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Nähe zwischen Vater und Kind: Papa, warum umarmen wir uns nicht?

  • Körperliche Nähe zwischen Vätern und Kindern sollte genauso normal sein wie kuschelnde Mütter.
  • Der Realität entspricht das aber nicht. So mancher Vater ist unsicher bei Berührungen, auch der von unserer Autorin.
  • Dahinter steckt mehr als nur die Angst, etwas falsch zu machen.
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Niemand steht mir näher als mein Vater. Auch wenn wir uns selten nah waren, zumindest im wörtlichen Sinne. An Berührungen, gar zärtliche Umarmungen von ihm in meiner Kindheit kann ich mich nicht erinnern. Es gab auch kaum welche, bestätigt er bei einem unserer regelmäßigen Telefonate. „Ich hatte Angst“, sagt mein Vater mir heute, als 27-jährige Frau. „Ich hatte Angst, dass jemand sagt, ich würde dich falsch anfassen.“

Ein liebevoller Umgang zwischen Kind und Vater ist noch nicht gesellschaftlich anerkannt, schreibt Kollege Sebastian Hoff in einem Text über moderne, zärtliche Väter. Hoff zitiert darin unter anderem Martin Gnielka. Der Berater bei Pro Familia sagt, Väter seien einem Generalverdacht ausgesetzt, der sie im Umgang mit ihren Kindern verunsichere.

„Du weißt, die Leute im Ort reden“

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Diesen Druck spürte auch mein Vater. Das Wort Missbrauch spricht er nicht aus. Aber genau davor hatte er Angst. Dass jemand ihm vorwirft, er würde seine eigene Tochter belästigen. „Du weißt, die Leute im Ort reden“, schiebt Papa am Telefon nach. Sein Leben lang wohnt er schon im gleichen Dorf. Viele meiner Freundinnen und Freunde hatten Mütter, die Teilzeit arbeiteten und Väter, die Karriere machten – traditionelle Rollenverteilung also. Als alleinstehender Mann im eigenen Haus war Papa eine Art Exot im Dorf. Und wo wenig passiert, wird viel gequatscht. Auch Quatsch.

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Doch nicht nur das Gerede der Nachbarn fürchtete mein Vater. Als meine Eltern sich scheiden ließen, war ich noch ein Kleinkind. Ich wohnte danach bei meiner Mutter. Offenbar fiel meinem Vater körperliche Nähe zu mir als Baby, und als er noch mit meiner Mutter zusammenlebte, leichter. Das sehe ich beim Durchscrollen eingescannter Kinderfotos. Papa wirft mich in die Luft und fängt mich wieder auf. Papa gibt mir die Flasche. Ich liege schlafend auf Papas Brust. Die Bilder belegen, dass mein Vater mich als Baby umsorgt und umarmt hat.

Geteiltes Sorgerecht nach Scheidung

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Ein paar Jahre später verändern die Szenen sich. Fotos mit Körperkontakt gibt es kaum noch. Papas Oberkörper ragt aus einem neugebauten Brunnen, die Hand meines vielleicht neunjährigen Ichs liegt auf seiner Schulter. Auf einem anderen Bild posieren wir vor einer Palme. Ich sitze auf seinem Oberschenkel, aufrecht statt angeschmiegt. Mehr finde ich nicht.

Nach der Scheidung teilten sich meine Eltern das Sorgerecht. Im Guten getrennt haben sie sich nicht. Ein Teil der Familie meiner Mutter redete gegen Papa an. Sie wollten nicht, dass er sich so sehr um mich kümmerte, redeten schlecht über ihn bei mir – warum auch immer. Dabei war meinem Vater nichts wichtiger, als mich jedes zweite Wochenende zu sich zu holen. Wir fuhren in den Zoo, gossen Gipsfiguren oder guckten zusammen Filme. Allerdings: immer auf Abstand. Weil er Angst hatte, mich zu verlieren, hielt er mich lieber nicht fest.

Einsam und traurig

Mein Papa ist ein sensibler und kluger Mann. Er hatte sich vorgenommen, kein Patriarch zu sein, sondern ein moderner Vater. Papa saß beim Zahnarzt mit im Behandlungsraum, quälte sich auf Elternabende und bezog mich in Entscheidungen mit ein. Schon immer und bis heute kann ich mit meinem Vater über alles, wirklich alles reden.

Das Einzige, was mir manchmal fehlte, waren Berührungen. Bei der Beerdigung meiner Urgroßmutter nahmen Papas Schwestern ihre weinenden Teenager in den Arm. Papa und ich trotteten nebeneinanderher, still. „Warum hast du das nicht auch gemacht?“, fragte ich ihn damals als Jugendliche. „Bei uns ist das eben nicht so“, murmelte Papa, hilflos, nicht wirsch. In solchen Momenten fühlte ich mich sehr einsam und traurig.

Ein Vorbild fehlte

Ich glaube, mein Papa litt unter seinem eigenen Anspruch. Denn mein Opa, also sein Vater, ist distanziert. Ich als Enkelkind nehme ihn als herzlichen Mann war. Umarmungen oder anerkennende Schulterklopfer gibt es aber auch von ihm nicht. Wenn Papa von seiner Kindheit berichtet, werden seine Gesichtszüge manchmal hart. „Opa hat sich immer rausgehalten und alles rund um uns Kinder Oma überlassen“, sagt er dann. Berührungen zwischen Vater und Sohn habe es nicht gegeben.

Kein Wunder also, dass es meinem Papa schwerfiel, mir als Kind über den Rücken zu streichen, um mich zu trösten oder mir die Hand vor einer wichtigen Prüfung zu halten. Zusätzlich zu seiner Angst, jemand könne ihn der Belästigung verdächtigen und das Sorgerecht entziehen, fehlte ihm ein Vorbild.

Unbeholfene Umarmungen

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Seitdem ich erwachsen bin, hat sich jedoch etwas geändert. Ganz langsam hat es sich eingeschlichen, dass Papa und ich uns zur Begrüßung und zum Abschied in den Arm nehmen. Die Umarmungen sind bis heute steif und etwas unbeholfen – manchmal so sehr, dass wir drüber lachen müssen. Immer noch bin ich verunsichert. Soll ich jetzt seinen Rücken tätscheln oder lieber nicht? Kopf auf die rechte oder linke Schulter legen? Und wie lange umarmt man den eigenen Vater eigentlich?

Diese Gedanken sind da, aber nicht wichtig. Denn die Augenhöhe, die wir in unserer emotionalen Beziehung haben, setzt sich bei den Umarmungen fort. Papa bietet sie an. Er drängt sie und sich nicht auf. Ich denke, wer als Vater so mit seinen Kindern umgeht, kann auch bei Berührungen gar nicht viel falsch machen. Mein Papa jedenfalls macht so viel richtig, wie es ihm möglich ist. Er bemüht sich. Und das reicht.

Um die Privatsphäre ihrer Familie zu schützen, bleibt unsere Autorin anonym. Ihr Vater ist mit der Veröffentlichung der Geschichte einverstanden.

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