Kommentar: Nur Mut zur Elternzeit, Männer!

  • Laut aktuellen Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gehen nur 37 Prozent der Väter in Elternzeit.
  • Im Umkehrschluss bedeutet das, 63 Prozent lassen sich die Chance entgehen, Zeit mit ihrem Kind zu verbringen.
  • Das ist in vielerlei Hinsicht bedauerlich, wenngleich in manchen Fällen nachvollziehbar, findet unser Autor Birk Grüling.
Birk Grüling
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Hamburg. Als Gründe für die väterliche Zurückhaltung nennen die Forscher finanzielle Aspekte und Angst vor einem Karriereknick. Mütter werden an dieser Stelle sicher lachen, wenngleich auch nur ganz leise, schließlich wollen sie das schlafende Baby nicht wecken.

Die Fakten hinter der Emotion: Ich war selbst „nur“ drei Monate in Elternzeit und das auch zusammen mit meiner Frau – also quasi die Light-Version von Elternzeit. In dieser Zeit stand ich eines Vormittags an der Supermarktkasse und kaufte Windeln und Gläschen. Ein älterer Herr hinter mir lächelte meinen Sohn an und fragte nach seinem Alter. Zehn Monate, so alt sei sein Enkel auch. Zum Abschied gab er mir einen wehmütigen Rat: „Verbringen Sie Zeit mit ihren Kindern, seien Sie dabei, wenn sie aufwachsen. Ich habe das verpasst. Zum Glück sehe ich meinen Enkel häufig und kann etwas Zeit nachholen.“

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Wie viel Zeit will ich mit meinem Kind verbringen?

Die bittere Wahrheit hinter dieser kurzen Unterhaltung: Die Zeit mit den Kindern lässt sich nicht zurückholen. Schließlich werden sie so schnell groß - wie oft hört man diesen Satz als junge Eltern. Doch es scheint etwas Wahres dran zu sein. Jeder Vater sollte sich daher fragen, so wie der ältere Herr an der Kasse, ob er später, im Alter, wehmütig auf die jungen Väter schauen möchte, die viel Zeit mit ihren kleinen Kindern verbringen. Wie die Antwort auf diese weitreichende Frage ausfällt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Ich weiß, die Debatte um mehr Väterzeit hat viele Ebenen. Männer verdienen auch heute - in Zeiten von Emanzipation und Gleichberechtigung - oft noch mehr als Frauen. Selbst bei vermeintlich modernen Paaren herrschen traditionelle Rollenbilder, und sicher spielen auch finanzielle Aspekte eine Rolle – ein Haus muss eben abbezahlt werden. Und dann gibt es nach wie vor Firmen und Branchen, in denen Väter auf großen Widerstand stoßen, wenn sie in Elternzeit gehen wollen. Über all das wurde schon viel gesagt und geschrieben.

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Ausreden? Zählen nicht!

Nur eins sind all diese Fakten nicht, eine Ausrede für die wichtige Frage: Was für ein Vater möchte ich sein? Wenn die Karriere vorgeht, kann ich das verstehen. Wenn ich lieber im Büro sitze, als auf dem Spielplatz zu stehen, kann ich das verstehen. Allen anderen Vätern kann ich nur raten, gehen Sie in Elternzeit, möglichst lange, arbeiten Sie weniger, verbringen Sie Zeit mit Ihren Kindern – nicht nur am Wochenende. Seien Sie mutig, es lohnt sich, auch wenn manch ein Kollege über den Wunsch nach mehr Zeit mit dem Kind schmunzelt - oder mehr Elternzeit mit einer finanziellen Einschränkung einhergeht.

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Ich selbst arbeite inzwischen in Teilzeit, schmeiße den Haushalt, verbringe jeden Nachmittag mit meinem Kind. Natürlich ist das anstrengend, auch mal eintönig und manchmal vermisse ich das Büro. Trotzdem würde ich nie wieder tauschen wollen. Ist mein Modell ein Vorbild für andere? Nein. Jeder muss selbst entscheiden, welchen Rat er als alter Mann dem jungen Vater an der Kasse geben will.

Zur Person: Birk Grüling schreibt als Journalist über Familie und Bildung. Mit Frau und Kind lebt er im Hamburger Speckgürtel. © Quelle: privat