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Mut zur Authentizität: Warum wir uns nicht mit anderen Müttern vergleichen sollten

  • „Wir machen uns viel zu viel Druck“, sagt Dreifachmutter und Erfolgsbloggerin („Stadt Land Mama“) Lisa Harmann, die mit Mann und drei Kindern auf dem Land lebt.
  • Jetzt hat sie zusammen mit ihrer Kollegin Katharina Nachtsheim einen Mutmacher für Mütter im ersten Jahr mit Kind geschrieben.
  • In ihrem Buch „Wow Mom“ gibt sie Einblicke in ihren persönlichen Mamaalltag und ermutigt Frauen, es nicht zu übertreiben mit dem täglichen Anspruch an sich selbst.
Silia Wiebe
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Wir tragen unsere brüllenden Babys durch die Nacht, basteln Monsterlaternen und ziehen in die Schlacht um die beste Kita, den sichersten Kindersitz, die hautverträglichste Windel. Sind wir die coolste oder die übertriebenste Müttergeneration, die es je gab?

Ich glaube, wir sind die coolsten Übertriebenen der Welt. Tolle Eltern, die manchmal einfach überfordert sind von den vielen Ansprüchen und Wahlmöglichkeiten der heutigen Zeit. Und vom ständigen Vergleich mit anderen. „Warum kriegt die das so locker hin und ich nicht?“ Das sieht ja bei Instagram auch immer alles so herrlich entspannt aus mit Säugling.

Erschöpfend ist nicht nur das tägliche Familienprogramm, sondern auch der ständige Vergleich mit anderen Müttern. Die Nachbarin ernährt ihr Kind vegan, die Kollegin wurde schon wieder befördert, unsere eigene Mutter hat das mit den Ritualen besser hingekriegt.

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Das kann runterziehen. Total. Viel besser wäre es, den Spieß umzudrehen und zu sagen: Cool, dass es heute möglich ist, Familie so unterschiedlich zu leben. Wir brauchen keinen Neid, wir brauchen Verbündete.

„Stadt Land Mama“: Lisa Harmann (links, Landmama) und Katharina Nachtsheim (Stadtmama) betreiben den gleichnamigen und sehr erfolgreichen Blog, in dem sie den eigenen Worten nach über „Gefühle und Alltag, Versagen und Glück“ schreiben. Außerdem arbeiten die beiden Journalistinnen und Mütter von je drei Kindern auch als Autorinnen für das RND. © Quelle: Charles Yunck

Und wir brauchen den ganzen Druck nicht, den wir uns selbst machen. Wie entsteht der Druck überhaupt?

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Da kommen viele Dinge zusammen: Der schon angesprochene Blick nach links und rechts, der uns sagt: Hey, die Mutter von gegenüber kriegt das doch auch hin, stell dich nicht so an. Da ist die Schule, die meint, wir könnten nach dem Kaffeeausschank beim Elternsprechtag auch noch Muffins backen. Da ist der Job, in dem wir funktionieren wollen, als wären wir keine Mütter. Da sind die Kinder, denen wir zeigen wollen, dass sie und nicht der Beruf die Nummer eins sind. Da sind all die Freizeitbeschäftigungen der Kinder, die Steuer, der Kindergeburtstag, das Gespräch mit dem Lehrer.

Wir wollen Supermütter sein, aber auch tolerante, begehrenswerte und lässige Partnerinnen in der Beziehung.

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Die Sexualpädagogin Katja Grach sagt in unserem Buch: „Die meisten Partner schlafen mit ihren Frauen auch unglaublich gern, wenn die sich nicht zuvor in Dessous auf dem Bett drapiert haben.“ Allein diese Aussage entspannt doch schon, oder? Wir müssen keine eierlegenden Wollmilchsäue sein und in jedem Lebensbereich zu jeder Zeit brillieren. Wir dürfen auch mal auf der Couch gammeln ohne zu denken: Oje, wir haben uns die Kräfte falsch eingeteilt, wie dumm!

Reichen also einfach Eltern, die zugewandt sind, Zeit für die Kinder haben und ihnen Wertschätzung vermitteln?

Natürlich! Um mich nicht verrückt zu machen und durchzudrehen in all der Verantwortung, halte ich vor allem Authentizität für unabdingbar. Echte Gefühle! Unsere Kinder – da bin ich ziemlich sicher – wissen, wie sehr ich sie liebe. Aber sie wissen auch, wann sie mich an einen Punkt bringen, an dem ich fast explodiere. Wenn mein Sohn auch nach der tausendsten Ansage, er solle jetzt endlich aufhören, neben meinem Ohr zu bottleflippen, also halb leere Plastikflaschen so in die Luft zu werfen, dass sie stehend auf Tischen und Schränken landen, einfach stur weitermacht, könnte ich die Wände hochgehen.

Wer oder was holt Sie wieder von der Palme?

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Mir hilft es, kurz rauszugehen und an meinen Humor zu appellieren. Oder darüber zu schreiben. Schreiben ist das beste Beruhigungsmittel. Also neben Schokolade.

Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim: „Wow Mom – Der Mama-Mutmacher fürs erste Jahr mit Kind“. Krüger 2019. 16,99 Euro. © Quelle: Fischer Krüger Verlag

In Ihrem Buch „Wow Mom“ zeigen Sie anhand von Schnappschüssen die Wahrheit über Ihre persönlichen Tiefs als Mutter. Man sieht Sie eindrucksvoll im Still-BH mit Augenringen und leerem Blick.

Ich liebe dieses Foto, weil es zeigt, dass das Muttersein nicht nur leicht ist, wie es uns die gefilterte Welt auf Instagram oder die Werbung und viele Magazine vermitteln. Die vermeintliche Perfektion, die wir alle anpeilen, führt nur zu neuem Druck. Da steht man abends übermüdet mit schreiendem Baby im Arm und denkt: Ich bin die Einzige auf der Welt, die es nicht entspannt hinkriegt. Wir wollen allen Frauen mit unserem Buch zurufen: „Du bist nicht allein! Du darfst als Mama voller Liebe sein, aber auch verzweifelt und wütend.“ Wir brauchen eine viel authentischere Darstellung von Familienleben in der Öffentlichkeit.

Ein Einblick ins wahre Mamadasein: Auch Phasen totaler Erschöpfung gehören dazu. Lisa Harmann mag dieses Foto von sich, weil es so unverfälscht zeigt, dass das Muttersein nicht nur leicht ist. © Quelle: privat

Fremde Frauen schreiben Ihnen, dass sie sich dank Ihres Ratgebers ermutigt fühlen, wieder Freundinnen zu sich nach Hause einzuladen, obwohl sich im Bad die Wäscheberge stapeln und in der Küche die halb vollen Kaffeetassen. Haben Sie mit Ihrem Buch einen Dominoeffekt losgetreten? Pfeifen immer mehr Mütter auf den Schein von Perfektion?

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Also wenn wir das erreicht haben, wäre es mehr, als wir zu träumen wagten. Meine Kollegin Katharina und ich haben beim Schreiben gesagt: Wenn nur eine Mutter findet, dass ihr das Buch Druck genommen hat, haben wir alles erreicht.

Neben unterdrückter Wut ist das schlechte Gewissen eine typische Nebenwirkung des Mutterseins.

Ein Psychocoach würde sagen: Umarme dein schlechtes Gewissen und nimm es an. Ich kann das nicht, aber ich trickse es aus. Als unsere Zwillinge zwei waren, fing ich noch mal an zu studieren. Dafür musste ich alle zwei Wochen für zwei Tage wegfahren. Herrlich! Ich hätte mir solche regelmäßigen Auszeiten mit Durchschlafen niemals als Mädelswochenende gegönnt. Und was die böse Tiefkühlpizza und Pressfleisch in Nuggetform angeht, lächle ich nur noch milde. Solange die Kinder noch Sport machen und dazu Gürkchen mampfen, ist alles gut. Genauso beim Medienkonsum: Solange sie noch raus an die frische Luft gehen, dürfen sie auch mal zocken.

Was haben Sie durch Ihre Kinder über sich selbst gelernt?

Wie dehnbar meine Nerven sind. Dass auch ich Grenzen habe. Wie tief Gefühle sein können. Und die Erkenntnis: Was wir als Eltern täglich für einen Job machen, ist mit nichts zu bezahlen. Ich wünsche uns Müttern Verbündete. Menschen, die unseren Einsatz schätzen, uns mal entlasten und uns Mut machen für all den Wahnsinn, den wir täglich erleben.