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Interview mit Ratgeberautorin

„Das musst du für dich behalten“: Wie lernen Kinder den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen?

Haben Eltern eine gute Beziehung zu ihren Kindern, werden diese auch mit ihren Sorgen zu ihnen kommen (Symbolfoto).

Haben Eltern eine gute Beziehung zu ihren Kindern, werden diese auch mit ihren Sorgen zu ihnen kommen (Symbolfoto).

Frau Russo, in Ihrem Buch „Psst! Gute und schlechte Geheimnisse“ wollen Sie heikle Themen wie Missbrauch, Mobbing oder seelische und körperliche Gewalt kindgerecht aufgreifen, als Geschichten zum Zusammenlesen von Erwachsenen und Kindern. Wie funktioniert das genau?

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Meine Tochter und ich haben das Buch gemeinsam mit vielen engagierten Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren geschrieben. Sie alle haben ihre eigene Herangehensweise an gute und schlechte Geheimnisse. So enthält unser Buch auch sehr unterschiedliche Kurzgeschichten zu Themen wie Mobbing, Petzen oder eben sexualisierte Gewalt. Sie alle haben eins gemeinsam. Es geht darum, Kindern den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen zu vermitteln. Gleichzeitig wollten wir kein reines Kinderbuch machen, sondern auch den Eltern Tipps für den Umgang mit diesen Themen und erste Ideen für Lösungen an die Hand geben. Deshalb haben wir mit Expertinnen des Kinderschutzbundes zusammengearbeitet.

Was ist der Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen?

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Gute Geheimnisse fühlen sich leicht und wohlig im Bauch an. Wenn ich zum Beispiel ein schönes Geschenk für meine Eltern gebastelt habe und es noch ein paar Tage verstecken muss, kribbelt es im Bauch und ich würde am liebsten sofort zu Mama oder Papa gehen und es verraten. Bei schlechten Geheimnissen fühle ich mich dagegen schlecht. Es fühlt sich schwer oder falsch an, es macht mir Angst und Bauchschmerzen. Diese Art von Geheimnis sollte ich unbedingt mit meinen Eltern oder anderen Vertrauenspersonen teilen.

Autorin Andrea Russo hat als Förderschullehrerin gearbeitet, bevor sie ihren Beruf für das Schreiben von Romanen und Kinderbüchern aufgegeben hat. Mit „Psst! Gute und schlechte Geheimnisse“ hat sie sich gemeinsam mit ihrer Tochter Christin-Marie Below, die ebenfalls Autorin ist, einen Herzenswunsch erfüllt.

Autorin Andrea Russo hat als Förderschullehrerin gearbeitet, bevor sie ihren Beruf für das Schreiben von Romanen und Kinderbüchern aufgegeben hat. Mit „Psst! Gute und schlechte Geheimnisse“ hat sie sich gemeinsam mit ihrer Tochter Christin-Marie Below, die ebenfalls Autorin ist, einen Herzenswunsch erfüllt.

Die Geschichten zum Thema Mobbing oder Petzen habe ich sofort gelesen. Die Geschichte über sexualisierte Gewalt habe ich überblättert. Für ein Gespräch mit meinem Sohn fühlte ich mich noch nicht bereit.

Das kann ich gut verstehen. Deshalb gibt es auch vor jedem Kapitel einen Hinweis auf das Thema der Geschichte. So können die Leserinnen und Leser selbst entscheiden, mit welchem Thema sie sich auseinandersetzen wollen. Außerdem rate ich den Eltern oder Pädagogen, sich im Vorfeld die Geschichte durchzulesen und darüber nachzudenken, über welche Themen und Aspekte man mit dem Kind sprechen möchte. Gleichzeitig sind die Geschichten so gestaltet, dass sie die Kinder nicht verstört zurücklassen, sondern eben auch Lösungen für die schlechten Geheimnisse aufzeigen. All das macht „Psst! Gute und schlechte Geheimnisse“ vielleicht zu keinem klassischen Kinderbuch vor dem Einschlafen, bietet aber gute Hilfestellung, wenn wir mit unseren Kindern über Mobbing oder Gewalt sprechen wollen oder vielleicht sogar müssen.

Wie reagiere ich als Mama oder Papa, wenn mein Kind wirklich mit einem „schlechten“ Geheimnis oder großen Ängsten zu mir kommt?

Wenn mein Kind mit seinen Sorgen und Ängsten zu mir kommt, habe ich schon viel richtig gemacht.

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Wenn mein Kind mit seinen Sorgen und Ängsten zu mir kommt, habe ich schon viel richtig gemacht. Das zeigt nämlich, dass es mir vertraut und sich sicher bei mir fühlt. Diese Verlässlichkeit ist immens wichtig, gleichzeitig muss ich auch meinem Kind vertrauen und es dabei unterstützen, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Das ist die Grundlage für ein stabiles Vertrauensverhältnis. Die Kinder sollten sich gewiss sein, dass sie mit allen Problemen, egal, ob sie selbst etwas angestellt haben oder sie etwas Erlebtes belastet, immer zu ihren Eltern kommen können und man gemeinsam eine Lösung findet. Und das ist auch die angemessene Reaktion auf die Sorge und schlechten Geheimnisse – nicht abtun, sondern zuhören und gemeinsam mit dem Kind eine Lösung finden, und es auch mal in den Arm nehmen.

Wie bleibe ich Ansprechpartner Nummer eins, wenn mein Kind größer wird, in die Pubertät kommt und sich vielleicht stärker abnabelt?

Vertrauen ist ein erlerntes Verhalten und das können wir Eltern ganz einfach stärken, indem wir die Erwartungen als Vertrauensperson erfüllen. Ich muss für mein Kind ansprechbar sein, seine Sorgen ernst nehmen und mich aufrichtig für sein Leben interessieren. Ich muss aber auch zulassen, dass ich manche Dinge eben nicht weiß oder verstehe und trotzdem meinem Kind und seinen Entscheidungen vertrauen – das gilt natürlich besonders für die Pubertät. Gelingt mir das, bleibe ich auch Ansprechpartner Nummer eins bei Problemen.

Vertrauenspersonen gibt es auch außerhalb der Familie. Bei Beziehungstipps spricht man vielleicht lieber mit der coolen Tante, bei schlechten Noten erst mal mit der Oma. Wie können sich Kinder einen erweiterten Vertrautenkreis schaffen?

Ich halte es für ganz wichtig, dass Kinder verschiedene Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für ihre Geheimnisse haben. Mit den Kindern in meinen Klassen habe ich dafür immer das Modell der helfenden Hand besprochen, das auch im Buch vorkommt. Dabei sucht sich das Kind für jeden Finger an der Hand eine Vertrauensperson, vom Daumen bis zum kleinen Finger. Es ist ein gutes Gefühl, für jeden Finger der Hand einen Menschen zu wissen, der mir hilft, wenn es nötig ist. Das können Mama, Papa, Erzieher, Erzieherinnen oder andere Personen sein. Auch ich war als Lehrerin oft Ansprechpartnerin an der helfenden Hand. So können die Kinder sich sicher sein, dass sie immer jemanden finden, der ihnen zuhört und hilft. Das ist gerade in Krisen sehr wichtig.

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Sich anvertrauen ist ein wichtiger Schritt. Aber wie können denn Pädagoginnen oder Eltern schon vorher erkennen, dass mit den Kindern etwas nicht stimmt und aktiv das Zuhören anbieten?

Wenn wir selbst schlechte Geheimnisse mit uns herumtragen, zeigen wir das oft auch unbewusst.

Indem wir mit den Kindern im Gespräch bleiben und eben genau hinsehen. Wenn wir selbst schlechte Geheimnisse mit uns herumtragen, zeigen wir das oft auch unbewusst: Wir haben dann keine Lust, etwas zu unternehmen, ziehen uns zurück oder wirken abwesend. Ähnlich ist es auch bei Kindern. Man sieht einfach, wenn etwas nicht stimmt – man muss nur genau hinsehen und einen Vergleich zu Tagen haben, in denen sie mit lauter schönen Geheimnissen im Bauch durch die Welt gehen. Wenn ich das Gefühl habe, dass etwas nicht in Ordnung ist, sollte ich mit meinem Kind ins Gespräch kommen und im Zweifel lieber einmal zu viel meine Gesprächsbereitschaft signalisieren.

„Psst! Gute und schlechte Geheimnisse“: Müsste ich meiner Mutter erzählen, dass ein Mitschüler verhauen werden soll? Dürfen meine Eltern einfach mein Tagebuch lesen? Welche Geheimnisse verborgen bleiben dürfen und welche ans Licht müssen ist für Kinder oft schwierig zu entscheiden. Das Buch „Psst! Gute und schlechte Geheimnisse“ (Dragonfly/Kinderschutzbund, 16 Euro) hilft Kindern, den wichtigen Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen zu verstehen. Bekannte deutsche Autorinnen und Autoren öffnen im neuen Zusammenlesebuch Kindern ab sechs Jahren und Erwachsenen in liebevoll illustrierten Geschichten und Gedichten Wege, um sensibel ins Gespräch zu kommen. Am Ende jedes Kapitels geben die Herausgeberinnen und der Kinderschutzbund praktische Hinweise und Expertentipps unter anderem zum altersgerechten Umgang mit Themen wie Gewalt und Missbrauch, Privatsphäre und Mobbing.

„Psst! Gute und schlechte Geheimnisse“: Müsste ich meiner Mutter erzählen, dass ein Mitschüler verhauen werden soll? Dürfen meine Eltern einfach mein Tagebuch lesen? Welche Geheimnisse verborgen bleiben dürfen und welche ans Licht müssen ist für Kinder oft schwierig zu entscheiden. Das Buch „Psst! Gute und schlechte Geheimnisse“ (Dragonfly/Kinderschutzbund, 16 Euro) hilft Kindern, den wichtigen Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen zu verstehen. Bekannte deutsche Autorinnen und Autoren öffnen im neuen Zusammenlesebuch Kindern ab sechs Jahren und Erwachsenen in liebevoll illustrierten Geschichten und Gedichten Wege, um sensibel ins Gespräch zu kommen. Am Ende jedes Kapitels geben die Herausgeberinnen und der Kinderschutzbund praktische Hinweise und Expertentipps unter anderem zum altersgerechten Umgang mit Themen wie Gewalt und Missbrauch, Privatsphäre und Mobbing.

Wie reagiere ich darauf, wenn ich erfahre, dass mein Kind gemobbt wird oder ein Kind in meiner Klasse Opfer von sexuellem Missbrauch ist?

Auch das ist ein wichtiges Thema in unserem Buch. Der wichtigste Rat: Ich muss in dieser Situation erst mal durchatmen und Ruhe bewahren. Es hilft nichts, sofort in die Konfrontation zu gehen, im Zweifel verschlimmert es die Situation nur noch. Wir haben in unserem Buch einige Adressen und Ansprechpartner wie den Kinderschutzbund genannt. Im Zweifel ist der Schritt, sich professionelle Hilfe und Beratung zu holen, immer der beste. Fachleute wie Vertrauenslehrkräfte, Experten vom Kinderschutzbund oder eben das Jugendamt wissen genau, was zu tun ist. Auch deshalb ist die Auseinandersetzung mit schlechten Geheimnissen für uns Eltern und Pädagogen so wichtig.

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Wir lernen dabei auch Anlaufstellen kennen, mit denen wir zusammen schnell aktiv werden können. Das gilt übrigens auch für die Kinder selbst. Wir arbeiten deshalb gemeinsam mit dem Verlag und dem Kinderschutzbund an Unterrichtsmaterialien und Begleitmaterial für Kinder. Damit sie auch ohne Erwachsenen erfahren können, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt und wer ihnen hilft.

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