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Mareice Kaiser: eine Autorin und ihr Kampf gegen die Diskriminierung von Müttern

  • Mütter sollen heute alles sein: liebende Weggefährten ihrer Kinder, schön, beruflich erfolgreich – aber geht das überhaupt?
  • Mareice Kaiser zeigt in ihrem neuen Buch „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ nicht nur, wie stark Überforderung, Druck und Perfektionszwang das Leben von Müttern in Deutschland tatsächlich prägen.
  • Sie zeigt auf sehr persönliche und bedrückende Weise auch, dass das herrschende Mütterideal unerreichbar ist.
Jutta Rinas
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Am Ende ihres Buches schreibt Mareice Kaiser einen berührenden Brief an ihre kleine Tochter. „Freiheit“, wünscht sie ihr dort. „Ein freies, selbstbestimmtes Leben für alle, die Familie leben wollen.“ Ein Leben für Mütter und Väter aller Art soll das sein: „Ohne finanziellen Druck wegen der Erwerbsarbeit, ohne die Frage, ob eine Arbeitspause wegen eines Kindes deine Karriere gefährdet“, ohne Leistungsdruck und Konkurrenz zwischen „Müttern, zwischen Eltern, zwischen Menschen mit und ohne Kindern“.

Das ist die Wunschvorstellung der Chefredakteurin des Onlinefrauenmagazins „Edition F“, das Ideal für eine bessere Zukunft von Menschen mit Kindern. Auf den 236 Seiten davor geht es in Kaisers neuem Buch „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ darum, dass die Realität in der Bundesrepublik Deutschland eine ganz andere ist – und dass sie immer noch vor allem Mütter betrifft. „Ich bin so müde. Dabei will ich mehr schreiben und mehr tanzen und singen, wieder singen. In der Realität bin ich froh, wenn ich es schaffe, meine Fingernägel zu schneiden und manchmal, wenn es richtig gut läuft, sie zu lackieren“ – so fängt Kaisers Buch an. Es ist der Beginn eines Parforceritts durch Politik und Gesellschaft, der zeigt, an wie vielen Stellen Frauen mit Kindern heutzutage benachteiligt sind.

Kaiser kombiniert ihre eigenen Erfahrungen mit Interviews, Statistiken, wissenschaftlichen Studien. Ihre Analyse ist von umfassender Expertise geprägt und zugleich so bedrückend, dass man sich manchmal fragt, was das eigentlich für eine merkwürdige Spezies ist, die trotz der Gefährdung der eigenen Karriere, trotz der Gefahr für das Abrutschen in prekäre Lebensverhältnisse, Altersarmut, eigentlich noch Kinder bekommt.

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Dabei besteht kein Zweifel: Auch moderne, junge Väter sind oft müde, wenn ihre Kinder klein sind. Durchwachte Nächte gehören zum Aufwachsen der Kinder auch für sie heute dazu – anders als zu Zeiten der Nazi-Herrschaft in Deutschland. Kaiser zitiert die Ärztin Johanna Haarer, die in ihrem Bestseller „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ empfahl, Babys nicht zu „verzärteln“, sondern sie so lange schreien zu lassen, bis sie begriffen haben, dass ihnen „ihr Schreien nichts nützt, und sie still sind“. Wie elementar der Unterschied zwischen Müttern und Vätern dennoch ist, wenn die Geburt eines Kindes ansteht, kann Kaiser ganz schlicht an einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen.

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Mareice Kaiser ist Journalistin, Autorin und Kolumnistin. Seit März 2020 ist sie Chefredakteurin des Onlinemagazins „Edition F“. Mit ihrem Blog „Kaiserinnenreich“ wurde sie 2014 mit dem Newcomer-Preis der Goldenen Blogger und 2015 mit dem Bestes-Tagebuch-Preis der Goldenen Blogger 2 ausgezeichnet. Für ihr gesellschaftliches Engagement erhielt sie 2017 den Blogfamilia Award. 2018 wurde sie mit ihrem Artikel „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ für den Deutschen Reporter:innenpreis nominiert. © Quelle: Rowohlt

Darin geht es darum, was die Ganztagsbetreuung von Kindern im Grundschulalter für Konsequenzen für Eltern hat. Väter kommen – so Kaiser – nur in zwei Sätzen vor. Sie werden in der Studie nämlich gar nicht berücksichtigt, weil „nahezu alle Väter mit Kindern im Grundschulalter bereits einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachgehen“. Begriffe wie „working mum“ oder „Karrierefrau“ zeigten zudem immer noch, wie wenig selbstverständlich eine erfolgreiche berufliche Tätigkeit für Mütter ist, schreibt Kaiser: „Ab dem positiven Schwangerschaftstest denken werdende Mütter über ihre Berufstätigkeit nach. Werdende Väter denken währenddessen vielleicht darüber nach, ob sie zwei oder vier Vaterschaftsmonate nehmen.“

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Wie wenig wertgeschätzt berufstätige Mütter werden, kann man aktuell auch an den Angriffen auf die grüne zweifache Mutter und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sehen. Sie gehen selbst federführenden Frauen aus anderen Parteien deutlich zu weit. „Ich bin Sozialdemokratin und möchte, dass Olaf Scholz Kanzler wird“, twittert Carline Mohr, immerhin SPD-Social-Media-Chefin mit fast 38.000 Followern. „Trotzdem ist es mir wichtig, auch öffentlich einmal festzuhalten: Die oft misogyne Hetze gegen Annalena Baerbock ist indiskutabel. Dafür verdient sie Solidarität. Ich möchte nämlich auch mehr Frauen in der Politik“, schreibt die 35-Jährige unter @mohrenpost weiter.

Mutterschaft als wesentlicher Grund für den Gender Pay Gap, die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen also, Mutterschaft als Armutsrisiko besonders für Alleinerziehende, als Glückskiller (laut eine Studie verschlechtert sich bei einem Drittel aller Mütter das mentale Wohlbefinden in den ersten sieben Jahren nach der Geburt deutlich), als tägliche Zerreißprobe im Alltag, Schönheits- und Sexkiller – Mareice Kaiser dekliniert in ihrem Buch eine schier nicht enden wollende Kaskade von strukturellen Benachteiligungen von Frauen durch ihre Mutterschaft durch.

Das ist umso bedrückender zu lesen, weil die 40-Jährige eine so begeisterte Mutter ist. Kaisers Buch erzählt auch vom Glück, das Kinder für Eltern bedeuten. „Ich liebe es, Mutter zu sein“, schreibt sie an einer Stelle. So ein Satz wiegt umso schwerer, weil Kaiser eine Zeit ihres Lebens auch mit ihrer mehrfach behinderten ersten Tochter geteilt hat. Im Alter von vier Jahren ist sie gestorben. Kaiser lässt keinen Zweifel daran, wie sehr sie das Leben mit diesem Kind wollte, genauso wie das mit ihrem zweiten Kind, ebenfalls einer Tochter, mittlerweile im Grundschulalter.

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Überdeutlich merkt man es, wenn sie davon erzählt, wie sie mit Herzklopfen vor dem Schultor ihrer Tochter wartet, oder ihr so oft am Tag „Ich hab’ dich lieb“ sagt, bis ihr Kind mit „Ich weiß“ antwortet. Überdeutlich merkt man es, wenn sie beschreibt, wie sehr sie bedauert, dass die Corona-Krise das Leben der Tochter genauso wie das der berufstätigen Mutter so stark einschränkt. Vor allem Mütter, das weiß man mittlerweile, mussten in der Corona-Krise auch Lehrerin, Therapeutin und Putzfrau sein. „Ich versuche stark, groß, zuversichtlich für dich zu sein“, schreibt Kaiser, die in der Corona-Krise mit einer Depression kämpfte, in einem weiteren Brief an ihre Tochter: „Ich weiß nicht, wie lange ich es noch kann.“

Mareice Kaiser: „Das Unwohlsein der modernen Mutter“. Rowohlt Polaris. 265 Seiten, ISBN: 349900349X, 16 Euro. © Quelle: Rowohlt

Was aber ist das Fazit aus diesem Widerspruch zwischen Mutterliebe und der ständigen Existenz am Rande des Burn-out? Keine Kinder kriegen? Kinder kriegen und leiden? In Mareice Kaisers Fall hilft ein modernes Familienbild. Sie teilt sich die Erziehung der Tochter mit dem getrennt lebenden Vater. „Mutti ist der Beste“, schreibt sie dazu. Genauso wichtig ist aus Kaisers Sicht aber die Erkenntnis, dass Mutterschaft kein individuelles Problem, sondern „politisch as fuck“ ist. „An Müttern sehen wir die Auswirkungen von Familien-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, und zwar von allen gleichzeitig. Meine These ist: Eine Politik, die sich an Müttern ausrichtet, ist eine gute Politik für alle“, hat sie unlängst in einem Interview gesagt. In Zeiten, in denen eine Bundestagswahl unmittelbar bevorsteht, könnte das gerade für Familien ein Denkanstoß für das Kreuzchen am Wahltag sein.

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