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Depressionen und Burn-out: Kinderärztin mahnt: “Passt auf die Mütter auf”

  • Mütter leiden immer häufiger unter Depressionen und Burn-out.
  • Daher müsse das Mom-Shaming aufhören, findet Kinderärztin und Bestsellerautorin Dr. Karella Easwaran.
  • Mit welchen Sätzen wir unser Gehirn zu neuem Denken überreden können, erklärt die zweifache Mutter im Interview.
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Wer eine starke Gesellschaft will, müsse sich besser um die Mütter kümmern, findet Kinderärztin und Bestsellerautorin Dr. Karella Easwaran. In ihrem neuen Buch “Das Geheimnis ausgeglichener Mütter” gibt die Medizinerin Tipps, wie sich Mütter mit der “Beneficial Thinking”-Methode aus der Stressspirale befreien können. Mit welchen Sätzen wir unser Gehirn zu neuem Denken überreden können, erklärt die zweifache Mutter im Interview.

Sie sagen, die Gesellschaft müsse Mütter viel stärker in den Blick nehmen. Warum?

Weil Burn-out und Depressionen bei Müttern zunehmen. 30 Prozent mehr im Vergleich zu den letzten zehn Jahren. Wir wissen, dass Kinder, deren Eltern chronisch psychisch oder körperlich erkrankt sind, ein höheres Risiko haben, später selbst zu erkranken. Und auch unter Kindern und Jugendlichen nehmen Ängste und Depressionen zu. Das betrifft dann langfristig unsere ganze Gesellschaft. Deshalb mein Appell: Bitte passt auf die Mütter auf! Es ist brutal, wie schlecht manche Mutter behandelt wird.

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Aber woher kommt dieser Stress bei Müttern heute?

Einerseits haben sich die gesellschaftlichen Strukturen verändert, etwa das Fehlen der Großfamilie und das Bild der Familie insgesamt. Auf der anderen Seite haben die Aufgaben und damit der Stress der Mütter zugenommen. Die längere und bessere Ausbildung, die Berufstätigkeit, dazu noch der persönliche und der gesellschaftliche Druck, gute Leistungen zu erbringen, hat zugenommen. Dabei fühlen sich viele Mütter alleingelassen und nicht wertgeschätzt. Mit der Corona-Pandemie kam noch vieles dazu.

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Und betrifft das nur Mütter? Ihr Buch handelt ja nicht von Vätern …

Es ist eben immer noch so, dass es die Mütter sind, die sich zu 80 Prozent um die Kinder kümmern. Im Durchschnitt haben Mütter vier bis fünf Stunden mehr Arbeit am Tag als die Väter. Jedes Kind ist wie eine kleine individuelle Firma, die täglich gemanagt werden muss. Dazu kommt die Betreuung anderer Familienmitglieder, etwa der eigenen Eltern, und der Haushalt dazu. Tatsächlich wächst auch bei Vätern der Stress. Insofern empfehle ich Eltern, das Buch gemeinsam zu lesen.

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Was genau fordern Sie?

Ich fordere nichts, sondern wünsche mir, dass Mütter sich stärken und widerstandsfähiger werden, um wichtige Unterstützung und Anerkennung von der Gesellschaft einzufordern. Zum Beispiel mehr Wertschätzung und Verständnis dafür, dass Kinder anstrengend sind und Zuwendung bedürfen. Das fängt schon bei der Geburt an. Eine Hebammenbetreuung für alle Mütter, die sich das wünschen, faire und familienfreundliche Arbeitszeiten. Ausreichende Kinderbetreuung, mehr Unterstützung für alleinerziehende Frauen. Wichtig ist auch die zeitliche und finanzielle Entlastung der Mütter, um Kinderarmut zu bekämpfen. Das Ehegattensplitting ist zum Beispiel eine Wahnsinnsdiskriminierung.

Karella Easwaran, Kinderärztin. © Quelle: Amanda Dahms

Ich kann mir vorstellen, dass die Mütter aus Ihrer Praxis randvoll sind mit Themen, mit Sorgen. Viele haben für diese ganz großen gesellschaftlichen Fragen gerade gar keine Kraft.

Natürlich nicht! Ein Mensch kann nur sinnvoll denken, wenn er nicht in einer Stresssituation ist. Die Natur hat uns ja wunderbar gebaut und beschlossen: Wer gestresst ist, kann sich nur in einer Kampf- oder Fluchtreaktion befinden und kann nicht gleichzeitig denken.

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Das bedeutet, dass gestresste Menschen, die sich vielleicht existenziell bedroht fühlen, nicht in der Lage sind, konstruktive Lösungen für ihre Probleme zu finden. Sie werden unangenehm, denn sie sind kampfbereit, oder resignieren, vielleicht weil sie ein Burn-out oder ein depressives Verhaltensmuster entwickeln. Wer positive Veränderungen erreichen will, muss aus dem Stressmodus raus. Und das ist machbar.

Und wie?

Es fängt an mit der Selbstwahrnehmung. Ich habe in mein Buch eine Art Gebrauchsanweisung dafür geschrieben. Denn wir Menschen sind in der Lage, an uns zu arbeiten. Stressbewältigung kann man lernen, es braucht ein wenig Zeit. Meine Idee für dieses Buch ist die: Ich gebe euch eine kleine Hilfe und innerhalb von drei Monaten merkt ihr, dass ihr nicht mehr dieses Herzklabastern habt, dass ihr euch wohler fühlt. Erst wenn man dieses Gefühl hat, hat man auch die Kraft zu sagen: “Ich will das jetzt anders!“ Dann wird die eigene Widerstandskraft stärker – und damit auch das Selbstbewusstsein. Wissen Sie, das Image von uns als Müttern ist in der Gesellschaft wahnsinnig schlecht. Ich merke oft, wie Mütter als schwach und unfähig und hektisch beschrieben werden. Es muss klar werden, warum Mütter wichtig sind. Machen Sie mal mit. Googeln Sie “Warum sind Mütter …”.

Okay, einen Moment. Also Google ergänzt den Satz mit “so nervig”, “so anstrengend”, “immer schuld”, “ständig wütend” und “dumm” …

Das ist doch unglaublich! Und wenn ich den ganzen Satz google, also “Warum sind Mütter so wichtig”, gibt es dazu nichts. Die Gesellschaft scheint das gar nicht zu kennen, dass Mütter wichtig sind. Da sieht man, dass wir als Mütter immer schon alles geschluckt haben und weiter schlucken. Niemand erkennt, dass Mütter vulnerabel sind, verletzlich und gefährdet. Nein, man sagt: “Die ist doof, die kriegt es schon wieder nicht hin.” Und das möchte ich einfach ändern! Ich will, dass wir als Gesellschaft den Müttern sagen: “Danke, dass du dein Kind trägst! Denn dein Kind wird uns später versorgen!” Und ich sage den Müttern: “Du musst nicht immer zusammenbrechen. Lerne auch ein bisschen, dich zu stärken. Denn dich stärkt sonst niemand!”

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Dazu haben Sie eine eigene Methode entwickelt, das sogenannte Beneficial Thinking.

Ja, die habe ich tatsächlich für alle gestresste Menschen entwickelt, aber dieses Buch habe ich für Mütter geschrieben.

Was kann ich mir darunter vorstellen?

Als Erstes erkläre ich, wie das Gehirn funktioniert, und dafür habe ich eine Metapher entwickelt, nämlich das Beneficial-Thinking-Haus. Wer eine Veränderung will, soll am besten sich selbst betrachten und seine individuellen Probleme definieren. Es gibt bestimmte Übungen, die zeigen, wie wir unsere Stresshormone senken können. Denn die verursachen das Gefühl des Genervtseins und die Spannung. Es sind bestimmte Wirkstoffe, wie Cortisol und Adrenalin. Jedes Mal, wenn wir schimpfen oder genervt sind, schütten wir ein wenig davon aus in unseren Körper. Davon steigt unser Blutdruck, verengen sich die Gefäße, unser Immunsystem und unser Stoffwechsel leidet. Das sind ja Minimini-Mengen, die kumuliert über Monate oder Jahre die typischen Zivilisationskrankheiten verursachen. Das heißt: Ich muss lernen, anders mit meinen Gedanken umzugehen, damit ich gesünder lebe.

Und wie kann man das Denken verändern?

Veränderung entsteht durch Lernen. Und durch das Wiederholen gewöhnen wir uns schnell an das Neue. Jeder Mensch ist in der Lage, aus sich heraus eine Veränderung zu schaffen, um gesund, ausgeglichen und erfolgreich zu sein. Und dafür kann man bestimmte Übungen machen. Mir ist es wichtig zu sagen: Es reicht nicht, dass ich gesund bin, ich muss auch glücklich sein! Und ich muss auch Erfolge erleben. Gesundheit, Wohlbefinden und Erfolge erzielen müssen im Einklang sein, wenn wir ein inneres Gleichgewicht erreichen wollen.

Viele Sorgen sind in gewisser Weise aber auch berechtigt. Es gibt Verantwortungen, Umstände. Zum Beispiel ist mein Kind gerade krank zu Hause, während wir miteinander sprechen. So etwas können Eltern nicht einfach negieren.

Das stimmt. Dann müssen wir die Situation akzeptieren, und uns von den Sorgen verabschieden. Wir haben gelernt, dass Sorgen berechtigt sind. Sind sie es? Denn sie führen nur zu dem Stress. Und statt Sorgen empfehle ich immer zu denken. Genau hier liegt der Unterschied: Wir können Situationen annehmen und über eine Lösung nachdenken – und den Stress aber lassen. Viele Dinge kann man erst einmal nicht ändern, das ist klar. Es ist sogar sehr wichtig zu erkennen, welche Umstände unabänderlich sind, um sich nicht umsonst an ihnen abzuarbeiten. Denn einiges müssen wir einfach akzeptieren. Sich selbst, die eigene Perspektive auf diese Umstände kann man durchaus ändern. Denn um Umstände zu ändern, muss man Kraft haben.

Dann ist die wichtigste Frage vielleicht: Wie schafft man es, den Alltag wieder zu meistern, wenn man in so einer Stressspirale steckt?

Indem man anfängt, für sich selbst gut zu sorgen. Der Schlüssel ist, zu sich selbst zu sagen: “Ich will eine Veränderung!” Unser Gehirn ist dazu gemacht. Wenn ich sage “Ich will!”, gebe ich meinem Gehirn einen Befehl. Dann verändert sich schon die Wahrnehmung unserer Sinnesorgane. Man wird die Dinge anders betrachten. Das hängt mit den neuronalen Verknüpfungen in unserem Gehirn zusammen. Das ist unser Antrieb als Mensch und das ist es, worüber wir uns über die Jahrtausende entwickelt haben – der Wille zur Veränderung.

Dr. Karella Easwaran, “Das Geheimnis ausgeglichener Mütter: Starke Mütter – Starke Familien – Starke Gesellschaft“, Kösel-Verlag, 272 Seiten, 16 Euro. © Quelle: Kösel Verlag

Ist es so einfach: Ich muss es nur wollen?

Wenn man das Gefühl hat, keinen Ausweg aus einer Situation zu haben, eine Situation, die einen krank und traurig macht, dann kann dieser Satz “Ich will raus aus dieser Nummer!” wirklich helfen. Allerdings müssen wir ihn fünf-, sechs-, siebenmal wiederholen, damit sich der Schalter im Gehirn umlegt. Ich könnte in meiner Praxis täglich viele stressige Momente erleben, denn es ist immer eine Menge los, und dann habe ich meine meine eigenen Kinder und die sonstigen Sachen auch wie jede andere Mutter. Dadurch, dass ich diese Übungen seit Jahrzehnten mache, empfinde ich vieles gar nicht mehr als Problem, sondern als zu lösende Aufgabe. Ich habe gelernt, in vielen Situationen einen gedanklichen Switch zu machen. Und wenn es mir doch mal schlecht geht, rufe ich Freundinnen an und setze mein “Dorf” in Bewegung. Das lenkt mich ab und ich fühle mich wieder wohler.

Sind Sie denn nie gestresst?

Klar kenne ich das. Aber ich bin nicht so problemorientiert, ich bin lösungsorientiert. Und ich lasse nicht zu, dass mich diese Probleme überwältigen. Das wundert mich selbst manchmal. Gelingt mir nicht immer, aber immer öfter.

Wie können wir in wirklich stressigen Situationen, wenn die Kinder uns zur Weißglut bringen, gelassen bleiben?

In einer solchen Situation – ob die Kinder uns an den Rand der Verzweiflung bringen oder ob wir uns beispielsweise akut um sie sorgen – sind wir oft extrem angespannt und in einem Stressmodus. Dann hilft uns, wenn wir unseren Körper mit dem Atmen beruhigen. Damit aktivieren wir den Vagusnerv, was unser Stresssystem beruhigt.

Dazu müssen wir versuchen, ruhig zu atmen. Nehmen wir ein Beispiel, das wir wohl alle kennen und das ich persönlich nicht mag: Telefonanrufe aus Schule oder Kindergarten. Ich hatte einmal so eine Situation. Mein Sohn hatte den Arm gebrochen und war im Rettungswagen, als die Schule bei mir anrief. Nachdem ich den Hörer abgenommen habe, habe ich zu mir selbst erst mal gesagt: “Atme! Atme!” Diese Sekunde war wichtig, denn dann konnte ich wieder klar denken und darauf bestehen, dass mein Sohn in ein bestimmtes Krankenhaus, das Kinder deutlich besser behandelt, kommt. Wäre ich in Panik gewesen, wäre ich auf diese Idee nie gekommen. Das kommt aber durch Übung!


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