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Die Not in der Notbetreuung: Kitas und Schulen im Spagat zwischen Wunsch und Realität

  • Immer mehr Familien haben Anrecht auf einen Platz in der Notbetreuung in den Kindergärten und Grundschulen.
  • In Sachsen öffnen dieser Tage Kitas und Grundschulen sogar wieder für alle Kinder.
  • Das Problem: Beim Infektionsschutz gerät das Wohl der Kinder nur allzu oft aus dem Blick.
Leonie Schulte
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Zwei Schienen, zwei Spielautos, Stifte, Schere, Papier. Der mit Namen versehene Klebestreifen auf der Tischplatte markiert das abgesteckte Territorium: Der Tisch samt Stuhl ist der Platz für Mats (Name geändert) in der Notbetreuung, nur dort darf er sich frei bewegen. Der Infektionsschutz hält Mats auf zwei Meter Abstand zu seinen Freunden und den Erziehern — und das über viele Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Seit Beginn des Lockdowns geht das so. Wie lange es noch anhalten wird? Ungewiss.

Mats’ Grundschule liegt am Rande des Ruhrgebiets. Der Name wird hier nicht genannt. Es ist auch nur ein Beispiel von vielen. Natürlich gibt es auch viele Erzieher, Schulleitungen und Tagespfleger, die kreative Lösungen finden, um Kindeswohl und Infektionsschutz gleichermaßen Rechnung zu tragen. Und doch gibt es viele Einrichtungen wie die von Mats, die in Sachen Notbetreuung den vermeintlich sicheren Weg gehen.

An einer anderen Grundschule in Dortmund etwa sagt die Leitung der Offenen Ganztagsschule (OGS) zum Thema Hygiene: „Da haben wir alles im Griff!“ Wie es um die Situation der Kinder bestellt sei, da wird es schon schwieriger. „Wir bemühen uns, es für die Kinder gut zu machen. Bisher sind sie auch noch nicht verdrießlich“, so die Pädagogin.

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Auch in ihrer Einrichtung sitzen die acht Kinder der Notbetreuung an ihren einzelnen Tischen, mancherorts auch „Spiele-Inseln“ genannt. Dort essen sie ihr Frühstück, dort machen sie ihre Hausaufgaben. Kein Gesellschaftsspiel, kein Rollenspiel. Ist mit Abstand ja nicht möglich. „Stadt, Land, Fluss“, das ginge wohl. Aber nicht für Erstklässler. Die können ja noch nicht schreiben. Hin und wieder geht es mit zwei, drei Kindern nach draußen. Aber auch da nur mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz. „Natürlich wäre es mir lieber, die Kinder könnten frei spielen“, gibt eine OGS-Leitung in Dortmund zu, aber die Schulleitung lege die Regeln eben sehr streng aus.

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Psyche der Kinder muss stärker beachtet werden

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„Das geht völlig an der Lebensrealität der Kinder vorbei“, sagt Psychologe Dr. Claus Koch aus Berlin. Und gerade die Kinder, die aus unsicheren Verhältnissen kommen und aufgrund dessen sogar ein Anrecht auf einen Platz in der Notbetreuung haben, litten besonders an der mangelnden Nähe. „Für das Gros der Kinder wird eine solche, zeitlich begrenzte Situation, vermutlich keine schädlichen Auswirkungen haben“, glaubt der Bindungsexperte. Gut sei es aber auch für sie nicht — schon gar nicht, wenn die Situation, wie bereits jetzt, über viele Wochen anhalte. „Für die Kinder aber, die es ohnehin im Leben schwer haben, ist es gravierend!“ Gerade die Kinder, die auch zu Hause kaum Nähe erführen, bräuchten den Bindungskontakt in der Betreuung besonders dringend. Die kinderpsychologische Sicht müsse bei den Entscheidungsprozessen stärker berücksichtig werden, findet Koch. Auch wenn es um die Fragen zur Öffnung der Betreuungseinrichtungen geht, wie jetzt im Osten der Bundesrepublik.

Dabei macht die strenge Schulleitung in Dortmund zum Beispiel im Sinne der Vorgaben alles richtig. Das Schulministerium in NRW, das es bei der Wiedereröffnung der Schulen besonders eilig hatte, betont noch einmal auf Anfrage: „Auch bei der Notbetreuung ist der Mindestabstand von 1,50 Meter zwischen zwei oder mehreren Personen sicherzustellen.“ Immerhin könne man in besonderen Situationen, etwa wenn ein Kind Trost brauche, von der Abstandsregelung ablassen. Dann müsse aber ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden.

Mediziner wollen uneingeschränkte Öffnung von Kitas und Schulen

Kinder aus Infektionsschutzgründen über Stunden an einem Tisch zu halten, sei realitätsfern, sagt Professor Markus Knuf, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche in Wiesbaden. Er ist einer der Autoren einer jüngst veröffentlichten und durchaus Aufsehen erregenden Stellungnahme (vom 18. Mai). Aufgrund der gravierenden sozialen und gesundheitlichen Folgen der Schließungen fordern die Mediziner, Schulen und Kitas wieder zu öffnen — uneingeschränkt.

Gleich vier Fachgesellschaften (Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin , Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte) haben die Stellungnahme unterzeichnet.

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Angesichts der bisherigen Studien, die Kindern eine deutlich untergeordnete Rolle in der Corona-Pandemie zusprechen, sei „eine Öffnung auch ohne massive Einschränkungen durch Kleinstgruppenbildung und Barriereschutzmaßnahmen wie Abstandswahrung und Maskentragen möglich“, heißt es in dem Papier - das damit im deutlichen Widerspruch zu Empfehlungen der Virologen wie Christian Drosten und auch zu den bisherigen Vorgaben fast aller Bundesländer steht. Gleichzeitig betonen die Autoren, könnten zu einem späteren Zeitpunkt und bei neuer Datenlage die Situation wieder neu bewertet werden.

Entscheidungen sollten pragmatisch und handhabbar sein

Es gehe ums Augenmaß, sagt Professor Knuf. Und um Pragmatismus. Kinder einzukasernieren sei bei der derzeitigen Einschätzung ihres Ansteckungsrisikos schlicht nicht gerechtfertigt. Entscheidender als die individuelle Gruppengröße sei die Frage der nachhaltigen Konstanz der jeweiligen Gruppe und Vermeidung von Durchmischungen, etwa in den Pausen oder beim Bringen und Abholen der Kinder, schreiben die Fachgesellschaften. Der Schutz des Lehr-, Erziehungs- und Betreuungspersonals sei ebenso entscheidend, so die Autoren, einer vollständigen Öffnungen stünde der aber nicht entgegen.

Im Osten der Bundesrepublik gibt es bereits eine solche Öffnung. In Sachsen sind seit diesem Montag Kitas und Schulen wieder für alle Kinder geöffnet. Sachsen-Anhalt wird bald folgen. Doch der Vorstoß sorgt auch für Kritik. Nach einem Urteil des Leipziger Verwaltungsgerichts am Freitag wurde in Sachsen kurzerhand sogar die Schulfplicht für Grundschüler temporär außer Kraft gesetzt. Die Eltern einer Siebenjährigen hatten gegen die Öffnung der Grundschulen ohne Einhaltung des Mindesabstands von 1,5 Metern geklagt.

Zu viel Theorie - zu wenig Praxis

Unruhe gibt es auch bei den Kindertagesstätten: Zwar gibt es hier keine Abstandsregeln, aber noch größere Gruppen, weniger Personal und die Umsetzung der Hygiene-Vorschriften verlangen dem Personal einiges ab. Allen voran Zeit, die am Ende in der pädagogischen Arbeit fehlt, klagen Pädagogen. Vieles sei am Schreibtisch geplant, Menschen aus der Praxis in die Entscheidungen nicht einbezogen, kritisiert ein Erzieher aus einer sächsischen Großstadt im Gespräch. Das räche sich jetzt, denn Vieles sei nicht mit dem Wohle der Kinder realisierbar.

Von jetzt auf gleich öffnet seine Einrichtung wieder für alle 120 Kinder - mit der Bedingung, sich an Vorschriften wie von einander abgeschirmte Kinder-Gruppen und regelmäßiger Desinfektion von Oberflächen und Böden zu halten. „Oft können wir den Bedürfnissen der Kinder gar nicht gerecht werden“, so der 29-Jährige. Beispiel Eingewöhnung: Halten sich Einrichtungen an die Handlungsempfehlungen des Landes, müssen die Krippenkinder einen kalten Start in der Kita hinlegen. Nach acht Wochen zuhause bräuchten gerade die Kleinsten eigentlich eine neue Eingewöhnung, betont auch Psychologe Koch. Die Eltern allerdings dürfen die Kinder nicht begleiten, denn der Infektionsschutz in Sachsen sieht es vor, dass Außenstehende das Gebäude nicht betreten dürfen.

Und spätestens am Nachmittag wird der Infektionsschutz auf der anderen Straßenseite ab adsurdum geführt, findet der Erzieher. Auf dem Spielplatz des Viertels holen sich die Kinder dann das, was ihnen im Kindergarten gefehlt hat: die Nähe zu Spielkameraden der anderen Gruppen.





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