständnis von Empathie hingegen nicht. Auch das mehrfach ausgesprochene Angebot „Rufen Sie mich wieder an, wenn Sie Fragen haben“ hilft nicht ohne Weiteres. Manchmal reicht die Kraft derer, die noch da sind, eben nur für ein einziges aktives „Durchringen“.

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Wie oft habe ich in jener Woche diesen Satz gehört: „Viele Familien wollen das alles ja auch gar nicht wissen.“ Das trifft sicher zu. Ich wollte es und bin gegen Mauern gelaufen. Es mag auch zutreffen, dass im Todesermittlungsverfahren bzw. vor einer Obduktion kein Rechtsanspruch der nächsten Angehörigen eines Verstorbenen auch nur auf Beteiligung bzw. auf eine Anhörung vor Durchführung der Maßnahmen besteht. Aber braucht Mitgefühl eine gesetzliche Grundlage? Ich meine, nein. Ich bin der Überzeugung, dass es bei aller gebotenen Sachlichkeit und professionellen Distanz im Rahmen der geltenden Regelungen Platz gibt für echt empfundene Empathie und Anteilnahme. Auch unser Bundesverfassungsgericht sieht ausdrücklich Raum für eine vorherige Beteiligung der nächsten Angehörigen; dies jedenfalls dann, wenn der verfolgte Untersuchungszweck nicht gefährdet wird. Dass Letzteres bei unserem Sohn der Grund für die fehlende Beteiligung war, wurde mir gegenüber aber stets verneint.

Mir hat es – über die eigentliche Situation hinaus – das Herz zerrissen, dass ich nicht wusste, was wann warum und auf welche Weise mit meinem Sohn geschieht. Ich wäre gerne gehört worden. Ich bin den Beteiligten sehr dankbar, dass sie das Verfahren immerhin nach dem Wochenende mit der ihnen möglichen Beschleunigung geführt haben. Warum hier, wenn man es sich „leisten“ kann, dass ein Körper nahezu drei volle Tage in der Rechtsmedizin verbleiben kann, ohne dass irgendetwas geschieht, keine Zeit für die verzweifelte Bitte einer Mutter sein soll, verstehe ich nicht.

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Als die eigentliche Obduktion abgeschlossen und der Körper meines Sohnes freigegeben wurde, wurden weitergehende Untersuchungen angeordnet. Dies konnten wir wiederum lediglich der Freigabeerklärung bzw. dem (vorläufigen) Sektionsbefund entnehmen. Nur auf hartnäckige Nachfrage erklärte sich die Rechtsmedizin bereit, mir zu erklären, was diese Untersuchungen bedeuten, warum sie angeordnet wurden und dass es Monate dauern kann, bis Ergebnisse vorliegen. Ich kann verstehen, dass man nur mit äußerster Zurückhaltung vorläufige Untersuchungsergebnisse bekannt geben möchte. Aber erscheint es nicht gerechtfertigt, einer Mutter, die ihr Kind verloren hat, auch ohne offiziellen Abschluss des Verfahrens und vor allem nicht nur, weil sie so unermüdlich „bohrt“, mitzuteilen, dass es bei der bisherigen Untersuchung keine Anhaltspunkte dafür gab, dass ihr Kind gelitten hat, als es starb? Dass es keine Anhaltspunkte dafür gab, dass es verzweifelt nach Mama und Papa gerufen hat, als es starb? Ich denke – ohnehin – jeden Tag darüber nach, ob ich etwas, irgendetwas hätte tun können, um mein Kind zu retten. An „guten“ Tagen hilft mir die Information, dass mein Sohn höchstwahrscheinlich nicht gelitten hat, ein wenig, mit dem unsäglichen Schmerz umzugehen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Mein Sohn ist tot. Daran kann keine Anhörung, Information oder Empathiebekundung der Welt etwas ändern. Aber es hätte mir ein erhebliches Mehr an Leid erspart, wenn man mich gefragt hätte, ob ich umfassend informiert werden möchte, und dies dann auch – von sich aus und ohne, dass ich viele Male telefonieren musste – getan hätte.

Dieser Brief ist viel länger geworden, als ich anfangs gedacht hätte. In jeder Nacht, in der ich nicht schlafen kann, weil ich mein Kind so entsetzlich vermisse, sind in meinem Kopf Bruchstücke und Gedanken hinzugekommen. Falls Sie ihn dennoch, vielleicht auch mit Stirnrunzeln, zu Ende gelesen haben: Ich wünsche mir so, dass meine Worte bei Ihnen auf offene Ohren und Herzen stoßen. Verharren Sie nicht in Leitlinien oder Anweisungen, wie es „immer gemacht wird“. Ich weiß, dass niemand der Beteiligten aus Herzlosigkeit oder gar böser Absicht gehandelt hat. Aber letztlich spielt es für denjenigen, der leidet, keine Rolle, warum etwas geschieht oder nicht geschieht. Es tut einfach nur weh. Bitte fragen Sie die Familien, was sie in einer solchen welterschütternden Situation brauchen. Umfassende Informationen oder Nichtwissen oder auch irgendwas dazwischen, alles ist richtig. Geben Sie es ihnen, solange nicht zwingende gesetzliche Vorschriften dagegensprechen.

Dörte Dörschner

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Ein ausführliches Interview mit Dörte Dörschner über das Erlebte lesen Sie hier.

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