Mutter oder Vater zu Hause pflegen – wie schaffe ich das?

  • Keine Tagespflege, kein Pflegedienst mehr: Corona hat die Arbeit der pflegenden Angehörigen im vorigen Jahr zusätzlich erschwert.
  • Die Situation bessert sich zurzeit – doch für viele bleiben die alten Fragen: Schaffe ich das, Vater oder Mutter zu Hause zu pflegen, wo finde ich Hilfe?
  • Ingrid Rössel-Drath von der Caritas kennt die Sorgen und Nöte pflegender Angehöriger seit vielen Jahren – sie warnt vor falschem Ehrgeiz und Altersarmut.
Katrin Schreiter
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Leipzig. Zu Beginn der Pandemie waren Einrichtungen der Tagespflege, in denen Pflegebedürftige tagsüber betreut werden, wochenlang geschlossen. Auch ambulante Dienste fielen aus oder wurden aus Angst vor Infektion nicht mehr genutzt. Die zusätzliche Arbeit mussten die schultern, die ohnehin schon in ihrem Alltag sehr belastet sind.

Doch auch ohne Corona müssen pflegende Angehörige viele schwierige Fragen beantworten. Ingrid Rössel-Drath vom Caritasverband für die Diözese Limburg kennt die Probleme aus langjähriger Erfahrung durch den Aufbau einer Interessenvertretung von pflegenden Angehörigen.

Was sollte ich im Vorfeld bedenken?

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Ingrid Rössel-Drath: Man sollte sich als Erstes klarmachen, dass sich häusliche Pflege oft über einen langen Zeitraum hinziehen kann. Im bundesdeutschen Schnitt liegt der aktuell bei 6,7 Jahren. Das heißt also auch, ich muss mir vor der Entscheidung die Fragen beantworten: Kann ich mir das leisten? Wie müsste ich es organisieren? Und wen könnte ich aus der Verwandtschaft noch mit ins Boot holen, um die Arbeit auf mehreren Schultern zu verteilen?

Dabei geht es also erst einmal um die pflegenden Angehörigen …

… genau. 80 Prozent aller zu pflegenden Menschen werden zu Hause betreut – zwei Drittel davon ohne Pflegedienst, allein durch pflegende Angehörige. Dahinter steckt aber ein hoher Preis, den die Angehörigen oftmals zahlen: psychische Erschöpfung bis hin zu Erkrankungen wie Depressionen, körperliche Beschwerden wie Rücken- oder Magenprobleme. Weil der Stress häufig zu groß ist. Dazu kommt oft noch soziale Isolation und das Gefühl, alleingelassen zu sein.

Und wie ist die finanzielle Situation?

Das Problem ist oft mindestens genauso groß. Wer durch das Pflegen seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, gerät später nicht selten in Altersarmut. Das betrifft vor allem Frauen, die ja in der Regel zum Pflegen zu Hause bleiben. Aktuelle Zahlen belegen, dass das Einkommen von 44 Prozent der pflegenden Angehörigen unter 1000 Euro im Monat liegt. Obwohl sie also selbst einen großen gesellschaftlichen Beitrag leisten durch die zumeist unbezahlte Pflegearbeit, geraten sie selbst schnell ins Abseits – das muss man wissen!

Wie sieht die Unterstützung aus, um Beruf und Pflege zu vereinbaren?

Da ist noch viel Luft nach oben, um eine gerechtere Pflege zu erreichen. Die Leistung der pflegenden Angehörigen wird nicht ausreichend und armutsfest honoriert. Statt eines Darlehens, das die Pflegenden derzeit erhalten können, müsste es eine Lohnersatzleistung geben – mindestens in der Höhe des Elterngeldes, das ja der Staat bereit ist zu zahlen. Pflege sollte nicht auf dem Rücken von Frauen ausgetragen werden (im wahrsten Sinn des Wortes), sondern zu einer echten gesamtgesellschaftlichen Aufgabe werden mit zum Beispiel einer Pflegebürgerversicherung, die alle Einkommen einbezieht, die Kosten deckt und pflegende Angehörige für das eigene Alter absichert.

Um Verbesserungen zu erreichen, ist es wichtig, dass pflegende Angehörige ihre Stimme erheben und sich in Interessenvertretungen engagieren wie bei der Interessenselbstvertretung von pflegenden Angehörigen (IspAn) oder auch Wir pflegen e. V. Das kann mittlerweile ja auch digital geschehen über die sozialen Medien, Selbsthilfe-Apps oder Videokonferenzen.

Ingrid Rössel-Drath ist Referentin für Förderung von Interessenselbstvertretung in der Behindertenhilfe und Pflege beim Caritasverband für die Diözese Limburg. Sie betreut, zusammen mit dem Caritasverband Frankfurt sowie dem Caritasverband Breisgau-Hochschwarzwald das Caritas-Projekt Interessenselbstvertretung von pflegenden Angehörigen (IspAn), das seit 2008 pflegende Angehörige unterstützt, die notwendigen Änderungen in Politik, Gesundheitssystem und Gesellschaft selbst einzubringen. © Quelle: Ingrid Rössel-Drath
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Was muss ich wissen, wenn ich aus dem Beruf aussteige?

Man sollte auf jeden Fall seine eigene Absicherung im Blick behalten. Was viele nicht wissen: Sie haben sowohl Anspruch auf Rentenzahlung durch die Pflegekasse desjenigen, für den die Pflege geleistet wird, und auf Weiterzahlung in die Arbeitslosenversicherung. Zudem besteht eine gesetzliche Unfallversicherung für die Pflegezeit. Allerdings reichen die Zahlungen nicht aus, um eine armutsfeste Altersrente zu erreichen.

Wo erhalte ich derzeit Hilfe für die Pflege zu Hause?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich bei der häuslichen Pflege unterstützen zu lassen. Sehr sinnvoll wäre ein Pflege-Mix mit unterschiedlichen Bausteinen. So könnte es gelingen, die eigene Berufstätigkeit fortzusetzen und die eigene Gesundheit und Lebensqualität zu erhalten:

  • Der ambulante Dienst steht dem zu Pflegenden zu, wenn er einen Pflegegrad hat. Er übernimmt häufig Aufgaben wie duschen oder umbetten.
  • Die Tagespflegeeinrichtung übernimmt die komplette Betreuung – zum Beispiel für die Tage, an denen der Angehörige arbeiten geht. Informationen dazu geben die Krankenkassen/Pflegekassen bzw. Pflegestützpunkte vor Ort.
  • Die Verhinderungspflege, die die Pflegekasse ebenfalls zahlt, entlastet den Angehörigen ebenfalls für bestimmte Stunden oder Tage, an denen er selbst Termine hat bzw. einen Erholungstag plant.
  • Die Kurzzeitpflege unterstützt die pflegenden Angehörigen, wenn für sie Urlaub ansteht oder auch ein Krankenhausaufenthalt. Allerdings gibt es zurzeit vielerorts zu wenige Plätze.
  • Auch Entlastungsleistungen, die ebenfalls die Pflegekasse zahlt, unterstützen mit einer Haushalts- oder Betreuungshilfe. Auch hier fehlen oft vor Ort passende Dienstleister, sodass dieses Angebot dann nicht genutzt werden kann.
  • Nicht zuletzt sollte man bei den Seniorenbüros vor Ort anfragen, welche Möglichkeiten sich zusätzlich zur Entlastung ergeben. Bundesweit gibt es 450 Seniorenbüros, die über ehrenamtliche Hilfen und Netzwerke in den Kommunen Bescheid wissen.

Und wenn ich nach Monaten oder Jahren merke, dass ich nicht mehr kann?

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Es gibt immer Wege aus der Notsituation heraus: Eine Alternative könnten Wohngruppen oder Wohngemeinschaften sein sowie Mehrgenerationenhäuser oder sogenannte Live-in-Arrangements. Auf keinen Fall sollte man die Lasten alleine tragen und sich am besten bei einem neutralen Dritten Rat holen: Das hilft auch, Themen wie das Gefühl von Überforderung, Ärger, Schuld oder falscher Verpflichtung anders in den Blick zu nehmen.

Zum Beispiel gibt es die Website Pflegen und Leben speziell für pflegende Angehörige mit einer Online- oder Chat-Beratung. Auch die Caritas berät online zum Thema Leben im Alter, ebenso die katholische Kirche in ihren zahlreichen Lebens- und Familienberatungsstellen.

Informationen zu den verschiedenen Aspekten der Pflege gibt es auch auf beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Und im Zentrum für Qualität in der Pflege sind alle Beratungsstellen sowie wichtige Informationen in einer zentralen Datenbank erfasst.

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