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Mom Shaming: Was gut gemeinte Kommentare und böse Anfeindungen in Müttern auslösen

  • Egal, was Mütter tun, irgendjemand hat immer etwas daran auszusetzen.
  • Sie können es anscheinend niemandem Recht machen – und werden für ihre Entscheidungen und Handlungen oft auch noch kritisiert.
  • Mom Shaming wird dieses unliebsame Phänomen genannt und es kann Mütter ernsthaft krank machen.
Helene Kilb
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Hannover. Nicht einmal königliche Mütter sind davor gefeit: Ende Januar spazierte Herzogin Meghan mit ihren Hunden durch den Wald auf Vancouver Island und trug dabei ihren acht Monate alten Sohn Archie in einer Babytrage. Als ein Paparazzo auf den Auslöser seiner Kamera drückte, hing Archie etwas schräg in der Trage – für etliche Menschen Grund genug, über die Herzogin herzuziehen, nachdem die britische Boulevardzeitung “The Sun” ein Bild von ihr veröffentlicht hatte. Einer der netteren Kommentare auf Twitter lautete: “Kann ihr mal jemand eine bessere Babytrage besorgen?” Eine Nutzerin schrieb: “Der arme Archie sieht aus, als würde er gleich aus der Trage fallen”, manche forderten eine Nanny für den Kleinen.

Erziehung: Jede Andersartigkeit ist falsch

“Mom Shaming” oder auch “Mom Bashing” nennt sich dieses Phänomen. Dabei wird ein Elternteil, in der Regel die Mutter, in seiner Rolle kritisiert – von Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten, von Menschen in der Öffentlichkeit oder von Wildfremden auf einer beliebigen Social-Media-Plattform. Aber warum ist das so?

“Früher gab es eine relativ einheitliche Norm, wie Mütter sich zu verhalten haben”, sagt die Berliner Psychologin Hedda Rühle. Sie ist selbst Mutter von zwei Söhnen und hat sich auf die Behandlung von Familien spezialisiert. “Heutzutage ist die Gesellschaft sehr individualisiert. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten und Ideen, wie Kinder zu erziehen sind, und jeder identifiziert sich mit seinem eigenen Konzept.” Alles, was von der eigenen Vorstellung der “richtigen” Erziehung abweiche, werde folglich als falsch eingeschätzt. Sie ergänzt: “Jede vermeintliche Andersartigkeit wird – mehr als früher – als bedrohlich wahrgenommen statt sie als bereichernde Variante zu sehen.”

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Oft greifen Mütter Mütter an

Ihre Meinung für sich behalten können dabei nur die wenigsten Menschen. Stattdessen hagelt es – vielleicht gut gemeinte, aber trotzdem unerwünschte – Ratschläge, wertende Kommentare bis hin zu direkten Anfeindungen. Dass es oft sogar Mütter sind, die glauben, anderen Müttern etwas sagen zu müssen, ist kein Zufall. Das können einerseits Mütter mit älteren Kindern sein, die ihr Erziehungskonzept für das einzig richtige halten. Andererseits auch frischgebackene Mütter.

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Denn: „Gerade Erstlingsmamas sind selbst oft sehr unsicher“, sagt Imke Dohmen. Die zweifache Mutter betreut als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Mama-Coach andere Mütter. “Vor dem Kind sind die Frauen unabhängig und frei, und auf einmal haben sie einen komplett neuen Job, für den es keine Einarbeitung und kein Studium gibt, der oft stressig ist.” Je weniger zufrieden diese Frauen mit der neuen Rolle seien und je geringer ihr Selbstwertgefühl, desto eher neigten sie zum Lästern über andere Mütter.

Mütter als besonders angreifbare Zielgruppe

Das Problem dabei: Mütter sind besonders empfänglich für Sticheleien jeglicher Art. "In seiner Mama-, aber auch Papa-Rolle ist man wahnsinnig empfindlich“, sagt Dohmen, “man will alles perfekt machen, holt sich viel Input über Bücher, Freundinnen, Krabbelgruppen und soziale Medien.” Ein Beispiel sei die Helikoptermutter, wie eine überfürsorgliche Mutter oft etwas abwertend genannt wird. “Das ist eigentlich eine ganz arme Person, die ständig Angst um ihr Kind hat und alles perfekt machen möchte.” Umso verunsicherter sei man als Mutter oder Vater dann, wenn trotzdem jemand Kritik äußere. Psychologin Rühle ergänzt: “Trotzdem sind es eher Mütter, die verbal angegriffen werden. Dass Väter bei der Erziehung so präsent sind, ist relativ neu. Von ihnen wird weniger erwartet. Sie müssen in den Augen der Gesellschaft nicht so perfekt sein.”

Mom Shaming hat ernste Folgen

Für die so angefeindeten Mütter hat das Mom Shaming mitunter ernste Folgen. “Das hohe Stresslevel kann eine Vielzahl von psychosomatischen Störungen auslösen, von Schlaflosigkeit über Verdauungsstörungen bis hin zur Depression”, sagt die Psychologin Rühle. “Das hängt jedoch davon ab, wie oft und massiv die jeweilige Mutter angegriffen wird, wie nah einem die Menschen stehen, die das tun, und wie verletzlich man selbst ist.”

“Wenn eine Frau ein starkes Selbstwertgefühl hat, prallen die Kommentare eher ab”, sagt Heilpraktikerin und Mama-Coach Imke Dohmen. Einen Vorteil hätten dabei Mütter, die sich die Verantwortung für das Kind wirklich zu gleichen Teilen mit dem Partner teilen. Denn dadurch besitze diejenige Mutter eine große Resilienz, also psychische Widerstandsfähigkeit. “Mütter sollten ganz bei sich sein”, sagt sie, “wenn sie feststellen, dass sie sich instabil in ihrer Mutter-Rolle fühlen und dass solche Kommentare sie sehr treffen, dann müssen sie sich innerlich stärken.” In Gesprächen hilft sie ihren Klientinnen dabei, das verlorengegangene Selbstwertgefühl wiederzufinden. Ihr Motto lautet: “Selbstliebe ist alltagstauglich.”

Toleranz und Respekt für Mütter

Allen, die sich so manchen Kommentar nicht verkneifen können, rät sie: “Haltet euch zurück mit Ratschlägen. Sagt nicht ‘Du musst das so und so machen’, sondern lieber ‘Bei mir hat das gut funktioniert’ – denn das muss ja nicht heißen, dass es bei anderen Menschen genauso gut funktioniert.”

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Darüber hinaus ist Toleranz gegenüber Müttern sicherlich eine gute Idee – genau wie eine alternative Rollenteilung: Ein Positivbeispiel ist die Rückkehr von Moderatorin Annika Begiebing vor die Kamera, drei Wochen, nachdem sie ihre Tochter zur Welt gebracht hatte. Neben wenigen vorwurfsvollen Kommentaren erntete die Fernsehmoderatorin auch jede Menge Respekt. “Powerfrau”, schrieb eine Nutzerin auf Instagram, eine andere war sich sicher: “Papa kümmert sich bestimmt sehr gut um die Kleine.”

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