Nach einem Jahr Pandemie: Was Familien jetzt brauchen

  • Die partiellen Schulöffnungen täuschen darüber hinweg, dass die Folgen der Pandemie für Familien weiterhin gravierend sind.
  • Noch immer verwalten wir die Krise – obwohl wir bei vielen Themen gerade jetzt alle Hebel in Bewegung setzen müssen, um die schlimmsten Folgen für Familien abzuwenden.
  • Ideen dazu gibt es bereits. Fünf Anregungen, die wir bis zum Sommer umsetzen sollten.
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1. Schulkinder testen und fördern

Die Sorgen vieler Eltern sind groß: Wie viel hat mein Kind bisher an Schulstoff verpasst? Glaubt man Bildungsexperten wie Aladin El-Mafaalani, könnte sich der Bildungsverlust, der sich in diesem alles andere als normalen Schuljahr angehäuft hat, ein Leben lang bemerkbar machen – sofern nicht gegengesteuert wird. Die Kultusministerien halten sich bislang bedeckt, wenn es um konkrete Lösungsangebote geht. Dabei müssten wir jetzt damit anfangen!

Und zwar zuerst einmal damit, uns einen Überblick zu verschaffen. In vielen Ländern sind Vergleichsarbeiten ausgefallen, weshalb ein wichtiger Indikator dafür fehlt, wo in der Corona-Krise Defizite entstanden sein könnten. Viele Kinder, Jugendliche und Eltern sind verunsichert: Wo stehen die Schülerinnen und Schüler überhaupt? Gerade in der Grundschule lernen Kinder die Basiskompetenzen, um im weiteren Schulleben bestehen zu können. Wie viel davon haben sie auch in der Corona-Zeit erworben, wie viel tatsächlich verpasst? Die Sorgen vieler Eltern sind groß und der Druck auf die Kinder enorm. Wobei kaum jemand weiß: Sind die Sorgen auch berechtigt? Um das herauszufinden, müssten Kinder auf ihre Kompetenzen getestet werden.

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Klingt kompliziert? Nun, nichts anderes macht zum Beispiel die Initiative „Chancenwerk“ seit vielen Jahren für benachteiligte Kinder. Dazu nutzen sie Testverfahren, die etwa vom Land NRW selbst zur Verfügung gestellt werden. Sie überprüfen damit nicht, ob die Hausaufgaben im Fach X richtig gemacht wurden, sondern es geht an die Wurzel, nämlich um die Basiskompetenzen der Kinder. Hat das Kind überhaupt die Grundrechenarten verstanden? Kann es bruchrechnen oder Volumen berechnen? Fallen hier Defizite auf, werden die Kinder gezielt in kleinen Lerngruppen gefördert. Übrigens von Studierenden – eine Idee, die in der Corona-Krise immer wieder von Expertinnen und Experten gefordert wurde, um die Schülerinnen und Schüler in den Lockdownphasen besser zu unterstützen.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Die Bundesrepublik zählt über 32.000 Schulen und über acht Millionen Schülerinnen und Schüler. Organisationen und Schulleitungen können das Problem nicht alleine bewältigen. Und den abgehängten Kindern in den Ferien einfach Extraaufgaben aufzudrücken, wird ihre Probleme nicht lösen – dafür aber andere eher verstärken, wenn sie wieder nur allein zu Hause sitzen, statt mit anderen Kindern draußen frei zu spielen.

Kinder zu testen und, wenn nötig, individuell in Kleingruppen zu fördern, würde Geld und Zeit kosten. Möglich ist es, und auf jeden Fall besser, als Kinder blind zu versetzen oder sie nicht zu versetzen – und damit die Probleme einfach auf die nächsten Jahre zu verschieben.

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2. Eine Corona-U für jedes Kind

Dass Kinder und Jugendliche unter den Folgen der Pandemie besonders leiden, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Ebenso wissen wir, dass viele Kinder durchs Raster fallen: Jene, die Gewalt erfahren, gerade aber nicht von Erziehern oder Lehrern gesehen werden. Jene, die einsam sind und nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Jene, die unter dem Druck in der Schule zusammenbrechen, für die Sozialarbeiter aber gerade nicht greifbar sind. Jene, die an Gewicht zugenommen haben oder besorgniserregend dünn geworden sind, die unter Rückenschmerzen leiden, weil sie sich nicht mehr bewegen oder die, die drohen, in eine Depression zu rutschen.

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„Warum machen wir nicht eine Corona-U für jedes Kind“, fragt Miriam Schulte, Hausärztin und Mutter von vier Kindern. Derlei Untersuchungen finden in den ersten Lebensjahren ohnehin regelmäßig statt, die Abstände allerdings werden im Laufe der Zeit immer größer – schon in der Grundschulzeit liegt der Abstand zwischen den Untersuchungen bei mehreren Jahren.

Doch sollte nicht gerade in dieser herausfordernden Zeit jedes Kind einmal von einem Arzt oder einer Ärztin gesehen worden sein? Etwa, um mögliche physische und psychische Folgen der Pandemie zu dokumentieren und noch jetzt, in der Phase einer möglichen Latenz, Maßnahmen zu ergreifen und gegenzusteuern, ehe wir uns über die, womöglich viel weitreichenden und kostenintensiveren, chronischen Folgen Gedanken machen müssen.

3. Erholung für jedes Elternteil

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Die Betreuungseinrichtungen wurden ohne wirkliche Kompensation geschlossen. Seit Monaten versuchen Eltern Beruf, Betreuung und Homeschooling unter einen Hut zu bekommen. „Die Belastungen werden zwar anerkannt, aber dass sie auch für Erwachsene nicht ohne Folgen bleiben, hat bislang in der politischen Debatte keinen Platz“, schreibt die Journalistin und Mutter zweier Kinder, Teresa Bücker, im „SZ-Magazin“.

Die tiefe Erschöpfung, die besonders viele Mütter gerade spüren, wird nicht weggehen, weil vielerorts die Grundschulen für wenige Stunden wieder geöffnet haben. Sie wird auch nicht weggehen, wenn Kitas und Schulen wieder regulär geöffnet sind. Weil Eltern, die Betreuungszeiten dafür nutzen werden, um zu arbeiten – damit sich ihre Arbeitszeiten nicht auch weiterhin, wie es bei vielen der Fall ist, in die Nacht, die frühen Morgenstunden oder auf das Wochenende verlagern.

Schon ohne Pandemie ist es in der Rushhour des Lebens turbulent. Also in jener Zeit, in der die Kinder klein sind und berufliche Weichen gestellt werden wollen. Ein Umstand, der schon ohne Corona Eltern immer wieder hat ausbrennen lassen. Jetzt unter Corona hat sich die Lage enorm verschärft. „Frauen, die zur Mutter-Kind-Kur oder einer Mütterkur kamen, waren schon immer sehr erschöpft. Die aber, die jetzt zu uns kommen, sind am Anschlag. Manche weinen einfach nur noch“, sagte Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerkes, im Interview mit dem RND.

Als Gesellschaft sind wir darauf angewiesen, dass Eltern ihren Job als Mutter oder Vater einigermaßen gut hinbekommen. Wie sie dauerhaft psychisch stabil bleiben, um diesen Job auch auszufüllen, dafür fühlen wir uns als Gesellschaft bislang nicht verantwortlich. „Die Frage, wie Eltern und andere Care-Giver Zeit für sich finden können, ist also niemals eine Luxusdebatte, selbst jetzt nicht – sondern ein Public-Health-Thema, das die langfristige Stabilität von Familien und die Entwicklung von Kindern betrifft. Menschen brauchen mehr als Essen und Schlaf, um gesund zu bleiben. Und eine angeschlagene Psyche muss ebenso behandelt werden wie ein gebrochenes Bein oder eine entzündete Lunge“, schreibt Bücker dazu.

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Wir könnten damit anfangen und Müttern und Vätern den Zugang zur Kur erleichtern. Bisher müssen medizinische Kriterien erfüllt sein und mindestens vier Jahre zwischen den Kurmaßnahmen liegen. Und nicht selten brauchen Eltern ein großes Stück Hartnäckigkeit, weil Anträge zunächst abgelehnt werden. Hürden, die wir schon jetzt abbauen könnten. Eine angeschlagene Psyche braucht Zeit für Erholung – ob nun als Kur oder, wie es Teresa Bücker fordert, als Corona-Sonderurlaub nach der Pandemie.

4. Mütter und Väter brauchen Schutz im Job

Selbst wenn Kinder langsam wieder in die Betreuungseinrichtungen zurückkehren – von Alltag ist längst noch nicht zu sprechen. Nicht wenige Eltern plagt weiterhin die Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Tatsächlich sind Mütter und Väter nach Ablauf des Elterngeldes nicht mehr explizit geschützt vor Diskriminierung im Job. Welche Folgen das haben kann, hat der schwedische Modekonzern H&M jüngst gezeigt: Laut Medienberichten will sich die Modekette mitten in der Corona-Krise von mehreren Hundert Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen trennen – vorwiegend Müttern.

Um Eltern besser im Job zu schützen, verlangt die Initiative „proparents“ um die bloggende Juristin und Mutter Sandra Runge, Elternschaft als Diskriminierungsmerkmal in den § 1 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) beziehungsweise eine Ergänzung des AGG aufzunehmen.

Hierzu heißt es bei der Initiative: „Eine entsprechende Regelung im AGG würde alle berufstätigen Eltern, unabhängig von Familienstand und vom Geschlecht umfassen: Mütter, Väter, egal, ob alleinerziehend, oder in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft – vom Minijobber bis zur Geschäftsführerin. Sie alle wären durch eine klare gesetzliche Grundlage vor Benachteiligungen geschützt, könnten Anspruch auf Schadensersatz geltend machen und sich im Diskriminierungsfall auf eine Beweislastumkehr stützen.“

5. Ferienprogramm für alle Kinder und Jugendlichen

Schon im normalen Leben stellt die Ferienbetreuung Eltern vor Herausforderungen. Etwa 75 Schließungstage stehen den durchschnittlich 30 Urlaubstagen angestellter Mütter und Väter gegenüber. Die Kinderkrankentage-Erweiterung hat in den Schließungszeiten von Kita und Schule in manchen Fällen kleine Überbrückungshilfen gegeben. Aber der nächste Schnupfen kommt bestimmt! Und um an das vorherige Thema anzuknüpfen: Urlaubstage sind zur Erholung da und sollten nicht nur zum Krisenmanagement verfeuert werden.

Tatsächlich fordern immer wieder Experten, wie auch der Bildungsforscher Mafaalani, die Ferien stärker zu nutzen. Diskutiert wird bislang aber nur über Lernangebote für bildungsschwache Schülerinnen und Schüler. Und selbst das wurde bislang kaum umgesetzt. Die Osterferien stehen vor der Tür – in den allermeisten Kommunen werden auch dieses Mal die Schultüren für diese Zeit geschlossen. Warum eigentlich?

Schon Anfang Februar haben Experten, wie die Psychologie-Professorin Fabienne Becker-Stoll, an die Politik appelliert, jetzt Maßnahmen zu ergreifen, um die Folgen für Kinder, Jugendliche und die Familien abzufedern. Die Entwicklungspsychologin fordert unter anderem ein ausgiebiges Ferienprogramm, um Bildungsverluste der Kinder auszugleichen und die Eltern zu entlasten. „Kommunen sollten dazu verpflichtet werden, in den Ferien ein kostenloses und pädagogisch anspruchsvolles Programm für alle Kinder anzubieten“, so Becker-Stoll. „Mit Mittagsverpflegung und Betreuung bis zum Nachmittag.“

Tatsächlich böte ein umfangreiches Programm nicht nur Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, kreativ zu sein, sich zu bewegen und Erfahrungen als Team zu machen – es könnte auch jene wieder mehr einspannen, die in der Krise bislang um ihre Existenz bangen mussten: die Musiklehrer oder Theaterpädagoginnen, die Sportstudierenden und Fotografinnen. Die Bäcker, die Restaurantbetreiber. Aber auch die Lehrerinnen in Rente, den Hobbybastler, die Gärtnerin und alle anderen, die sich in der Nachbarschaft rund um die Schule finden lassen.

Das zu planen und zu organisieren, darf nicht auf den Schultern der Schulleitungen lasten. Hier sind die Kommunen gefragt. Der erste Einwand wird sein: Dazu braucht es aber ein Hygienekonzept. Ja, das braucht es. Die wichtigste Hürde aber, die es jetzt zu nehmen gilt, ist bei all den Maßnahmen das Wollen.

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